Philokopie

Der Geist des Kopierens

Peter Glaser, veröffentlicht am 02.08.2006

Viel ist in letzter Zeit vom Kopieren die Rede und davon, dass es etwas Schlechtes, etwas Verbotenes sei. Das Kopieren aber ist eine äußerst erfolgreiche Zivilisationsstrategie. Von allen Lebewesen hat der Mensch am besten gelernt, alles nachzumachen. Wer den Bären kopiert, der kommt auch an den Honig; wer den Löwen kopiert, der mehrt seine Macht. Mit dem Imitieren hat die Kulturgeschichte begonnen. Lernen heißt immer erst einmal nachahmen. Hätte es Urheberrechtsansprüche bereits in der Urzeit gegeben, es wäre mit der Weiterentwicklung des Kulturwesens Mensch wohl nichts geworden.

Und die archaischen Kopierer waren den modernen in manchem voraus. So bedient sich der schriftkundige Mensch, um ein vollständiges Objekt auf einer Fläche darzustellen, der dreidimensionalen Perspektive. Man sieht die sichtbare Oberfläche lediglich von einem einzigen Standpunkt aus, und wie sie in einem einzigen Augenblick erscheint. Im Gegensatz dazu berichtet Edmund Carpenter im Jahr 1972 von eingeborenen Künstlern in Britisch-Kolumbien, die einen Bären aus diversen Blickwinkeln darstellen - von vorne, im Profil, von hinten, von oben, von unten, von innen, von außen, und das alles gleichzeitig. Mit einer Mischung konventioneller und realistischer Darstellungsmittel "enthäuten" und "entbeinen" diese Schlächter-Künstler das Tier, weiden es symbolisch aus, um auf einer Fläche ein neues Wesen zu konstruieren, das jedes signifikante Element des ganzen Geschöpfs zum Vorschein bringt.

Die Kopie ist eine Attacke auf unsere individualistische Weltanschauung, denn im Westen wird das Kopieren aus einer Art von Schamhaftigkeit oder Originalitätswahn abgelehnt. Mit seiner Haltung aber versaut der Individualist sämtliche Ressourcen des Planeten. Er will immer nur das Echte sehen, begrabbeln, haben. Weil alle alles selber sehen wollen und jeder überallhin möchte, sieht beispielsweise keiner mehr irgend etwas außer die immergleichen Touristenhaufen. Das nennt man dann Urlaub. Es gibt Kopierer auf Hawaii.

Alle Entwicklung beruht seit jeher auf dem Kopierprinzip - wohlgemerkt dem analogen, fehlerbehafteten. Fortschritt entsteht aus den kleinen Differenzen und Mutationen zwischen Original und Kopie. Ohne Kopierfehler geriete der Reichtum der organischen wie auch der geistigen Welt zum Stillstand. Alles bliebe immer nur noch das Gleiche. Das ist das Gefährliche an der digitalen Kopie, die ja genau genommen gar keine Kopie mehr ist. Die digitale Kopie hat den Unterschied zwischen Original und Kopie ausgelöscht. Wie man will, gibt es nun nur noch Originale oder nur noch Kopien. Das Original in der Einzahl, das Individuum unter den Objekten, ist perdu.

Unoriginell zu sein, ist eine typisch europäische Angst. Die eitle Individualität vergeudet ihre Kraft für Spiegelgefechte, die verbergen sollen, woher sie ihre für eigen ausgegebenen Ideen bezogen hat. Warum nicht sich öffnen und sagen: Ich bin eine Collage, ein Mix, ein Sample? Ich habe Wurzeln und bin nicht aus der fünften Dimension materialisiert. Ich bin vernetzt mit der Ideengeschichte der Welt. Ich trinke den grünweißen Schein des Leuchtbalkens, der unter der Glasplatte des Scanners entlangstreicht. Es ist der Geist der Philokopie.
 

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