Children of Men
Realismus und Wunder
Rupert Koppold, veröffentlicht am 09.11.2006
Filmbeschreibung
Es ist das Jahr 2027 und "Baby" Diego ist ermordet worden! Als die Nachricht in einem Londoner Café über den Bildschirm flimmert, schaut Theo (Clive Owen) kaum auf. Dabei war der 18-jährige "Baby" Diego doch der jüngste Mensch überhaupt, nach ihm wurden auf der Erde keine Kinder mehr geboren, das ökologische Desaster hatte die Menschheit unfruchtbar gemacht. Aber Theo, ein etwa vierzigjähriger, unrasierter Mann im Mantel, weiß das ja alles, es ist für ihn Alltag, er ist nicht mal besonders geschockt, als das Café, unmittelbar nachdem er es verlassen hat, in die Luft fliegt.
Für den Zuschauer von heute aber ist "Children of Men" von Alfonso Cuarãn ("Y tu Mama tambien") ein beunruhigender Science-Fiction-Film. Vor allem deshalb, weil er die Zukunft nicht in futuristischem Design neu entwirft, sondern konsequent als Fortsetzung der Gegenwart begreift. Selbst negative Utopien werden im Kino oft dadurch entschärft, dass sie einen besonderen Look kreieren, ihn stolz ausstellen und gerade deshalb so unendlich weit weg scheinen. Hier aber, in diesen düster-scharfen und herbstlichen Bildern des brillanten Kameramanns Emmanuel Lubezki, werden die Futurismen ganz selbstverständlich und mit lässiger, ja, fast schon verächtlicher Geste eingestreut, hier sieht London so aus, als wäre es aus seinem Jetzt-Zustand konsequent hineingeglitten in eine zur Endzeit gewordene Zukunft.
An die vielleicht nicht guten, aber doch etwas besseren alten Zeiten kann Theo sich zumindest noch erinnern, besonders wenn er seinen viel älteren Freund Jasper (Michael Caine) in dessen verstecktem Refugium auf dem Land besucht. In den Augen dieses ehemaligen Polit-Cartoonisten brennt auch noch das Feuer des Aufruhrs, anders als Theo hat er die Hoffnung auf eine andere Welt noch nicht aufgegeben. "Was hast du an deinem Geburtstag gemacht?" fragt Jasper, dieser fröhliche Pot-Raucher mit dem weißen Wallehaar, seinen Besucher. "Nichts", antwortet der Büroangestellte Theo. "Bin nach Hause, fühlte mich scheiße. Bin zur Arbeit, fühlte mich scheiße."
Aber ausgerechnet diesem Theo, der sich und alles andere schon aufgegeben hat, stößt nun die Rolle des Helden zu! Er wird entführt von einer Rebellengruppe, zu der auch seine Exfreundin (Julianne Moore) gehört, er soll der jungen schwarzen Immigrantin Kee (Claire-Hope Ashitay) gültige Papiere besorgen. So wird der auf einem Roman von P. D. James basierende Film nun zu einem Roadmovie, das auf seinem Weg - und dabei ganz ohne erhobenen Zeigefinger - den Zustand eines Landes einfängt, in dem die Ordnung durch einen rigiden Polizeistaat aufrechterhalten wird.
In diesem England aber suchen Menschen aus anderen Teilen der Welt, wo nur noch das Chaos herrscht, den letztmöglichen Unterschlupf, werden eingefangen, in Lager gesteckt, manchmal exekutiert. Die letzten Reichen dagegen leben in streng gesicherten "Burgen", einer von ihnen, den Theo kennt und deshalb um Papiere angeht, hat Picassos "Guernica" an der Wand hängen, er hortet Kunst für eine Nachwelt, die es wahrscheinlich nicht geben wird. Wie er unter diesen Umständen überhaupt weiterleben könne, fragt Theo. Indem er versuche, alles da "draußen" zu ignorieren, lautet die Antwort.
