Frédéric Beigbeder

Windows on the World

Hans-Joachim Graubner, Stuttgarter Zeitung vom 16.04.2004, veröffentlicht am 22.11.2004
Foto: Verlag

Ein hohes Ziel: "Man muss schreiben, was verboten ist. Heute müssen Bücher das Unsichtbare zeigen, das Unsagbare sagen." Das erhebt ein Autor zum Programm, der sich mit seinen bisherigen Büchern weniger um das Fortkommen der Literatur als vielmehr um den Wirbel in der Literaturszene verdient gemacht hat. Frédéric Beigbeder, als "Enfant terrible der französischen Literatur" verkaufsträchtig etikettiert, nimmt diese Worte aber auch als Alibi, um über die "Tragödie" des 11. September 2001 zu schreiben. Er missbrauche sie "als literarische Krücke", bekennt er in einem Anflug von Selbstkritik.

Tatsächlich kann der 11. September als Tragödie bezeichnet werden. Doch ihr mit der Frage zu begegnen, ob man über sie auch schreiben dürfe, dürfte in erster Linie dazu dienen, das eigene Unterfangen zu erheben. Schließlich ist ebendiese Frage in einem ganz anderen, einem unvergleichbaren Kontext geboren worden: In der Nachkriegszeit fragte sich nicht nur die literarische Gemeinde, ob man das Grauen des Holocaust, ob man das "Unsagbare" künstlerisch darstellen dürfe. Im Zusammenhang mit den Twin Towers hat sich diese Frage aber niemals gestellt. Im Gegenteil: Autoren jedweder Couleur schrieben sich darüber die Finger wund.

Beigbeders kokettierende Entschuldigung seines Buches ist jedoch verständlich. Er will nicht nur über den Fall der Türme schreiben, er will gar in die Türme eindringen, sich zum Zeugen der Katastrophe machen, ihr ein persönliches Gesicht "erfinden". Und er wählt für sein Buch "Windows on the World", jetzt im Ullstein Verlag erschienen, eine Lösung, die billiger und fragwürdiger nicht sein kann. Er erfindet einen Vater, der mit seinen beiden Söhnen just in dem Augenblick im titelgebenden Restaurant des Nordturms frühstückt, als die erste Maschine unter ihnen einschlägt. Beigbeder begleitet diese drei Menschen in einem Countdown der Minuten von 8.30 bis 10.29 Uhr jenes traurigen Tages - eine Anleihe beim Katastrophenfilm, der ja gerade hier von der Realität überholt wurde, wie Beigbeder auch weiß: "Seit dem 11. September wird die Fiktion von der Realität nicht mehr nur übertroffen, sondern ausgelöscht."

Dass und wie er die Fiktion nun aber trotzdem bemüht, ist weder obszön noch skandalös, wie er es wohl gerne hätte. Nein, es ist nur einfallslos, allenfalls noch perfide: Den Tod zweier Kinder miterleben zu müssen bewegt ja selbst den unbewegtesten Leser, sofern ihn diese Art der Katastrophenbewältigung nicht anwidert. Doch der empathische Zugang, der in der Manier eines Hollywood-Melodrams auf das Mitgefühl setzt, entlarvt Beigbeder in vielerlei Hinsicht.

Erstens braucht er tatsächlich eine "Krücke", um überhaupt so etwas wie einen Roman schreiben zu können, der nur der fehlenden Definition des Genres wegen als solcher bezeichnet werden kann. Zweitens muss er sich dazu wochenlang im Ciel de Paris, dem Restaurant im 56. Stockwerk des Tour Montparnasse, herumtreiben, um ein bisschen Mitgefühl für die Opfer des 11. September zu entwickeln. Er will, er muss sich den Ereignissen empathisch nähern und erklärt doch hellsichtig, dass sein Buch "immer 410 Meter unter der Wahrheit" bleibe. Drittens geht es ihm weniger um ein Gedenken an die Opfer als vielmehr um die Folie einer Selbstinszenierung. "Ich will einen autobiografischen Roman schreiben", fasst er sein eigentliches Interesse in Worte. Die glitzernden Fassaden der brennenden Twin Towers braucht er als Spiegel, in dem er die eigene "Tragödie" inszeniert - eine Krücke eben.

