John Irving

Bis ich dich finde

Frauke Kaberka, dpa, veröffentlicht am 23.01.2006
Foto: Verlag

Wenn der Inhalt Gottes Werk ist, dann ist der Umfang Teufels Beitrag: John Irving sprengt in seinem neuen Roman "Bis ich dich finde" Dimensionen. Nie war ein Buch von ihm so umfangreich, nie war eins so erotisch, nie gewährte Irving mehr Einblick in seine eigene Vergangenheit. Auf mehr als 1150 Seiten lässt der amerikanische Erfolgsautor zuerst den Jungen und später den Mann Jack Burns nach seinem Vater suchen. Natürlich, so simpel gestrickt ist die Geschichte nicht. Die Suche hat einen besonderen Aspekt: Es ist Irvings eigene. "Ich erzähl euch jetzt was, das wird euch die Hosen ausziehen", gibt er in einem Interview der Zeitschrift "Brigitte" zu verstehen. Doch die lässt eigentlich er fallen.

Zu keiner Zeit war Irving in seinen Romanen zimperlich oder gar prüde, ging es um die Schilderung zwischenmenschlicher Beziehungen. Möglicherweise verschreckt er nun aber einige Fans, denn die Wörter Penis und Brüste sind von Anfang bis Ende anscheinend unvermeidliches Begleitmaterial bei der Suche Jacks nach seinem Vater William.

Wie Jack Burns hat Irving seinen Vater nicht gekannt. Und das macht sicher eine Stärke des Buches aus: die Intensität der Gefühle, die Sehnsucht, die unerklärliche, aber spürbare Bindung zu einem unbekannten Menschen. Um mehr Distanz zu seinem Protagonisten zu bekommen, übertrug der Schriftsteller nach Vollendung des Romans die Handlung von der ersten in die dritte Person, schreibt die "Brigitte". Klar war dem 63-Jährigen aber auch, "dass die Themen des Buches jeden, der auch nur ein halbes Gehirn hat, darauf bringen würden, mich zu fragen, ob mir das auch passiert ist."

Eine andere Stärke seines Werkes ist die penible Zeichnung verschiedener skurriler Typen, die Jack zeitweise oder jahrelang begleiten. Natürlich gehört Jack selbst dazu. Und auch seine Mutter Alice, eine Tätowierkünstlerin, ist eine jener eigenartigen, liebenswerten Figuren. Die junge Frau wird noch vor Jacks Geburt sitzengelassen von ihrem Liebhaber, dem Organisten William Burns. Der Musiker - süchtig nach Frauen und Tätowierungen - verschwindet zwar aus Alices Leben, nicht aber aus Jacks. Schon im Alter von vier Jahren begibt sich der Junge mit seiner Mutter von Kanada aus nach Europa, um William aufzuspüren - anhand eben dieser Wegweiser: Tätowierungen und Liebschaften.

Resigniert, weil erfolglos, kehrt Alice mit ihrem Sohn nach Kanada zurück und wendet sich nach enttäuschenden Beziehungen schließlich ihrem eigenen Geschlecht zu. Jack durchlebt indessen seine Schulzeit, wird mit zehn Jahren von einer sexsüchtigen Matrone verführt und entwickelt seither eine Vorliebe für ältere Frauen. Seine eigentliche, mehr oder weniger platonische Geliebte jedoch wird über Jahrzehnte Emma sein, eine Freundin, die Jack schon früh in die Geheimnisse der Erotik einführt und bis zu ihrem Tod seine Intima bleibt. Der Junge wird Schauspieler - nein, ist es bereits von klein auf, wie Alice fachkundig feststellt. Und erfolgreicher Drehbuchautor, der schließlich einen Oscar einheimst. Auch Irving gewann die Trophäe für das Drehbuch zu seinem wohl erfolgreichsten Roman "Gottes Werk und Teufels Beitrag".

Die Suche nach William geben Alice und Jack auf. Praktisch jedenfalls. Und doch sucht Jack im Geiste ständig die Verbindung zu seinem Vater, ohne sich immer dessen bewusst zu sein. Und findet sie, ebenfalls, ohne dass ihm das klar ist. Auch weiß er nicht, dass William den Werdegang seines Sohnes aufs Genauste verfolgt - unterstützt von nahezu der kompletten Gesellschaft, die Jack umgibt. Im Gegensatz zu Irving selbst, der seinen Vater nie kennen lernen wird, steht Jack William eines Tages gegenüber - dank der Mithilfe seiner Halbschwester. Und wieder gibt es Parallelen zum Autor. Denn auch seine Halbgeschwister suchen eines Tages den Kontakt zu ihm - auch wenn Irvings Vater dann schon tot ist.

Es hat Längen, das neue Buch des Amerikaners, nicht nur des Umfangs wegen. Und doch ist es ein fesselndes, humorvolles, bewegendes, großartiges Werk. Ein "opus maximus, sein Versuch, die großen Fragen des Lebens zu klären", schreibt die "New York Times" etwas zurückhaltend. Der deutsch-amerikanische Schriftsteller und Literaturdozent Kurt Vonnegut aber lässt der Begeisterung für das Werk seines früheren Schülers John Irving freien Lauf: "Ein gewaltiges Buch und zutiefst menschlich".
 

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