Hard Candy
Der Fotograf und das Mädchen
Thomas Klingenmaier, veröffentlicht am 29.06.2006
Filmbeschreibung
Sex ist nicht nur Suche nach Spaß, Nähe, Weltvergessenheit. Sex ist manchmal auch ein Schlachtfeld der Machtgelüste. Und einige wollen die Machtfrage von vornherein geklärt wissen. Der Fotograf Geoff (Patrick Wilson), ein Mann in seinen Dreißigern, scheint so ein Typ zu sein. Wenn er arbeitet, so erzählt er jedenfalls, dirigiert er schöne Frauen herum. In seiner Freizeit aber surft er im Internet durch Chatrooms und sucht sehr junge Mädchen. Er flirtet mit Teenies und arbeitet auf persönliche Begegnungen hin.
Zu Beginn von David Slades "Hard Candy" hat Geoff gerade Erfolg bei seinem Bemühen, ein Mädchen aus dem mit unverbindlichem Geplänkel gefüllten Cyberspace in die Realität der körperlichen Begegnung zu locken. Er trifft sich mit der vierzehnjährigen Hayley (Ellen Page) in einem Café und schafft es, das Misstrauen des Mädchens einzulullen. Hayley folgt ihm schließlich nach Hause. Vielleicht, mag man da noch denken, ist Geoff wirklich nur ein seltsamer Vogel, ein kontaktgestörter Typ, aber keine Bedrohung. Nur hat die Kamera ihn im Café immer sehr genau studiert, hat ihn auch von Nahem ins Auge gefasst, was ihr einen Zug von Lügendetektor gibt, der nach verräterischen Anzeichen der Unaufrichtigkeit sucht.
Geoff, der Manipulator, und Hayley, sein Opfer, dem Schlimmes bevorsteht - diese Rollenverteilung hält aber nicht lange. Geoff kann seine Psychospiele nur kurz anwenden, dann bricht nicht der Widerstand Hayleys zusammen, sondern eine enorme Wut aus dem Teenager hervor. Das ist keine spontane Eruption, sondern eine alte Wut, die längst einen ausgefeilten Plan geboren hat. Hayley überwältigt Geoff, fesselt, befragt, verhöhnt, beschimpft und foltert ihn. Sie will Rache nehmen für die sexuelle Gewalt, die Geoff Schwächeren angeblich angetan hat.
"Hard Candy" ist ein Kammerspiel, das selten mehr als zwei Figuren braucht. Trotzdem und obwohl es um Gefangensetzung geht, erzeugt es kein Gefühl von künstlicher Enge, angestrengter Isoliertheit und kaltem Laborversuch. "Hard Candy" bleibt immer frisch, behält diese Ahnung einer brausenden Welt draußen vor der Tür, lässt uns spüren, dass Hayley und Geoff nicht im Nirgendwo einer modellhaften Erzählung, sondern in unserer vertrauten Realität agieren. Das gibt den körperlichen und psychologischen Zweikämpfen etwas besonders Brutales.
Fast ein Jahrzehnt lang hat der in Großbritannien geborene Regisseur David Slade Musikvideos und Werbung gedreht, bevor er sein Spielfilmdebüt "Hard Candy" in Angriff nahm. Das Drehbuch von Brian Nelson, der bisher vor allem fürs Theater gearbeitet hat, sei eines der besten gewesen, die er je angeboten bekommen habe, lobt Slade. Und gibt eine selten zu hörende, bei einem Videoclipgeschulten um so erstaunlichere Definition der Regiearbeit: "Meine Aufgabe war es, das Drehbuch zu beschützen."
Die Erfahrung mit Groß- und Detailaufnahmen, die Lust am Design der Räume erscheinen nicht als Altlasten, von denen Slade sich nicht lösen kann, sondern als Kapital, das produktiv genutzt wird. Die hochauflösende Videokamera, mit der Jo Willems (der bisher unter anderem Britney-Spears-Videos filmte) "Hard Candy" gedreht hat, liefert keine modisch wackligen, beliebig unscharfen Bildstrecken, deren Fehler und Versäumnisse Authentizität suggerieren sollen. Die beunruhigend distanzlose Kamera verfolgt eine klare Bildstrategie.
