Helmut Krausser

Schmerznovelle

Cord Beintmann, Stuttgarter Zeitung vom 30.08.2001, veröffentlicht am 22.11.2004
Foto: Verlag

Helmut Krausser erzählt wie jemand, dem es Genuss bereitet, seinen Zuhörern eisige Schauder über den Rücken zu jagen. Dabei ist der Grusel, den Krausser sich ausgedacht hat, nicht von der derb-ordinären Art, sondern in mondänen Samt gebettet. Denn Johanna Palm, die an Schizophrenie erkrankte weibliche Hauptfigur seiner "Schmerznovelle", ist keine Insassin einer trostlosen psychiatrischen Anstalt, sondern ein attraktives Objekt männlicher Begierde, das alleine ein Haus in einem noblen österreichischen Badeort bewohnt. Und der männliche Protagonist des Buchs, ein Psychiater, verfügt als "führender deutscher Spezialist auf dem Gebiet sexueller Aberration" über eine todschicke Berufsbezeichnung.

An Sex ist er nicht bloß wissenschaftlich interessiert. Wie wunderbar ist es also für ihn, dass jene Johanna gleich beim ersten Treffen ihren Pullover lüftet, unter dem sich kein weiteres Kleidungsstück verbirgt. Johanna, die Witwe eines Künstlers, der sich vor Jahren das Leben nahm, ist für den Psychiater gleich doppelt interessant: sexuell und als Patientin. Bisweilen senkt Johanna ihre Stimme in männliche Tiefen, und dann spricht ihr verblichener Gatte Ralf aus ihr. Und Ralfs Mutter erhält gruseligerweise noch nach dem Tode ihres Sohnes von ihm Briefe, die in Wahrheit natürlich die schizophrene Witwe Johanna verfasst hat.

Mag sein, dass Schizophrenie solche Seltsamkeiten gebiert. Krausser versteht es auch, das Unheimliche der Konfrontation eines "Gesunden", eben jenes Psychiaters, mit einer buchstäblich Ver-rückten beklemmend umzusetzen. Alles wäre gut, trüge Krausser nicht so dick auf. Im Erotischen wird nichts ausgelassen. Der auf Abweichung spezialisierte Psychiater muss immer mal wieder seinen sexuellen Überdruck ganz alleine und höchstselbst entladen. Seine "Patientin" und er ziehen, koital engagiert, eine Grabplatte einer Matraze vor. Auch Toilettensex und düstere Kellerorgien fehlen nicht.

Eine krude Mischung aus Edelporno und Psychomoritat hat Krausser da gemixt. Wie schade. Solide hält er die Spannung in Gang und bietet lakonisch zupackende Sätze. Unangenehm aber ist die männliche Breitbeinigkeit, mit der Krausser Sexuelles präsentiert. Dann wieder bemüht er einen verblasenen Hochton ("Kinderspiel, das seine Göttlichkeit aufleuchten ließ") oder versucht sich kitschnah so: "Wie der letzte Schimmer einer untergehenden Sonne leuchtete die Frage tief in mich hinein: Wer bist du?" Manches mag als Rollenprosa durchgehen. Dennoch flackert stets des Autors heißes Bemühen um höhere, philosophisch durchgeknetete Sinngebung durch.

Kraussers Novelle blinkt und gleißt. Doch in ein aufregendes Ende mündet sie nicht. Ein angestrengter Text, der verpufft.
 

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