Und nun scheint plötzlich doch noch ein Mysterium in diesem Film auf, "das Wunder, auf das die Welt gewartet hat", wie Jasper sagt. Kee ist schwanger. "Wer ist der Vater?" fragt Theo. Sie antwortet: "Es gibt keinen Vater. Ich bin Jungfrau." Und setzt dann ironisch-schelmisch hinzu: "Neiihhn. Wäre aber toll, oder?!" Der Regisseur ahnt nämlich, dass die nun eingezogene metaphorisch-symbolische Ebene allzu sichtbar werden könnte, und dem arbeitet er vor allem mit einem fast schon dokumentarisch wirkenden Realismus entgegen.
Irgendwann müssen Kee und Theo, der seine fatalistisch-weltabgewandte Haltung langsam verliert, auch noch vor den Rebellen flüchten, weil die mit dem noch ungeborenen Kind ihre eigenen Pläne haben. Wenn dieses seltsame Paar danach in ein riesiges Immigrantenlager gerät, in die Häuserblocks eines Gettos und schließlich ins Kreuzfeuer blutiger Straßenkämpfe mit der Armee, dann wird einem einerseits immer mehr die Anspielung auf die Flucht der Heiligen Familie bewusst - also die Analogie zu Maria und Joseph und später dem Jesuskind. Und andererseits steckt man ganz gegenwärtig drin in diesen fulminanten Szenen, gefilmt von einer entfesselten Handkamera in manchmal extrem langen und penibel durchchoreografierten Einstellungen. Und die erinnern natürlich nicht zufällig an Szenen vom terrordurchzogenen Bagdad oder dem zerbombten Beirut aus den Nachrichten von heute.
Aber irgendwo, so das Gerücht, soll es auch im Jahr 2027 noch ein Utopia geben, in dem Wissenschaftler und Künstler an der Rettung der Welt arbeiten. Im metaphysisch-religiösen Strang dieses Films wäre dieses Reich womöglich nicht von dieser Welt, im realistisch-dokumentarischen aber ... Nein, wie Alfonso Cuarãn seinen Film zu Ende führt, das darf hier nicht verraten werden. Auch wenn der letzte Eindruck, der von "Children of Men" bleibt, ja nicht von seinem Schluss-, sondern von seinem Gesamtbild geprägt wird. Es ist ein Bild von der Erde, das diese Geschichte aus der nahen Zukunft zurückspiegelt in die Gegenwart. Auf dass wir vom Zustand unserer heutigen Welt ein wenig Abstand gewinnen, ihn dadurch wieder besser erkennen - und endlich wieder als inakzeptabel und empörend empfinden.
Für den Zuschauer von heute aber ist "Children of Men" von Alfonso Cuarãn ("Y tu Mama tambien") ein beunruhigender Science-Fiction-Film. Vor allem deshalb, weil er die Zukunft nicht in futuristischem Design neu entwirft, sondern konsequent als Fortsetzung der Gegenwart begreift. Selbst negative Utopien werden im Kino oft dadurch entschärft, dass sie einen besonderen Look kreieren, ihn stolz ausstellen und gerade deshalb so unendlich weit weg scheinen. Hier aber, in diesen düster-scharfen und herbstlichen Bildern des brillanten Kameramanns Emmanuel Lubezki, werden die Futurismen ganz selbstverständlich und mit lässiger, ja, fast schon verächtlicher Geste eingestreut, hier sieht London so aus, als wäre es aus seinem Jetzt-Zustand konsequent hineingeglitten in eine zur Endzeit gewordene Zukunft.
An die vielleicht nicht guten, aber doch etwas besseren alten Zeiten kann Theo sich zumindest noch erinnern, besonders wenn er seinen viel älteren Freund Jasper (Michael Caine) in dessen verstecktem Refugium auf dem Land besucht. In den Augen dieses ehemaligen Polit-Cartoonisten brennt auch noch das Feuer des Aufruhrs, anders als Theo hat er die Hoffnung auf eine andere Welt noch nicht aufgegeben. "Was hast du an deinem Geburtstag gemacht?" fragt Jasper, dieser fröhliche Pot-Raucher mit dem weißen Wallehaar, seinen Besucher. "Nichts", antwortet der Büroangestellte Theo. "Bin nach Hause, fühlte mich scheiße. Bin zur Arbeit, fühlte mich scheiße."