Ihr Herangehen an die Personen vermittelt zum einen, dass hier jeder soziale Zwischenraum weggefallen ist, jeder Puffer, jeder Raum der Spielregeln, dass hier trotz aller Raffinesse bei der Einfädelung ein animalisches Duell stattfindet, eine wütende Beißerei, die nicht einfach in einer Neudefinition der Beziehung und einer Versöhnung enden kann. Zum anderen ist die Kamera so nahe dran, dass wir nicht im genießenden Aufblick die Technik der Machtausübung verfolgen können. Wir müssen unter Verlust des Überblicks die Konsequenzen erleben, Angst, Panik, Schmerz, Wut, Hysterie.
Die Dynamik des Schnitts, die Unruhe und Wachsamkeit der Kamera, die Präsenz der Schauspieler dienen nicht der bloßen Aufmerksamkeitsbindung der Zuschauer. "Hard Candy" schafft Nähe, ohne voyeuristisch zu wirken. Das ist die Grundvoraussetzung, um diese Geschichte erzählen zu können, ohne heuchlerisch zu wirken. Das junge Mädchen, das sich als sexuelle Beute präsentiert, darf nicht als Lolita-Nymphchen präsentiert werden. Hayley wird hier kein Sexualobjekt, sie bleibt eine Person, wenn auch eine höchst rätselhafte.
So können die Missbrauchsvorwürfe an den lüsternen Geoff, er sei ein destruktiver Ausbeuter, im Kern auch als Vorwurf an die Medienindustrie gedeutet werden, die bedenkenlos alle Arten der Lüste kitzelt. Dass der Film gegen Ende ein paar Thrillerwendungen zu viel nimmt, dass er unnötige, wenig glaubhafte Haken schlägt, dass er die Unsicherheit des Beginns - hat Hayley das richtige Opfer, leidet sie an Wahnvorstellungen, ist Geoff ein Serientäter, wenn ja, was hat er alles auf dem Gewissen, wie weit ist er bei seinen Übergriffen gegangen? - zunehmend durch Gewissheiten ersetzt, ist bedauerlich, aber verschmerzbar: Zuvor hat er einiges zu sagen.
Zu Beginn von David Slades "Hard Candy" hat Geoff gerade Erfolg bei seinem Bemühen, ein Mädchen aus dem mit unverbindlichem Geplänkel gefüllten Cyberspace in die Realität der körperlichen Begegnung zu locken. Er trifft sich mit der vierzehnjährigen Hayley (Ellen Page) in einem Café und schafft es, das Misstrauen des Mädchens einzulullen. Hayley folgt ihm schließlich nach Hause. Vielleicht, mag man da noch denken, ist Geoff wirklich nur ein seltsamer Vogel, ein kontaktgestörter Typ, aber keine Bedrohung. Nur hat die Kamera ihn im Café immer sehr genau studiert, hat ihn auch von Nahem ins Auge gefasst, was ihr einen Zug von Lügendetektor gibt, der nach verräterischen Anzeichen der Unaufrichtigkeit sucht.
Geoff, der Manipulator, und Hayley, sein Opfer, dem Schlimmes bevorsteht - diese Rollenverteilung hält aber nicht lange. Geoff kann seine Psychospiele nur kurz anwenden, dann bricht nicht der Widerstand Hayleys zusammen, sondern eine enorme Wut aus dem Teenager hervor. Das ist keine spontane Eruption, sondern eine alte Wut, die längst einen ausgefeilten Plan geboren hat. Hayley überwältigt Geoff, fesselt, befragt, verhöhnt, beschimpft und foltert ihn. Sie will Rache nehmen für die sexuelle Gewalt, die Geoff Schwächeren angeblich angetan hat.
