Chris Catlin

Brudersuche

Britta Gürke, dpa , veröffentlicht am 22.03.2005
Foto: Verlag

Alle ihre vier Söhne sahen die Eheleute Steffens aus dem rheinischen Weilerswist in den Zweiten Weltkrieg ziehen - am Ende kam nur der Älteste wieder nach Hause. Er musste der Mutter versprechen, dem Schicksal seiner Brüder nachzugehen. Für Heinz Steffens begann damit eine erschütternde Reise in die Vergangenheit. Jahrzehnte später stieß der britische Journalist Chris Catlin auf die Geschichte der Familie Steffens und war davon so berührt, dass er selbst begann, nachzuforschen. Seine Ergebnisse fasste er nun in dem Roman "Brudersuche" zusammen.

"Was die Familie Steffens erdulden musste, ist extrem, aber nur ein Beispiel für die Tragödien, die sich damals ereigneten", sagt Catlin, der zwölf Jahre in Deutschland arbeitete und heute im englischen Lincolnshire lebt. Bereits in den 60er Jahren hatte er die Steffens über einen Schüleraustausch kennen gelernt. Von ihrer Familiengeschichte erfuhr er erst später und fühlte sich an das Kinodrama vom "Soldat James Ryan", dem letzten Überlebenden von vier amerikanischen Brüdern, erinnert. Auch die Geschichte der Steffens wird jetzt verfilmt. Der Westdeutsche Rundfunk (WDR) arbeitet zur Zeit an einer Mischung aus Fernsehfilm und Dokumentation.

"Ich habe die Erfahrung gemacht, dass viele Deutsche meiner Generation, die direkt nach dem Krieg geboren wurden, nur eine vage Vorstellung von dem außerordentlichen Schicksal ihrer Familien haben. Auch im Ausland ist das tägliche Leiden der deutschen Bevölkerung nur selten thematisiert worden. All das muss endlich erzählt werden", erklärt Catlin, Jahrgang 1946. "Einem Ausländer fällt das leichter."

Als Catlin vor fünf Jahren mit seinen Nachforschungen begann, war der älteste Sohn Heinz, der sich in den frühen 60er Jahren auf die Suche nach seinen Brüdern gemacht hatte, bereits tot. Auch sein Bruder Ludwig, der als gefallen galt, Jahre nach Kriegsende aber aus der Gefangenschaft heimkehrte, konnte ihn nicht mehr unterstützen.

"Ich hatte von Heinz' Sohn, mit dem ich seit vielen Jahren befreundet bin, eine Kiste mit Briefen der Mutter und der Söhne erhalten", erzählt Catlin. "Das war mein einziger Ausgangspunkt." Catlin befragte Zeitzeugen in Deutschland, Holland und Tschechien, durchsuchte Archive und studierte Feldberichte.

Das Bild, das sich ihm schließlich bot, war erschütternd: "Ernst war an der Ostfront gestorben. Sein Bruder Ludwig wurde in Ostpreußen als gefallen gemeldet, Günter, der Jüngste, in Holland. Heinz war von einem Militärgericht wegen defätistischer Äußerungen zum Tode verurteilt worden, wurde aber verschont, weil seine Mutter "dem Führer schon drei Söhne geopfert" hatte."

Besonders das Schicksal ihres Jüngsten ließ der Mutter keine Ruhe. Zu groß erschienen ihr die Ungereimtheiten, die sich aus der Nachricht der Wehrmacht über Günters Tod ergaben.

Was wirklich mit Günter geschehen war, konnten weder dessen Bruder noch Catlin herausfinden. Im Roman jedoch gibt es eine Lösung, denn für "Brudersuche" verband Catlin reale Ereignisse und Personen mit Erfundenem. So ergibt sich im Buch die Möglichkeit, dass Günter desertiert sein könnte und unter neuem Namen weiterlebte. Dem Leser erscheint diese Vorstellung zwar zunächst verlockend. Da aber nicht immer klar ist, wo Realität in Fiktion übergeht, bleiben viele Fragen nach den tatsächlichen Geschehnissen am Ende offen.

"Letztlich ist es nicht wichtig, was wahr ist und was nicht", meint Catlin dazu. Ereignisse wie das Untertauchen Günters im Roman seien in dieser Zeit an anderer Stelle tatsächlich passiert. Tausende Familien hätten nach dem Krieg damit leben müssen, nicht zu wissen, wie der Sohn, Bruder oder Ehemann tatsächlich gestorben sei. "Wer im Krieg einen geliebten Menschen verloren hat, hat seine Träume, dass alles ganz anders gewesen sein könnte. Das muss auch so sein."
 

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