Philip Roth

Jedermann

Julia Schröder, STZ vom 21.08.2006, veröffentlicht am 21.08.2006
Foto: Verlag

Dies ist der Herbst der Alten, jedenfalls in der Literatur. Gerade kommen wir langsam wieder zu Atem nach Martin Walsers "Angstblüte", worin Karl von Kahn erfahren muss, wie mit "siebzig plus" alle Werte an Wert verlieren, und schon ist Philip Roth zur Stelle mit seinem neuen Roman "Jedermann". Die Lebens- und Sterbensgeschichte des namenlosen, exemplarischen Helden gliedert sich nach Krankheiten und Todesfällen, sie beginnt auf dem Friedhof und endet im Operationssaal, sie erfüllt mit tiefer Trauer angesichts der unausweichlichen Tatsache, dass wir alle älter und alt werden, und sie zu lesen ist dennoch eine ausgesprochen vergnügliche Angelegenheit.

Der vierundsiebzigjährige Schriftsteller Philip Roth gibt sich zwar, wie man hört, zurzeit betont unangekränkelt und lebensfroh, dennoch wird ihm so manche Erfahrung, die seinem Jedermann die letzten Lebensjahre vergällt, nicht ganz fremd sein. Dazu zählen nicht nur dessen Gebrechen, die am Ende zum Tode führen.

Roth erzählt von einem Mann mit einem reichen Leben, der aber, wie es so gehen kann, fast alles verliert oder verspielt, woran ihm liegt: Zwei Söhne aus erster Ehe hassen ihn, seit er sich nach längeren Kriegshandlungen von ihrer Mutter trennte, um eine andere zu heiraten. Eine "gute Frau", wie sie im Buche steht, treu, liebevoll, aufrichtig, stark, verlässt ihn, entnervt von seiner lügengesättigten Affäre mit einer viel, viel Jüngeren, mit der er die dritte Ehe eingeht - ein Riesenfehler, den erst die dritte Scheidung beendet. Am Ende will er sich nicht einmal mehr seiner geliebten Tochter aus zweiter Ehe zumuten, und auch vom verehrten, eigentlich immer verlässlichen älteren Bruder entfernt er sich, aus Neid auf dessen unverwüstliche Gesundheit.

Man kann nicht behaupten, dieser Jedermann sei ein bevorzugt Geschlagener. Ein Leistenbruch zu Kinderzeiten, ein Blinddarmdurchbruch mit Anfang dreißig, das ist so ungewöhnlich nicht. Und auch die ernsteren Beeinträchtigungen der späteren Jahre, Bypassoperationen, Hinterwandinfarkt, verengte Halsschlagadern, all die "koronaren und vaskulären Schwächen", die schließlich seine ganze Physis ruinieren, zählen zu den alltäglichen Herausforderungen für die Heilkundigen unserer Breiten. Nein, Jedermann ist kein Hiob. Gott - an den er, nebenbei bemerkt, so wenig glaubt wie daran, nach diesem einen Leben komme noch irgendwas - hat ihn nicht mit ausgesuchtesten Plagen sonder Zahl überhäuft. Den Menschen um ihn herum ergeht es ja keineswegs besser: Seine früheren Kollegen aus der Werbeagentur, in der er als Leiter der Kreativabteilung reüssierte, werden von Infarkt und Krebs dahingerafft oder dämmern in Altersdepressionen. Seine vorbildliche Exehefrau erleidet einen Schlaganfall - Reaktion auf ein Migränemedikament, das erste, das ihr endlich einmal Linderung verschaffte.

Auch in der Kolonie für bessergestellte Senioren am Strand der Ostküste, die Roths Held nach den Anschlägen vom 11. September für das Leben in New York eintauschte, regiert die Hinfälligkeit. Die Gespräche in seinem Malkurs drehen sich um Krankheit und Tod, und seine begabteste "Schülerin", eine attraktive, kluge Frau in seinem Alter, bringt sich um, wegen unerträglicher Rückenschmerzen, einer Folge der altersbedingten Zermürbung ihrer Wirbelsäule. Und alle, alle empfinden sich als einsam, ja zutiefst "anders" als die Jüngeren, Gesünderen.