"Hard Candy" ist ein Kammerspiel, das selten mehr als zwei Figuren braucht. Trotzdem und obwohl es um Gefangensetzung geht, erzeugt es kein Gefühl von künstlicher Enge, angestrengter Isoliertheit und kaltem Laborversuch. "Hard Candy" bleibt immer frisch, behält diese Ahnung einer brausenden Welt draußen vor der Tür, lässt uns spüren, dass Hayley und Geoff nicht im Nirgendwo einer modellhaften Erzählung, sondern in unserer vertrauten Realität agieren. Das gibt den körperlichen und psychologischen Zweikämpfen etwas besonders Brutales.
Fast ein Jahrzehnt lang hat der in Großbritannien geborene Regisseur David Slade Musikvideos und Werbung gedreht, bevor er sein Spielfilmdebüt "Hard Candy" in Angriff nahm. Das Drehbuch von Brian Nelson, der bisher vor allem fürs Theater gearbeitet hat, sei eines der besten gewesen, die er je angeboten bekommen habe, lobt Slade. Und gibt eine selten zu hörende, bei einem Videoclipgeschulten um so erstaunlichere Definition der Regiearbeit: "Meine Aufgabe war es, das Drehbuch zu beschützen."
Die Erfahrung mit Groß- und Detailaufnahmen, die Lust am Design der Räume erscheinen nicht als Altlasten, von denen Slade sich nicht lösen kann, sondern als Kapital, das produktiv genutzt wird. Die hochauflösende Videokamera, mit der Jo Willems (der bisher unter anderem Britney-Spears-Videos filmte) "Hard Candy" gedreht hat, liefert keine modisch wackligen, beliebig unscharfen Bildstrecken, deren Fehler und Versäumnisse Authentizität suggerieren sollen. Die beunruhigend distanzlose Kamera verfolgt eine klare Bildstrategie.
Ihr Herangehen an die Personen vermittelt zum einen, dass hier jeder soziale Zwischenraum weggefallen ist, jeder Puffer, jeder Raum der Spielregeln, dass hier trotz aller Raffinesse bei der Einfädelung ein animalisches Duell stattfindet, eine wütende Beißerei, die nicht einfach in einer Neudefinition der Beziehung und einer Versöhnung enden kann. Zum anderen ist die Kamera so nahe dran, dass wir nicht im genießenden Aufblick die Technik der Machtausübung verfolgen können. Wir müssen unter Verlust des Überblicks die Konsequenzen erleben, Angst, Panik, Schmerz, Wut, Hysterie.
Die Dynamik des Schnitts, die Unruhe und Wachsamkeit der Kamera, die Präsenz der Schauspieler dienen nicht der bloßen Aufmerksamkeitsbindung der Zuschauer. "Hard Candy" schafft Nähe, ohne voyeuristisch zu wirken. Das ist die Grundvoraussetzung, um diese Geschichte erzählen zu können, ohne heuchlerisch zu wirken. Das junge Mädchen, das sich als sexuelle Beute präsentiert, darf nicht als Lolita-Nymphchen präsentiert werden. Hayley wird hier kein Sexualobjekt, sie bleibt eine Person, wenn auch eine höchst rätselhafte.
So können die Missbrauchsvorwürfe an den lüsternen Geoff, er sei ein destruktiver Ausbeuter, im Kern auch als Vorwurf an die Medienindustrie gedeutet werden, die bedenkenlos alle Arten der Lüste kitzelt. Dass der Film gegen Ende ein paar Thrillerwendungen zu viel nimmt, dass er unnötige, wenig glaubhafte Haken schlägt, dass er die Unsicherheit des Beginns - hat Hayley das richtige Opfer, leidet sie an Wahnvorstellungen, ist Geoff ein Serientäter, wenn ja, was hat er alles auf dem Gewissen, wie weit ist er bei seinen Übergriffen gegangen? - zunehmend durch Gewissheiten ersetzt, ist bedauerlich, aber verschmerzbar: Zuvor hat er einiges zu sagen.
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