Lebendiges Deutsch
Wortprozesse
Peter Glaser, veröffentlicht am 27.09.2006
Die Aktion "Lebendiges Deutsch" sucht ein treffendes deutsches Wortpaar für die Begriffe "online/offline". Initiator der Aktion - Moment, Initiator ist kein richtig deutsches Wort; es kommt vom lateinischen "initium" (Anfang). Also sollte es heißen: die Anfänger der Aktion sind der Präsident des Deutschen Lehrerverbands, Josef Kraus, der Vorsitzende des Vereins Deutsche Sprache, Walter Krämer, der Autor und Journalist Wolf Schneider sowie Cornelius Sommer vom Beirat der Stiftung Deutsche Sprache. Das Handeln der Herren richtet sich nicht gegen das Prinzip der Wortübernahmen aus dem Englischen, sondern gegen ein Übermaß davon.
Sofort fiel mir der Firmenvertreter ein, der auf einer Computerfachmesse in den achtziger Jahren die Vorzüge einer neuen Gattung von Anwendungen gepriesen hatte: "Desktop Publishing", damals der letzte Schrei, und der auf die Frage, was die Wendung denn nun eigentlich bedeute, die Auskunft gab: "Ist doch klar. Das heißt Schreibtischoberflächenveröffentlichung." Ein Klassiker, was schaurig eingedeutschtes Fachvokabular angeht, ist die Textverarbeitung, die blöde wörtlich dem englischen "word processing" nachgeplappert ist. Das, was Menschen wie ich machen, ist ebenso wenig Textverarbeitung wie ein Bildhauer Marmorverarbeitung macht. Ich schreibe.
Ich verarbeite keine Texte. Weshalb das Programm, das ich für diese Arbeit am Computer benutze, auch wesentlich treffender und einfacher Schreibprogramm heißen sollte. Aber erzählen Sie das mal jemandem bei Microsoft, wo man bemüht ist, die Traditionen des so genannten Behördendeutsch der Deutschen Bundespost zeitgemäß ins 21. Jahrhundert zu führen. Ich sage nur Schaltfläche. Erinnert sich übrigens noch jemand daran, was bis 1982 auf dem gedruckten Telefonbuch stand? Nicht Telefonbuch, sondern amtliches Fernsprechverzeichnis. Telefonzellen waren auch nicht einfach Telefonzellen, sondern öffentliche Münzfernsprecher.
Natürlich könnte man die digitale Evolution des Plattenspielers statt als CD- oder MP3-Player als Datenspieler bezeichnen. Man kann auch Bedeutungswandlungen im Binnenraum der Sprache beäugen, etwa den Rohling, der vor ein paar Jahren noch ein minder sensibler Mensch war und heute zu einer unbespielten Silberscheibe geworden ist. Man kann es aber auch übertreiben. Der Begriff "online" hat sich längst in seiner kleinen, eleganten Genauigkeit in die deutsche Sprache eingefügt. Und jeder, der über etwas Sprachempfinden verfügt, wird spüren, dass dieser Trefflichkeit kein deutsches Wort das virtuelle Wasser reichen kann. Im Gegenteil hakt sich das Deutsche dem Begriff, der längst nicht mehr fremd ist, gern unter. Ein Wort wie Onlinesein macht klar, was mit Bedeutungsintegration gemeint ist.
Heute, im Kommunikationszeitalter, macht nicht anschwellender Anglizismus der deutschen Sprache zu schaffen, worauf Marketingfachleute und Lehrer stehen - die einen, weil sie glauben, dass es cool ist, die anderen, weil sie das Gegenteil meinen, aber auf Deutsch -, bedenklich sind Begriffe wie Datenschutz, die davon ablenken, dass es um unsere Rechte geht - und nicht darum, Daten zu schützen.
E-Mail an den Autor: p.glaser@stz.zgs.de
Sofort fiel mir der Firmenvertreter ein, der auf einer Computerfachmesse in den achtziger Jahren die Vorzüge einer neuen Gattung von Anwendungen gepriesen hatte: "Desktop Publishing", damals der letzte Schrei, und der auf die Frage, was die Wendung denn nun eigentlich bedeute, die Auskunft gab: "Ist doch klar. Das heißt Schreibtischoberflächenveröffentlichung." Ein Klassiker, was schaurig eingedeutschtes Fachvokabular angeht, ist die Textverarbeitung, die blöde wörtlich dem englischen "word processing" nachgeplappert ist. Das, was Menschen wie ich machen, ist ebenso wenig Textverarbeitung wie ein Bildhauer Marmorverarbeitung macht. Ich schreibe.
Ich verarbeite keine Texte. Weshalb das Programm, das ich für diese Arbeit am Computer benutze, auch wesentlich treffender und einfacher Schreibprogramm heißen sollte. Aber erzählen Sie das mal jemandem bei Microsoft, wo man bemüht ist, die Traditionen des so genannten Behördendeutsch der Deutschen Bundespost zeitgemäß ins 21. Jahrhundert zu führen. Ich sage nur Schaltfläche. Erinnert sich übrigens noch jemand daran, was bis 1982 auf dem gedruckten Telefonbuch stand? Nicht Telefonbuch, sondern amtliches Fernsprechverzeichnis. Telefonzellen waren auch nicht einfach Telefonzellen, sondern öffentliche Münzfernsprecher.
Natürlich könnte man die digitale Evolution des Plattenspielers statt als CD- oder MP3-Player als Datenspieler bezeichnen. Man kann auch Bedeutungswandlungen im Binnenraum der Sprache beäugen, etwa den Rohling, der vor ein paar Jahren noch ein minder sensibler Mensch war und heute zu einer unbespielten Silberscheibe geworden ist. Man kann es aber auch übertreiben. Der Begriff "online" hat sich längst in seiner kleinen, eleganten Genauigkeit in die deutsche Sprache eingefügt. Und jeder, der über etwas Sprachempfinden verfügt, wird spüren, dass dieser Trefflichkeit kein deutsches Wort das virtuelle Wasser reichen kann. Im Gegenteil hakt sich das Deutsche dem Begriff, der längst nicht mehr fremd ist, gern unter. Ein Wort wie Onlinesein macht klar, was mit Bedeutungsintegration gemeint ist.
Heute, im Kommunikationszeitalter, macht nicht anschwellender Anglizismus der deutschen Sprache zu schaffen, worauf Marketingfachleute und Lehrer stehen - die einen, weil sie glauben, dass es cool ist, die anderen, weil sie das Gegenteil meinen, aber auf Deutsch -, bedenklich sind Begriffe wie Datenschutz, die davon ablenken, dass es um unsere Rechte geht - und nicht darum, Daten zu schützen.
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