Geh und lebe

Schlomo hat drei Mütter

Ina Hochreuther, veröffentlicht am 06.04.2006
Filmbeschreibung
Wer wird man, wenn man nicht sagen darf, wer man war? Mitte der achtziger Jahre flüchteten tausende äthiopischer Juden vor den Verfolgungen durch die prosowjetische Militärregierung ihres Heimatlandes zu Fuß über die Berge in den Sudan. Sie hofften auf den Staat Israel, der 1984 mit der Luftbrücke "Operation Moses" die einzigen schwarzen Juden der Welt aus den sudanesischen Auffanglagern, wo sie vom Tod bedroht waren, ins "gelobte Land" heimholte.

Achttausend Juden konnten bei dieser Aktion gerettet werden. Weil sich auch Menschen christlichen oder muslimischen Glaubens als Juden ausgaben, um gerettet zu werden, stehen die Flüchtlinge in Israel bis heute unter dem Generalverdacht, ihr Judentum nur vorzugaukeln. Genau einem solchen Schicksal widmet sich nun der rumänischstämmige Regisseur Radu Mihaileanu in dem französischen Spielfilm "Geh und lebe".

Grobkörnige, dokumentarisch wirkende Schwarz-Weiß-Fotos zeigen ein Flüchtlingslager im Sudan. Die Bilder nehmen sandige Farben an und gehen in Bewegung über, wenn eine äthiopische Christin ihren kleinen Sohn (Moshe Agazai) fortschickt zu einer Jüdin, als deren Sohn er sich ausgeben soll. Unendlich langsam vollziehen sich Trennung und Exodus, untermalt von der sehr gefühlsbetonten Musik Armand Amars.

Die Leihmutter gibt dem Jungen den Namen ihres verstorbenen Sohnes, Salomon, genannt Schlomo. Und sie prägt ihm seine neue jüdische Herkunft ein, damit er nicht ausgewiesen wird aus dem Exil. Als sie kurz darauf stirbt, nimmt eine liberale israelische Familie Schlomo auf. So gut sich das Verhältnis zur nunmehr dritten Mutter Yaël (Yaël Abecassis) entwickelt: der Grundkonflikt bleibt. Schlomo vermisst die leibliche Mutter, deren Existenz er zu verleugnen gezwungen ist, um ein neues "Ich" entwickeln zu dürfen in dem Land, das ihn gerettet hat.

Den Filmemacher Radu Mihaileanu, 1980 vor dem Ceaucescu-Regime zunächst Richtung Israel geflüchtet, um sich dann in Frankreich niederzulassen, treiben in seinen Produktionen immer wieder die Themen Identität, Fremdheit, Heimatlosigkeit um. In "Zug des Lebens" (1999) "deportierten" sich rumänische Juden scheinbar listig selbst, um dem Holocaust zu entgehen. Die Helden dieses Films mussten ihr Jüdischsein verleugnen und in deutsche Uniformen schlüpfen, während Schlomo sich anstrengt, die Thora besser zu kennen als die Juden um ihn herum.

Drei Darsteller unterschiedlichen Alters teilen sich die Rolle des schwarzen Kuckuckskinds, das sich im weißen Land auf die Suche nach der eigenen Identität macht. Komische Momente wechseln mit tragischen. Wenn die säkular lebende Familie sich bei Tisch abmüht, für ihren kleinen Pflegesohn ein Gebet zu sprechen, was jener unsicher-verzweifelt zu verhindern versucht, hat das durchaus Witz. Jahre später, als Jugendlicher (Mosche Abebe), wird Schlomo vom orthodoxen Vater seiner Klassenkameradin Sarah (Roni Hadar) bei deren Geburtstagsfeier die Tür gewiesen.

So berührend und nachvollziehbar Schlomos Geschichte sich entwickelt, im letzten Teil verstolpert sie sich und bastelt aus dem Entwurzelten einen Helden. Gerade noch studiert Schlomo (Sirak M. Sabahat) in Paris Medizin, da muss er im Gazastreifen seinen Militärdienst ableisten, und schon ist er als "Arzt ohne Grenzen" in Äthiopien gelandet. Irgendwo zwischen diesen Stationen erkennt Sarah, mittlerweile seine Frau und schwanger, den Kern des Films: "Ist schon verrückt, wie viele Mütter dich lieben."
 
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