Philip Roth
Verschwörung gegen Amerika
Thomas Burmeister, dpa, veröffentlicht am 23.08.2005
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Könnte Amerika faschistisch werden? Lässt sich ausschließen, dass die größte westliche Demokratie in die Fänge eines von düsteren Mächten ferngesteuerten Präsidenten gerät? Philip Roth, zweifellos einer der bedeutendsten amerikanischen Schriftsteller, hat diese Fragen in seinem jüngsten, wieder stark autobiografischen Roman aufgeworfen. Zu seinen Inspirationen gehörten die Ereignisse am 11. September 2001 und danach. Herausgekommen ist ein politischer Fantasy-Roman, der Angst macht.
In den USA erschien "Verschwörung gegen Amerika" ("The Plot Against America") 2004 wenige Wochen vor der Entscheidung zwischen George Bush und John Kerry. Sofort wurde spekuliert, Altmeister Roth wolle sich damit ähnlich wie viele andere liberal gesinnte Künstler im Präsidentschaftswahlkampf gegen Bush engagieren. Vergleiche mit der amerikanischen Realität drängen sich bei der Lektüre zwar unwillkürlich auf, dennoch hat Roth alles andere als eine Agitationsschrift vorgelegt.
Sein Werk zeigt mit Gültigkeit weit über einen Wahlkampf und eine Präsidentenamtszeit hinaus, was aus einem freien und toleranten Land werden kann, wenn es in die Fänge politischer Fanatiker gerät. Der inzwischen 72-jährige Nachfahre jüdischer Einwanderer aus Osteuropa erweist sich einmal mehr auch im Rentenalter als Schreibgenie. Und einmal mehr wurde von einigen Kritikern - wie nach "Amerikanisches Idyll" 1997, "Mein Mann, der Kommunist" 1998 und "Der menschliche Makel" 2000 - die Frage aufgeworfen, wann das endlich auch vom Nobelpreiskomitee anerkannt wird.
Meisterhaft stellt der Autor aus der Erzählperspektive des kleinen Schuljungen Phil Roth in einem rein jüdischen Viertel Newarks dar, wie Amerika in politischer Dunkelheit versinkt. Zu den dokumentarischen Materialien, die er verwendet, gehört eine Rede, die der Atlantiküberquerer Charles Lindbergh auf den Tag genau 60 Jahre vor der Zerstörung der Zwillingstürme des World Trade Center gehalten hat.
"Wer sind die Kriegstreiber?" war der Titel. Der weltbekannte Pilot warnte damals Präsident Roosevelt davor, die USA auf Drängen von Briten und Juden gegen Nazideutschland in den Krieg zu führen. Zu den größten Gefahren für Amerika, so Lindbergh, gehöre der "Einfluss der Juden auf unsere Filmindustrie, unsere Presse, unseren Rundfunk und unsere Regierung". Briten und Juden wollten Amerika "aus Gründen, die unamerikanisch sind, in diesen Krieg hineinziehen".
Die Rede des Nazisympathisanten Lindbergh ist real, so aberwitzig sie 60 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges erscheinen mag. Er hielt sie am 11. September 1941 auf einer Kundgebung des nationalchauvinistischen America First Committee in De Moines (US- Bundesstaat Iowa).
Frei von Roth erfunden ist "nur", was dann passierte: Roosevelt verliert die Wahl. Lindbergh zieht ins Weiße Haus ein. Die USA paktieren mit Hitlerdeutschland. Für Amerikas Juden wird zwar noch nicht die "Endlösung", aber doch als erste Stufe eine zwangsweise Zerstreuung und Umsiedlung in christlich dominierte Bundesstaaten in Angriff genommen. Schließlich bricht die staatlich geförderte Gewalt gegen Juden offen aus.
Die verblüffende Erklärung, die allerdings einen schalen Beigeschmack hinterlässt: Lindberghs Baby war 1932 nicht von einem Halbirren, sondern von den deutschen Nazis entführt worden. Die verwesende Leiche, die man in einem Waldstück gefunden hatte, war die eines anderen, zwecks Verschleierung getöteten Kleinkindes. Charles Junior wuchs zum strammen Nazi - und als Geisel des Hitlerregimes - heran. Mutter und Vater wurden mit der Drohung erpresst, der Sohn werde an der Ostfront für Volk und Vaterland sein Leben lassen, wenn Präsident Lindbergh die USA nicht auf deutschfreundlichem Kurs halte.
Ein bisschen zu viel düstere Fantasie? Wohl schon. Und das ist schade, denn selbst oder gerade für Amerikaner sollte die Auseinandersetzung mit der Frage wichtig sein, ob aus der eigenen Gesellschaft Faschismus erwachsen kann. Ganz ohne fremdes Zutun. Roth kommt dem Problem des Demokratieabbaus in Zeiten, da überall der "Osama-Teufel" an die Wände gemalt und das Gerede vom Krieg der Kulturen hoffähig wird, durchaus nahe. Dass am Ende nichts wirklich hausgemacht Amerikanisches, sondern die steuernde Hand der deutschen Nazis schuld ist, könnte Amerika zu sehr aus der Pflicht nehmen, sich kritisch mit sich selbst zu beschäftigen.
