"Mozart der Komik"

Erinnerung an Heino Jaeger

Martin Halter, STZ vom 17.02.2006, veröffentlicht am 17.02.2006
Foto: Verlag

Komiker sind selten gut auf Kollegen zu sprechen; aber im neidlosen Lob Heino Jaegers ist sich die Zunft einig. Hanns Dieter Hüsch, sein Entdecker, schwärmte von seiner "Ironie dritten Grades", Olli Dittrich rühmt ihn als unerreichtes Vorbild. Harry Rowohlt fordert seit Jahren eine Werkausgabe, Loriot seufzt: "Wir haben ihn wohl nicht verdient." Acht Jahre nach Jaegers frühem Tod versucht der Zürcher Verlag Kein & Aber jetzt, den "Mozart der Komik" (Eckhard Henscheid) der unverdienten Vergessenheit zu entreißen.

Der "Werkatlas" ist eine schöne Hommage; aber ob er zur Wiederentdeckung des größten deutschen Komikers der siebziger Jahre taugt, ist eher fraglich. Jaeger war ein Solitär ohne Vorbild und Nachfolger, zu sperrig, um populär, zu aberwitzig, um bloß witzig zu sein. Als er, schon psychisch krank, 1984 noch einmal mit einer Ausstellung gefeiert wurde, murmelte er nur: "Das hätte ich gern zu meinen Lebzeiten erlebt."

Jaeger, Jahrgang 1938, war ein origineller Maler und Zeichner, ein begnadeter Komiker, auf der Bühne ein Ereignis, als Mensch durchaus freundlich und begeisterungsfähig. Doch im Leben war ihm nicht zu helfen. Liebeskummer, Alkohol, Depressionen, sozialer Abstieg, Verwahrlosung und Krankheit: 1983 kam er in die Psychiatrie, nachdem er seine Wohnung angezündet hatte; 1997 starb er, apathisch, fast vergessen, in einem Pflegeheim in Bad Oldesloe. Der Lebenskünstler mit dem Talent zur verschwenderischen Selbstzerstörung war in seiner Zeit ein anachronistischer Fremdkörper, ein Traumtänzer, der an seiner anarchischen Fantasie irre wurde.

Jaeger konnte aus dem Stegreif unvergessliche Typen entwerfen und schier alle Sondersprachen, Berufsjargons, Dialekte und Tonfälle nachahmen. Aber irgendwann scheint er den kleinen Unterschied zwischen Realität und Satire, Einfühlung und Parodie, virtuoser Stimmenimitation und schizophrenem Stimmenhören vergessen zu haben. Sein Desperado-Humor war selbstmörderisch: Jaeger äffte Polizei und Behörden, Ärzte, Seelsorger und Sozialhelfer noch nach, als er schon ihr Sorgenkind geworden war. Er biss die Hand, die ihn fütterte, verprellte Auftraggeber, Freunde und Gönner. Aber noch in der Psychiatrie wollten ihn seine Ärzte für ihre Privatpartys engagieren.

Jaeger kam immer zu früh oder zu spät. Als er Ende der Sechziger entdeckt wurde, musste man links oder sensibler Liedermacher sein. Jaeger war unpolitisch, schlimmer: bekennender Nostalgiker. Mit Hingabe studierte er die Spinner und Spießer, die vom Zeitgeist aussortiert wurden: bräsige Kulturfilmer, monomanische Kleintierzüchter, munter schwadronierende Rentner, senile Künstlerlegenden, kregle alte Nazis. Wenn er in den Rumpelkammern der Geschichte das Verdrängte und Vergessene aufstöberte, scheute er sich nicht, Hitler in Wort und Bild neu zu erfinden, bunte Fabelwesen in SS-Uniformen zu stecken oder Kriegstrümmer zum Freizeitidyll umzuschminken. Versteht sich, dass sein eigenwilliger Surrealismus auf Ratlosigkeit oder gar Empörung stieß.

Begabt mit fotografischem Gedächtnis, hellwachem Blick und dem absoluten Gehör für alle Nuancen des Alltagsgeschwätzes, sog Jaeger Stimmen und Stimmungen in sich auf, die er auf der Reeperbahn und bei Expeditionen in die deutsche Provinz und halb Europa gesammelt hatte, um sie, leicht verrutscht und kongenial verfremdet, wiederzugeben. Der schiere Unfug geriet ihm zur treffenden Karikatur, das assoziative Delirium zur präzisen Alltagsethnologie, die "ordnungsgemäße" Beschreibung des scheinbar Selbstverständlichen zur grotesken Fantasmagorie.

In muffigen Trinkhallen und Wanderheimen, in plüschigen Puffs und ausgebombten Industrieruinen fand Jaeger, was er suchte: unversaute Folklore, verschrobene Originale und kaputte Existenzen, die dem Geist der Modernisierung und Rationalisierung trotzten und - im Gegensatz zu den gesichts- und geschichtslosen Neubauten und Funktionsträgern seiner Zeit - noch einer rettenden Komik fähig und würdig waren. Für Hubert Fichte war Jaeger ein "Altmodler". Tatsächlich suchte er Schönheit und Unschuld nicht, wie Fichte, in "authentischer" Exotik oder linkem Kitsch, sondern im Gerümpel auf dem Dachboden, im Müll vor der eigenen Tür (seine Wohnung war ein Rattenloch) - und darin ist er letztlich auch erstickt.

Die Sittenbilder, Monologe und Dramolette Jaegers kamen noch aus keiner Comedy- oder Gagfabrik; alles ist handgemacht, gediegen, mit viel Liebe zum Detail und schräger Poesie ausgetüftelt. Zum Kabarettisten fehlte ihm der Dünkel des intellektuellen Besserwissers, für puren Nonsens ist sein "Jaegerlatein" zu welthaltig. Am ehesten ist seine soziale, sprachliche und phonetische Mimikry vielleicht noch mit der Rollenprosa eines Gerhard Polt zu vergleichen. In der Kunst, Pointen absichtlich zu verhauen und das Publikum dauernd zu enttäuschen, erinnert er von ferne auch an Helge Schneider oder Harald Schmidt. Aber selbst wo Jaeger nur beiläufig-übermütig improvisierte, ging er immer aufs Ganze und setzte die eigene Existenz radikal aufs Spiel.

Auf dem Papier wirken die kurzen Szenen manchmal blass; man muss hören, wie Jaeger nölend, brummend und stotternd, schneidend kalt oder brutal gemütlich seine Typen aufbaut: den konfusen Filmkritiker, den atemlosen Reporter in der Zwirnfabrik, den schneidigen Kriegsveteranen, den stolzen Wurstfabrikanten oder die verwirrte Hausfrau. "Man glaubt es nicht" bietet neben den Erinnerungen seines Freundes und Vormunds Joska Pintschovius und einem sachkundigen Nachwort von Christian Meurer einen guten Überblick über Jaegers Werk, leider ohne Bild- und Textnachweise. Wer den "erbarmungslosen Ohrenzeugen" (Hüsch) und viel begabten Audiovisionskünstler wirklich kennen lernen will, sollte mit den Hörproben anfangen.
 

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