Günter Grass
Dummer August
Julia Schröder, STZ vom 27.03.2007, veröffentlicht am 27.03.2007
Foto: Verlag
Auf so einer Buchmesse geht es zuweilen laut und hektisch zu, da redet man so dies und das. Günter Grass zum Beispiel hat Ende vergangener Woche in Leipzig viel Gelegenheit gehabt, dies und das zu sagen, unter anderem soll er, wie von einem seiner zahlreichen Auftritte berichtet wird, auch von der "Entartung des deutschen Journalismus" gesprochen haben, aber kurz darauf hat er das bei einem weiteren Auftritt - "Na gut" - zurückgenommen. "Entartung", das klingt schlimm, schließlich war es dieses Wort, mit dem die Nazis ihnen missliebige Künstler diffamierten, um sie zu verfolgen.
Schlimm und blöd ist das, aber nicht überraschend in einem begrifflichen Feld, auf dem einer, der sich durch und durch als Medienopfer versteht, mit Ausdrücken wie "mundtot machen", "Pressekampagnen", "Inquisition" und "Schnellgericht" um sich wirft. Apropos "Schnellgericht". Wem Grass - der im vergangenen Hochsommer bei Erscheinen seines Erinnerungsbuchs "Beim Häuten der Zwiebel" offenbart hatte, dass er in den letzten Kriegsmonaten als Siebzehnjähriger Mitglied der Waffen-SS war - mit diesem Ausdruck was genau unterstellt, hat er in "Dummer August", seinem neuen Band mit Texten und Zeichnungen, denkbar deutlich formuliert: "Wie während Kinderjahren der Clown/ im Zirkus Sarrasani,/ so gleichen Namens der Monat.// Faxen machen,/ Grimassen schneiden,/ wie einst mit vierzehn.// Schon komme ich mir komisch vor,/ gestellt vors Schnellgericht/ der Gerechten.// Und auch der spitze Hut, gedreht/ aus der Zeitung von gestern,/ kleidet, weil allzeit gültig."
Das mag man Grass, der für einen von der Mediengesellschaft mundtot Gemachten zurzeit recht ausführlich zu Wort kommt, alles glauben. Außer der Zeile, er komme sich "komisch vor". Warum auch? Für ausnahmslos alle der 41 in "Dummer August" versammelten Texte ist eines klar: "Ich" (und das ist kein lyrisches Ich) bin im Recht. Und "die Feinde" sind im Unrecht. Manchmal taucht das verfolgte Ich auch als "Er" auf, so unter dem Titel "Am Pranger": "Es geschah, nachdem mir die Zwiebel/ Haut nach Haut/ hilfreich geworden war.// Seht, nun steht er gehäutet da,/ rufen jetzt viele,/ die nicht die Zwiebel zur Hand nehmen wollen,/ weil sie befürchten, etwas, nein, schlimmer,/ nichts zu finden,/ das sie kenntlich werden ließe."
Mal abgesehen von der eitel-gravitätischen erneuten Indienststellung des eh überstrapazierten Bildes von der abgezogenen Zwiebel, vom altmeisterlich immerhin gemeinten Satzbau, mal abgesehen also vom Stil (einem für etwas, das Gedicht sein will, nicht unwichtigen Kriterium) - was wird hier gesagt? Wenn "die", die "vielen" nur einmal genau ihre eigene Zwiebel anzuschauen, also ihr Gedächtnis vergleichbar vorbildlich zu erforschen versuchten, würden sie eh nicht so etwas Dolles finden wie ich, deshalb lassen diese Erfahrungslosen es lieber gleich und machen stattdessen mich - neidisch - zur Nacktschnecke?
Was aus dieser Sammlung hätte werden können, wäre der beleidigte Autor sich nicht selbst in die Quere gekommen, deutet sich in Versen an, in denen es um andere Lebensmittel geht, um Maiskolben, Dorschköpfe, den lieben Steinpilz oder, in der Heinenachfolge, die Zuckerschote. Da ist der Dichter zuweilen ganz bei sich und nicht beim Eingeschnapptsein: "Heines Zuckererbsen aus Schoten/ grün springen lassen:/ ein Kindervergnügen,/ von dem alte Männer erzählen,/ zum Beispiel ich mit zittriger Hand." Aber schon der Verzehr von Artischocken mit Essig und Öl wird wieder zum "Lehrmittel in Sachen Geduld". Man liest mit: in Leidenszeit.
