Scoop - Der Knüller

Ein Magier rückt aufs Altenteil

Thomas Klingenmaier, veröffentlicht am 16.11.2006
Filmbeschreibung
Journalisten sind Tratschtanten. Das wird auch nicht besser, wenn sie ins Jenseits eingehen. Immer noch wollen sie publik machen, was sie wissen oder zu wissen meinen. Weshalb der tote britische Starjournalist Joe Strombel (Ian McShane) in Woody Allens Komödie "Scoop - Der Knüller" bei der Fahrt in die Unterwelt von der Fähre hüpft, um mehrfach ins Diesseits hereinzuspuken. Er glaubt, die Identität des von den Medien Tarotkartenkiller getauften Frauenmörders zu kennen, der London tyrannisiert. Den Tipp gibt er nicht an gestandene investigative Kollegen, sondern an die reichlich unerfahrene Journalistikstudentin Sondra (Scarlett Johansson) weiter, was uns entweder viel über die Kommunikationsschwierigkeiten aus dem Totenreich oder ein wenig über die Protektionsmechanismen im Journalismus verrät. So oder so, Sondra erkennt ihre Chance und sucht nach Beweisen.

Doch der in zwei Wochen einundsiebzig Jahre alt werdende Woody Allen hat keine Journalistensatire gedreht, sondern, missgelaunt formuliert, einen Krimiklamauk mit romantischen Verwirrungen. Sondra macht sich an den Mann heran, den Strombel ihr genannt hat, den smarten Aristokraten Peter Lyman (Hugh Jackman). Je länger sie ihn belauert, desto intensiver rebellieren ihre Gefühle gegen ihren Rechercheeifer. Sie verliebt sich in den Mann, den sie laut ihres untoten Informanten fürchten sollte.

Aber muss man diese Komödie missgelaunt betrachten? Wer einen neuen Film im Stil von Allens voriger Regiearbeit "Match Point" erwartet hat, einem ebenfalls in London spielenden bösen Thriller, in dem Allen nicht vor die Kamera trat, ganz anders mit Schnitt und Licht umging als sonst und ungewöhnlichen Charakteren Sätze in den Mund legte, die nicht so klangen, als könnten sie in früheren Allen-Filmen schon gefallen sein - wer sich auf so etwas freut, kann hier nur enttäuscht werden. "Scoop - Der Knüller" sieht von vorn bis hinten wie ein "Allen-Film von früher aus.

Eine mit losen Scharnieren klappernde Nummernrevue schafft Gelegenheiten für die Figuren, Launiges über unser Trudeln durchs Universum im Allgemeinen und die Abseiten unserer Mitmenschen im Besonderen von sich zu geben. Sie schafft vor allem für eine Figur Gelegenheiten für manisch ruckelndes Jammer-, Spott- und Denunziationsgehaspele (man muss an einen eckigen Steinradentwurf denken, der eine endlose Holzplankenbahn hinabrattert), für den von Woody Allen selbst gespielten Bühnenzauberer Sid Waterman, der seine Varieténummern unter dem Künstlernamen Splendini präsentiert. Würde man dieses vorsätzlich alberne Wortspiel mit dem englischen Wort splendid auf hiesige Verhältnisse übertragen, zöge der große Famosini seine bunten Tücher aus dem Ärmel. Aber wie Allen hier mit sich selbst umgeht, wie er behutsam subversiv am eigenen Mythos des erotomanischen Neurosenpfaus herumhämmert, das hat Klasse.

Das korrigiert den oberflächlichen Eindruck, der alte Komödiant wiederhole und zitiere sich. Wahrer ist wohl: er revidiert sich. Dass Allen als Bühnenzauberer auftritt, der mit den immer gleichen Tricks und Sprüchen sein Publikum unterhält, ist pure Selbstironie. Dass im doppelbödigen Verschwindekasten dieses Magiers dann tatsächlich etwas Magisches passiert - hier trifft Strombels Geist auf Sondra - formuliert Utopie und Selbstzweifel eines Künstlers, der immer sehr auf Routinen vertraut hat. Ab und an bieten die eben Raum für das Außergewöhnliche. Besonders interessant ist das Verhältnis des Zauberers zur Journalistin, deren Helfer er wird.

Allens Figur darf keine alle Altersgrenzen ignorierende Liebesbeziehung anknüpfen, Splendini muss ein väterlicher Freund bleiben. Vielleicht wird er sogar eine Verkörperung jener schrulligen Lebensklugheit, von der sich die Jugend freudig absetzt. Doch Allen rückt nicht mit souveräner Geste aufs Altenteil. Der Eifer, mit dem er gegen den Verdächtigen hetzt, als Sondra sich schon verliebt hat, lässt auf Eifersucht schließen. Allen erzählt, wie schwer ihm die Verabschiedung aus dem erotischen Konkurrenzkampf fällt - und das wird eine sehenswerte Variante des Bekannten.
 
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