Ist es unappetitlich, aufdringlich oder wehleidig, seine Leser mit diesem Schreckenskabinett von Bresthaftigkeiten zu belästigen? Keineswegs. Es ist auch gar kein Schreckenskabinett. Es ist das ganz normale Leben - wenn man älter wird. Das Paradox nicht nur der westlichen Welt: jeder möchte lange leben, aber niemand möchte alt sein - hier wird es augenfällig. "Wäre ihm das furchtbare Leid aller Männer und Frauen gegenwärtig gewesen, die er in all den Jahren seines Berufslebens kennen gelernt hatte, jede einzelne schmerzliche Geschichte von Reue und Verlust und Stoizismus, von Furcht und Panik und Isolation und Grauen, und hätte er bis in die letzten Einzelheiten gewusst, von welchen Dingen, die einmal wesentlich zu ihnen gehörten, sie sich getrennt hatten und wie sie systematisch zerstört wurden, dann hätte er den ganzen Tag und die ganze Nacht am Telefon bleiben und noch mindestens hundert weitere Gespräche führen müssen. Das Alter ist kein Kampf; das Alter ist ein Massaker."

Roth hat in vielen seiner Romane immer auch vom Altern und vom Tod erzählt. In diesem Buch aber ist das Memento Mori der eigentliche Hauptdarsteller. Da hilft nichts. Unserem Mann ist der Stolz auf die Enkel fremd, der die Schicksalsgenossen zum Durchhalten zu ermuntern scheint. Sex hat sich als zerstörerische Macht erwiesen und ist nicht einmal mehr ein Hoffnungsschimmer. Und die Erinnerung lässt sich auch nicht kommandieren, in Zukunft doch bitte einmal die "heitren Stunden nur" zu zählen.

Als müsse sich die Beschäftigung mit dieser trostlosen Perspektive, die nun wirklich jedermann angeht, nicht durch besondere stilistische Brillanz rechtfertigen, verzichtet Philip Roth auf Kabinettstückchen, besondere Krassheit des Ausdrucks und überraschende Wendungen der Handlung. Von der ersten Szene an ist klar, wo all das, was noch kommt, enden wird, nämlich auf dem Friedhof. Wie schon in seinem zuletzt auf Deutsch erschienenen Roman "Verschwörung gegen Amerika", dem Gedankenspiel um eine antisemitisch-faschistische Machtergreifung in den USA, setzt Roth, der Hexenmeister des provozierenden Erzählens, ganz auf die stille Wucht seines Themas.

Dabei ist das Buch mit einem Raffinement aufgebaut, das für das Fehlen der üblichen rothschen Equilibristik durchaus entschädigt. Nicht nur, dass alles mit der Beerdigung des Helden anfängt und mit dem Herzstillstand auf dem OP-Tisch endet. Eine Fülle charakteristischer Augenblicke ist in Rückblenden so miteinander verschachtelt, dass aus diesem Konzentrat von nicht mehr als 170 Seiten der bezwingende Duft des wirklichen Lebens aufsteigt, wirklich bis zum Schluss: "Nichts vermochte die Vitalität dieses Jungen auszulöschen, dessen schlanker Körper einst auf den hohen Atlantikwellen hundert Meter weit durch den wilden Ozean zur Küste geschwommen war. Oh, diese Unbekümmertheit und der Geruch des Salzwassers und die sengende Sonne!"

Ob am Ende nun dieses Bild bleibt oder der Schmerz des Verschwindens sich als übermächtig erweist, darüber entscheidet ganz allein der Leser. So oder so - er hat ein Buch über sein eigenes Geschick gelesen, ein Buch, das dem sehr nahe kommt, "was du nicht wissen konntest".
 

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