Seinen Countdown im Restaurant Windows on the World begleitet daher im Gegenschnitt ein essayistischer Countdown in der Tour Montparnasse, der in eine mitunter larmoyante Selbst- und Zeitkritik mündet. "Die optimistische Epoche" sei mit den Twin Towers eingestürzt, die das Ende der kapitalistischen Utopie signalisiert. Und er, Beigbeder, kürt sich zum Stellvertreter einer Generation, die keine Zukunft hat. "Wir sind Kamikazes, die am Leben bleiben wollen, obwohl unsere Gesellschaft gegen die Wand fährt. Nur die Liebe gibt mir das Recht zu hoffen."

Beigbeder bezichtigt sich, ein hässlicher Selbstverneiner zu sein, ein gescheiterter Vater, und gibt noch allerlei mehr von sich. Unser Mitleid hält sich indes in Grenzen, denn er begegnet nicht nur der Welt, sondern auch sich selbst mit dem von ihm gewohnten Zynismus. Und er gefällt sich noch immer in der provokanten Haltung des dandyhaften Antigelehrten. So erhebt er sich über das intellektuelle Establishment Frankreichs, indem er dessen Kritik an der US-Politik als Reflex abtut und eine Liebeserklärung an McDonald’s dagegensetzt. Nebenbei bricht er längst gebrochene sexuelle Tabus und schert sich wieder mal einen Kehricht um Political Correctness. Auch das ist weder skandalös noch sonderlich inspiriert.

Beigbeders Analyse einer Welt aber, in der vaterlose junge Männer und Frauen ohne Liebe und Aussicht auf eine Zukunft aufwachsen, wirkt solide - auch wenn seine Einsichten nicht originell sind. Nicht verleugnen kann er die Nähe zu seinem Freund Michel Houellebecq und dessen pessimistischer Weltsicht. Beide resignieren angesichts der Entwicklung einer kapitalistischen Gesellschaft, deren menschenverachtende, individualistische Komponente von den Auswirkungen der Achtundsechziger-Revolte ironischerweise zur Blüte getrieben worden ist. Und beide träumen von einer wahren Liebe.

Beigbeders neues Buch verstärkt den Eindruck, dass seine eigentliche Berufung nicht die Literatur ist. Er ist ein brauchbarer Journalist, ein kulturkritischer Essayist, der mit leichter Hand durchaus pointierte Betrachtungen zu Papier bringen kann. Das zeigte sich in seiner "Letzten Inventur vor dem Ausverkauf", einem Band, der kurze Literaturkritiken enthält. Das zeigte aber auch schon sein Roman "39,90", der aus der Sicht des Insiders die Mechanismen und Zynismen einer losgelassenen Werbebranche, "des bewaffneten Arms des Kapitalismus", auf den Punkt bringt, literarisch aber enttäuscht. "Windows on the World" ist in dieser Hinsicht ein Offenbarungseid. Die Minuten bis zum Zusammenbruch des Tower werden Beigbeder zu lang, er kann das ganze Melodram der Kleinfamilie szenisch gar nicht füllen. Mehr und mehr geht er deshalb zum Fading zwischen Drama und Essay über.

Ein Resümee? Auf Beigbeders rhetorische Eingangsfrage könnte man erwidern: Worüber ein Autor nicht schreiben kann, darüber sollte er schweigen. Diese leicht abgewandelte Wittgenstein-Sentenz wäre die beste Antwort auf die Zweifel des bald vierzigjährigen Franzosen an seinem Vorhaben gewesen. Salopper ausgedrückt: die autobiografisch grundierten Romanpassagen hätten gereicht.
 

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