Robert Kempner

Ankläger einer Epoche

AP, veröffentlicht am 18.11.2005
Foto: AP

Berlin - Seine Mutter war die zweite deutsche Professorin, sein Taufpate der berühmte Mediziner und Nobelpreisträger Robert Koch. Doch Robert Kempner interessierte sich mehr für die Rechtswissenschaften als für Infektionskrankheiten. Als stellvertretender Hauptankläger der USA bei den Nürnberger Prozessen gegen die Hauptkriegsverbrecher wurde er zum "Ankläger einer Epoche", wie er selbst schrieb. Die Prozesse begannen vor 60 Jahren am 20. November 1945.

Vom NS-Regime 1938 ausgebürgert, war Kempner 1945 als Amerikaner im Stab von Hauptankläger Robert H. Jackson im Nürnberger Militärtribunal nach Deutschland zurückgekehrt. Der am 17. Oktober 1899 in Berlin geboren Jurist wuchs in einem liberalen Wissenschaftlerhaushalt auf. Sein Vater war Mediziner, seine Mutter Bakteriologin. Kempner machte zunächst Karriere im preußischen Staatsdienst. Schon früh wandte er sich gegen den erstarkenden Nationalsozialismus. 1931 bewies er als Justiziar der Polizeiabteilung im preußischen Innenministerium Standvermögen, als er verlangte, Hitler wegen Vorbereitung zum Hochverrat und Meineid unter Anklage zu stellen, die NSDAP aufzulösen und Hitler auszuweisen.

Die Rache für diesen Vorschlag ließ nicht lange auf sich warten: Als Hitler 1933 an die Macht kam, wurde Kempner sogleich aus dem Amt gejagt. Ein "Rausschmiss", schreibt er in seinen Memoiren. Kempner floh 1935 nach kurzer Gestapo-Haft nach Italien und von dort aus in die USA. 1939 wurde Kempner Regierungsberater für Franklin D. Roosevelt, später arbeitete er in der War Crimes Commission mit.

Kempners juristische Ausbildung, aber auch seine guten Kenntnisse des deutschen Beamtenwesens machten ihn zu einer Schlüsselfigur bei den Nürnberger Prozessen. Altbundespräsident Richard von Weizsäcker, der seinen Vater Ernst im so genannten Wilhelmstraßen-Prozess mit verteidigte, erinnerte sich an Kempner als einen sehr planmäßigen und konzentrierten Ankläger.

Kempner war es auch, der das Wannsee-Protokoll mit dem Beschluss über die "Endlösung der Judenfrage" aufspürte und auch in den zahlreichen Nachfolgeprozessen die Anklage erfolgreich führte oder unterstützte.

1951 ließ er sich als Anwalt in Frankfurt nieder. In zahlreichen Verfahren führte er seinen Kampf für die Bestrafung der NS-Täter und die Entschädigung der Opfer fort. In seiner Autobiografie "Ankläger einer Epoche" zog Kempner eine positive Bilanz. Die Nürnberger Prozesse seien zu einem politischen Begriff geworden.

Grundsätze der Prozesse, etwa die Achtung der Menschenwürde und der Menschenrechte, seien in das deutsche Grundgesetz aufgenommen worden. Kempner setzte sich auch für die Entschädigungszahlungen der deutschen Wirtschaft für die Zwangsarbeiter in der NS-Zeit ein. Am 15. August 1993 starb er im Alter von 94 Jahren in Lugano.
 

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