Helmut Krausser
UC
Ekkehart Rudolph, Stuttgarter Zeitung vom 02.10.2003, veröffentlicht am 22.11.2004
Foto: Verlag
UC: schon mal gehört? So lautet der Titel des Romans von Helmut Krausser. Der Autor, geboren 1964 in Esslingen, hat in mehreren Romanen die Themen Sexualität und Tod, Wahn und Realität in Variationen durchgenommen und gilt seither als bemerkenswerte literarische Erscheinung. UC bedeutet Ultrachronos, ein Begriff, den der Brockhaus nicht kennt. Der Autor erklärt, Ultrachronos sei "der Film, der vor dem Auge des Sterbenden abläuft und alles ihm Wesentliche noch einmal in Erinnerung ruft. Die höchste Transzendenzstufe einer menschlichen Entität." Na bitte: Krausser fügt seinem Thema eine weitere Variation hinzu.
Der Protagonist seines Romans, der da ultrachronistisch Rückschau hält, bevor er aus dem Fenster fällt, heißt Arndt Hermannstein, ist Ende dreißig und ein erfolgreicher, weltberühmter Dirigent. Allerdings erinnert er sich nur marginal an bedeutende musikalische Ereignisse. Vorzugsweise vergegenwärtigt er Frauen, die ihn zeitweise begleitet und das Bett mit ihm geteilt haben. Die intimen Details erscheinen ihm dabei besonders deutlich. Der Konflikt, der ihn daneben beschäftigt und bedrängt, ist ein Mord, der zwanzig Jahre zurückliegt. Nach neuen Erkenntnissen ermittelt die Polizei in dem alten Fall, und Hermannstein gerät in Verdacht, weil er am Mordtag mit dem Opfer zusammen war und sich einer Vernehmung durch Flucht entzieht. Ein Kriminalroman also? Nicht nur. Das wäre dem anspruchsvollen Autor zu simpel. In der vielschichtig und vielstimmig verschachtelten Erzählung geht es vor allem um das Verhältnis von Sein und Zeit, von Leben und Tod, ja, sogar um die Zeit danach, wenn "wir endlich Licht sind, reines Licht".
Sub specie aeternitatis also fragt sich Hermannstein, wie er die Zeit, die ihm gegeben wurde, genutzt hat. Die ernüchternde Antwort findet er mit Hilfe eines undurchsichtigen Schriftstellers, der einen Roman über ihn schreibt. Der Mann ist nicht nur über den Lebensweg Hermannsteins genau informiert, er scheint ihn auch auf geheimnisvolle Weise zu steuern, jedenfalls ist er schicksalhaft mit ihm verklammert.
Andersens Märchen "Der Schatten", das als Vehikel stückweise dem Text einverleibt ist, soll das wohl deutlich machen. Der Schriftsteller, der offensichtlich im Auftrag einer anonymen höheren Autorität handelt, ist zudem Guru einer "chronobiotischen Forschungsgemeinschaft". Der verstiegene esoterische Unsinn, den er in dieser Rolle verbreitet, wird dem Leser auf nicht weniger als vierzig Seiten zugemutet.
Spätestens da verliert man die Geduld. Die Trennlinien zwischen Realität, Erinnerung, Fantasie und Spekulation werden unscharf, die Geschichte verkommt zu einer schwer genießbaren Mischung aus Porno, Krimi und Mystery. Kann sein, dass Krausser das als ultrachronistische Vision versteht. Den Leser überzeugt er damit nicht. Der fragt sich indessen, was diesen Autor in der literarischen Öffentlichkeit überhaupt hat interessant werden lassen. Wahrscheinlich dies: der Mann kann tatsächlich schreiben. Wie er Darstellungen unterschiedlicher Art bildhaft zu artikulieren vermag, welche Metaphern, Vergleiche, originellen Neuwörter er findet, wie sicher er Dialoge formuliert: das bezeugt, sieht man von ein paar Entgleisungen ab, ein beachtliches schriftstellerisches Vermögen. Es wäre wirklich schade, wenn er sich seine eso-theobio-sophistische Spinnerei nicht ausreden ließe.
Der Protagonist seines Romans, der da ultrachronistisch Rückschau hält, bevor er aus dem Fenster fällt, heißt Arndt Hermannstein, ist Ende dreißig und ein erfolgreicher, weltberühmter Dirigent. Allerdings erinnert er sich nur marginal an bedeutende musikalische Ereignisse. Vorzugsweise vergegenwärtigt er Frauen, die ihn zeitweise begleitet und das Bett mit ihm geteilt haben. Die intimen Details erscheinen ihm dabei besonders deutlich. Der Konflikt, der ihn daneben beschäftigt und bedrängt, ist ein Mord, der zwanzig Jahre zurückliegt. Nach neuen Erkenntnissen ermittelt die Polizei in dem alten Fall, und Hermannstein gerät in Verdacht, weil er am Mordtag mit dem Opfer zusammen war und sich einer Vernehmung durch Flucht entzieht. Ein Kriminalroman also? Nicht nur. Das wäre dem anspruchsvollen Autor zu simpel. In der vielschichtig und vielstimmig verschachtelten Erzählung geht es vor allem um das Verhältnis von Sein und Zeit, von Leben und Tod, ja, sogar um die Zeit danach, wenn "wir endlich Licht sind, reines Licht".
Sub specie aeternitatis also fragt sich Hermannstein, wie er die Zeit, die ihm gegeben wurde, genutzt hat. Die ernüchternde Antwort findet er mit Hilfe eines undurchsichtigen Schriftstellers, der einen Roman über ihn schreibt. Der Mann ist nicht nur über den Lebensweg Hermannsteins genau informiert, er scheint ihn auch auf geheimnisvolle Weise zu steuern, jedenfalls ist er schicksalhaft mit ihm verklammert.
Andersens Märchen "Der Schatten", das als Vehikel stückweise dem Text einverleibt ist, soll das wohl deutlich machen. Der Schriftsteller, der offensichtlich im Auftrag einer anonymen höheren Autorität handelt, ist zudem Guru einer "chronobiotischen Forschungsgemeinschaft". Der verstiegene esoterische Unsinn, den er in dieser Rolle verbreitet, wird dem Leser auf nicht weniger als vierzig Seiten zugemutet.
Spätestens da verliert man die Geduld. Die Trennlinien zwischen Realität, Erinnerung, Fantasie und Spekulation werden unscharf, die Geschichte verkommt zu einer schwer genießbaren Mischung aus Porno, Krimi und Mystery. Kann sein, dass Krausser das als ultrachronistische Vision versteht. Den Leser überzeugt er damit nicht. Der fragt sich indessen, was diesen Autor in der literarischen Öffentlichkeit überhaupt hat interessant werden lassen. Wahrscheinlich dies: der Mann kann tatsächlich schreiben. Wie er Darstellungen unterschiedlicher Art bildhaft zu artikulieren vermag, welche Metaphern, Vergleiche, originellen Neuwörter er findet, wie sicher er Dialoge formuliert: das bezeugt, sieht man von ein paar Entgleisungen ab, ein beachtliches schriftstellerisches Vermögen. Es wäre wirklich schade, wenn er sich seine eso-theobio-sophistische Spinnerei nicht ausreden ließe.
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