Die Zeit, die bleibt

Eine letzte Zigarette am Strand

Ulrich Kriest, veröffentlicht am 20.04.2006
Filmbeschreibung
Ein schlafender, sehr schöner und noch recht junger Mann, um den Hals eine Kette mit gut ausgeleuchtetem Kreuz, im Arm einen nackten Säugling, der mit der linken Hand zusätzlich geschützt wird. Mit solch christlicher Emblematik lockt uns das Filmplakat ins Kino - in den neuen Film des französischen Autorenfilmers François Ozon. So viel vorweg: diese Momentaufnahme eines erfüllten Lebens (die kinderlosen Singles unter unseren Lesern mögen diese knappe Verbeugung vor den kulturellen Codes des Abendlands bitte verzeihen!) wird ein Traumbild bleiben, ein utopischer Fluchtpunkt, der dem Film von außerhalb des Kinosaals zuwächst und eine sehnsuchtsvolle Pointe verschafft.

Im Kino läuft die Geschichte anders: Während eines konzentriert-hitzigen Fotoshootings verliert der erfolgreiche schwule Fotograf Romain (Melvil Poupaud) das Bewusstsein, erwacht im Krankenhaus und sieht sich mit einer schrecklichen Diagnose konfrontiert: Er ist unheilbar krank, nein, kein Aids, sondern ein Tumor, er hat nur noch wenige Wochen zu leben. Da eine Therapie keine Heilung verspricht, beschließt Romain, die verbleibende Zeit nicht im Krankenhaus zu verplempern, sondern - soweit möglich - in Würde selbstbestimmt zu sterben. Doch was bedeutet das? Wie reagiert man auf die Tatsache des eigenen Sterbens? Wie reagiert man darauf, dass die Realität, die Alltagsroutine, der Smalltalk plötzlich eine unangenehm doppeldeutige Dimension bekommen?

Romain möchte nicht über seine Krankheit sprechen, isoliert sich zunehmend von seiner Umwelt, wird zum Beobachter. Schließlich begibt er sich auf die Reise und sucht Begegnungen mit Menschen und Dingen, die ihm (vielleicht) Trost spenden könnten: die Familie, die Sexualität, die Religion. Wohl wissend, dass es sich dabei um letzte Begegnungen handeln könnte, sucht Romain Gespräche, um Dinge zu klären, vielleicht auch, um Spuren zu hinterlassen. Oder aber er verschweigt seine Situation, um andere Menschen zu schützen. Seinen Lover Sasha wirft er aus der gemeinsamen Wohnung, seine Schwester konfrontiert er böse mit jahrelang angestauten Ressentiments, seinen Vater konfrontiert er mit dessen längst verdrängten Affären. Es ist nun aber nicht so, dass der Todgeweihte nur als gnadenloser Rächer durchs Leben streift; er gestattet sich auch zärtliche Annäherungen.

Gerade seine Empfindsamkeit öffnet ihn für Begegnungen: Während der Fahrt zur geliebten Großmutter (Jeanne Moreau) trifft er in einer Raststätte auf eine Bedienung (Valeria Bruni-Tedeschi), mit der er ins Gespräch kommt. Durch seine offene Ernsthaftigkeit und seine Empathie angezogen, wird diese Frau Romain später mit einer in mehrfacher Hinsicht abwegigen Bitte konfrontieren, die allerdings seinem Leben noch einmal auf etwas altmodische Art Sinn verleihen könnte.

Wieder einmal gelingt es dem französischen Erfolgsregisseur auf bemerkenswerte Weise, sein Publikum mit einer neuen Tonart zu überraschen, sich allen Erwartungen an sein êuvre zu entziehen. Nach der turbulenten Allstarkomödie "Acht Frauen" und der ambitioniert rückwärts erzählten Ode an die Liebe "5 x 2" nähert sich der Fassbinder-Apologet Ozon ein weiteres Mal den Themen Tod und Verlust. Nachdem er bereits in "Unter dem Sand" psychologisch präzise erkundet hatte, was es bedeuten kann, einen geliebten Menschen zu verlieren, geht es diesmal um Selbstverlust. Ganz unspektakulär und alles andere als spekulativ begleitet die Kamera in langen Cinemascope-Einstellungen einen Menschen, der unvermittelt beginnen muss, ganz grundsätzlich über seine Existenz und deren Endlichkeit nachzudenken.

Ozon entwirft dabei weder eine männliche Heldengeschichte noch ein simples Rührstück. Auch geht es ihm nicht um das provokante Ausmalen eines drastischvitalistischen Totentanzes mit vielen Drogen im Darkroom. Vielmehr registriert er ausgesprochen geduldig die jeweilige Tagesform eines Protagonisten, der sich in die Rolle eines Darstellers des eigenen Sterbens versetzt sieht und überrascht die Möglichkeiten und Grenzen seiner Handlungsfähigkeit erfährt. Soll er seine Umwelt aggressiv aufklären, abrechnen, um Mitleid heischen, verzweifeln, sich umbringen oder in Selbstmitleid zerfließen?

Vergleichsweise konventionell, kühl und ohne filmische Mätzchen entwirft Ozon hier ein Kaleidoskop menschlicher Beziehungen, die durch die Endlichkeit von Romains Leben auf das Wesentliche kommen. Das resultierende etwas andere Melodram mit männlichem Protagonisten funktioniert nicht zuletzt auf Grund der aufregenden darstellerischen Leistungen von Melvil Poupaud, Jeanne Moreau und Valeria Bruni-Tedeschi, die immer auf das Unspektakuläre im Spektakulären weisen, wobei die grundlegende Verzweiflung vieler Handlungen durchscheint - eben nicht nur derjenigen Romains.

Erstaunlicherweise wird dieser im Sterben immer schöner, der Film konzentriert sich ganz auf die Psychologie, spart den körperlichen Verfall weitestgehend aus. Dies ist die ethische Dimension eines Kinos, dem Einstellungen eine Frage der Moral sind. Während also Ozon Romain einerseits unerbittlich bis an den in seinen Filmen mythischen Ort des Strandes begleitet, wo (vielleicht) ein letztes Bad genommen, eine letzte Zigarette geraucht wird, hat man andererseits immer das Gefühl, dass Romains allmähliche Auflösung letztlich in der Zärtlichkeit des Kamerablicks geborgen ist.
 
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