Aber ausgerechnet diesem Theo, der sich und alles andere schon aufgegeben hat, stößt nun die Rolle des Helden zu! Er wird entführt von einer Rebellengruppe, zu der auch seine Exfreundin (Julianne Moore) gehört, er soll der jungen schwarzen Immigrantin Kee (Claire-Hope Ashitay) gültige Papiere besorgen. So wird der auf einem Roman von P. D. James basierende Film nun zu einem Roadmovie, das auf seinem Weg - und dabei ganz ohne erhobenen Zeigefinger - den Zustand eines Landes einfängt, in dem die Ordnung durch einen rigiden Polizeistaat aufrechterhalten wird.
In diesem England aber suchen Menschen aus anderen Teilen der Welt, wo nur noch das Chaos herrscht, den letztmöglichen Unterschlupf, werden eingefangen, in Lager gesteckt, manchmal exekutiert. Die letzten Reichen dagegen leben in streng gesicherten "Burgen", einer von ihnen, den Theo kennt und deshalb um Papiere angeht, hat Picassos "Guernica" an der Wand hängen, er hortet Kunst für eine Nachwelt, die es wahrscheinlich nicht geben wird. Wie er unter diesen Umständen überhaupt weiterleben könne, fragt Theo. Indem er versuche, alles da "draußen" zu ignorieren, lautet die Antwort.
Und nun scheint plötzlich doch noch ein Mysterium in diesem Film auf, "das Wunder, auf das die Welt gewartet hat", wie Jasper sagt. Kee ist schwanger. "Wer ist der Vater?" fragt Theo. Sie antwortet: "Es gibt keinen Vater. Ich bin Jungfrau." Und setzt dann ironisch-schelmisch hinzu: "Neiihhn. Wäre aber toll, oder?!" Der Regisseur ahnt nämlich, dass die nun eingezogene metaphorisch-symbolische Ebene allzu sichtbar werden könnte, und dem arbeitet er vor allem mit einem fast schon dokumentarisch wirkenden Realismus entgegen.
Irgendwann müssen Kee und Theo, der seine fatalistisch-weltabgewandte Haltung langsam verliert, auch noch vor den Rebellen flüchten, weil die mit dem noch ungeborenen Kind ihre eigenen Pläne haben. Wenn dieses seltsame Paar danach in ein riesiges Immigrantenlager gerät, in die Häuserblocks eines Gettos und schließlich ins Kreuzfeuer blutiger Straßenkämpfe mit der Armee, dann wird einem einerseits immer mehr die Anspielung auf die Flucht der Heiligen Familie bewusst - also die Analogie zu Maria und Joseph und später dem Jesuskind. Und andererseits steckt man ganz gegenwärtig drin in diesen fulminanten Szenen, gefilmt von einer entfesselten Handkamera in manchmal extrem langen und penibel durchchoreografierten Einstellungen. Und die erinnern natürlich nicht zufällig an Szenen vom terrordurchzogenen Bagdad oder dem zerbombten Beirut aus den Nachrichten von heute.
Aber irgendwo, so das Gerücht, soll es auch im Jahr 2027 noch ein Utopia geben, in dem Wissenschaftler und Künstler an der Rettung der Welt arbeiten. Im metaphysisch-religiösen Strang dieses Films wäre dieses Reich womöglich nicht von dieser Welt, im realistisch-dokumentarischen aber ... Nein, wie Alfonso Cuarãn seinen Film zu Ende führt, das darf hier nicht verraten werden. Auch wenn der letzte Eindruck, der von "Children of Men" bleibt, ja nicht von seinem Schluss-, sondern von seinem Gesamtbild geprägt wird. Es ist ein Bild von der Erde, das diese Geschichte aus der nahen Zukunft zurückspiegelt in die Gegenwart. Auf dass wir vom Zustand unserer heutigen Welt ein wenig Abstand gewinnen, ihn dadurch wieder besser erkennen - und endlich wieder als inakzeptabel und empörend empfinden.
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