In den USA erschien "Verschwörung gegen Amerika" ("The Plot Against America") 2004 wenige Wochen vor der Entscheidung zwischen George Bush und John Kerry. Sofort wurde spekuliert, Altmeister Roth wolle sich damit ähnlich wie viele andere liberal gesinnte Künstler im Präsidentschaftswahlkampf gegen Bush engagieren. Vergleiche mit der amerikanischen Realität drängen sich bei der Lektüre zwar unwillkürlich auf, dennoch hat Roth alles andere als eine Agitationsschrift vorgelegt.
Sein Werk zeigt mit Gültigkeit weit über einen Wahlkampf und eine Präsidentenamtszeit hinaus, was aus einem freien und toleranten Land werden kann, wenn es in die Fänge politischer Fanatiker gerät. Der inzwischen 72-jährige Nachfahre jüdischer Einwanderer aus Osteuropa erweist sich einmal mehr auch im Rentenalter als Schreibgenie. Und einmal mehr wurde von einigen Kritikern - wie nach "Amerikanisches Idyll" 1997, "Mein Mann, der Kommunist" 1998 und "Der menschliche Makel" 2000 - die Frage aufgeworfen, wann das endlich auch vom Nobelpreiskomitee anerkannt wird.
Meisterhaft stellt der Autor aus der Erzählperspektive des kleinen Schuljungen Phil Roth in einem rein jüdischen Viertel Newarks dar, wie Amerika in politischer Dunkelheit versinkt. Zu den dokumentarischen Materialien, die er verwendet, gehört eine Rede, die der Atlantiküberquerer Charles Lindbergh auf den Tag genau 60 Jahre vor der Zerstörung der Zwillingstürme des World Trade Center gehalten hat.
"Wer sind die Kriegstreiber?" war der Titel. Der weltbekannte Pilot warnte damals Präsident Roosevelt davor, die USA auf Drängen von Briten und Juden gegen Nazideutschland in den Krieg zu führen. Zu den größten Gefahren für Amerika, so Lindbergh, gehöre der "Einfluss der Juden auf unsere Filmindustrie, unsere Presse, unseren Rundfunk und unsere Regierung". Briten und Juden wollten Amerika "aus Gründen, die unamerikanisch sind, in diesen Krieg hineinziehen".
Die Rede des Nazisympathisanten Lindbergh ist real, so aberwitzig sie 60 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges erscheinen mag. Er hielt sie am 11. September 1941 auf einer Kundgebung des nationalchauvinistischen America First Committee in De Moines (US- Bundesstaat Iowa).
Frei von Roth erfunden ist "nur", was dann passierte: Roosevelt verliert die Wahl. Lindbergh zieht ins Weiße Haus ein. Die USA paktieren mit Hitlerdeutschland. Für Amerikas Juden wird zwar noch nicht die "Endlösung", aber doch als erste Stufe eine zwangsweise Zerstreuung und Umsiedlung in christlich dominierte Bundesstaaten in Angriff genommen. Schließlich bricht die staatlich geförderte Gewalt gegen Juden offen aus.
Die verblüffende Erklärung, die allerdings einen schalen Beigeschmack hinterlässt: Lindberghs Baby war 1932 nicht von einem Halbirren, sondern von den deutschen Nazis entführt worden. Die verwesende Leiche, die man in einem Waldstück gefunden hatte, war die eines anderen, zwecks Verschleierung getöteten Kleinkindes. Charles Junior wuchs zum strammen Nazi - und als Geisel des Hitlerregimes - heran. Mutter und Vater wurden mit der Drohung erpresst, der Sohn werde an der Ostfront für Volk und Vaterland sein Leben lassen, wenn Präsident Lindbergh die USA nicht auf deutschfreundlichem Kurs halte.
Ein bisschen zu viel düstere Fantasie? Wohl schon. Und das ist schade, denn selbst oder gerade für Amerikaner sollte die Auseinandersetzung mit der Frage wichtig sein, ob aus der eigenen Gesellschaft Faschismus erwachsen kann. Ganz ohne fremdes Zutun. Roth kommt dem Problem des Demokratieabbaus in Zeiten, da überall der "Osama-Teufel" an die Wände gemalt und das Gerede vom Krieg der Kulturen hoffähig wird, durchaus nahe. Dass am Ende nichts wirklich hausgemacht Amerikanisches, sondern die steuernde Hand der deutschen Nazis schuld ist, könnte Amerika zu sehr aus der Pflicht nehmen, sich kritisch mit sich selbst zu beschäftigen.
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