Die nicht eben begeisterten Reaktionen der Feuilletons auf "Dummer August" (zu denen sich nun auch dieser Beitrag gesellt) dürften Grass in seiner Auffassung bestätigen, ohne eigenes Zutun in die Rolle des Prügelknaben geraten zu sein. Aber der bisher erschienenen Rezensionen hätte es kaum bedurft; Grass ist nun einmal und nicht erst neuerdings überzeugt, was der deutsche Kulturjournalismus in seinem Fall hervorbringe, sei "Wolfsrudelgeheul", dem er mutig mit seiner "Gegenstimme" standhalte. Das große Forum der Leipziger Messe war ihm willkommener Anlass, seiner seit Sommer 06 gut konservierten Rage freien Lauf zu lassen. Da spricht man dann eben so dies und das.
Es hören ja genügend Leute zu. Und finden das gut. Auf welchem Sofa der Literaturnobelpreisträger auch Platz nimmt, es gibt sofort ein Riesengedränge. Welch absurde Bezichtigung er auch immer schleudert, man nimmt sie verständnisinnig zur Kenntnis. So wiederholt sich die seit Jahrzehnten bekannte Vorstellung: Grass agiert, die Presse reagiert, Grass gibt den Medienmärtyrer, das aktuelle Buch verkauft sich fabelhaft; "Dummer August" ist wenige Tage nach Erscheinen nicht lieferbar; Erstauflage ausverkauft.
Es ist mehr als der "altbackene Jammer" nicht nur seiner Gedichtzeilen, der einem je länger, je mehr an Grass auf die Nerven geht. "Neben allem, was mich kenntlich macht,/ hängt mir nun Makel an,/ deutlich genug/ für Leute/ mit makellos weisendem Finger", seufzt er. Ja, in der SS gewesen zu sein und ein Leben lang dies und das, aber genau darüber nicht geredet zu haben ist nun einmal nichts, worauf man sich auch nur das Geringste einbilden sollte.
Schlimm und blöd ist das, aber nicht überraschend in einem begrifflichen Feld, auf dem einer, der sich durch und durch als Medienopfer versteht, mit Ausdrücken wie "mundtot machen", "Pressekampagnen", "Inquisition" und "Schnellgericht" um sich wirft. Apropos "Schnellgericht". Wem Grass - der im vergangenen Hochsommer bei Erscheinen seines Erinnerungsbuchs "Beim Häuten der Zwiebel" offenbart hatte, dass er in den letzten Kriegsmonaten als Siebzehnjähriger Mitglied der Waffen-SS war - mit diesem Ausdruck was genau unterstellt, hat er in "Dummer August", seinem neuen Band mit Texten und Zeichnungen, denkbar deutlich formuliert: "Wie während Kinderjahren der Clown/ im Zirkus Sarrasani,/ so gleichen Namens der Monat.// Faxen machen,/ Grimassen schneiden,/ wie einst mit vierzehn.// Schon komme ich mir komisch vor,/ gestellt vors Schnellgericht/ der Gerechten.// Und auch der spitze Hut, gedreht/ aus der Zeitung von gestern,/ kleidet, weil allzeit gültig."
Das mag man Grass, der für einen von der Mediengesellschaft mundtot Gemachten zurzeit recht ausführlich zu Wort kommt, alles glauben. Außer der Zeile, er komme sich "komisch vor". Warum auch? Für ausnahmslos alle der 41 in "Dummer August" versammelten Texte ist eines klar: "Ich" (und das ist kein lyrisches Ich) bin im Recht. Und "die Feinde" sind im Unrecht. Manchmal taucht das verfolgte Ich auch als "Er" auf, so unter dem Titel "Am Pranger": "Es geschah, nachdem mir die Zwiebel/ Haut nach Haut/ hilfreich geworden war.// Seht, nun steht er gehäutet da,/ rufen jetzt viele,/ die nicht die Zwiebel zur Hand nehmen wollen,/ weil sie befürchten, etwas, nein, schlimmer,/ nichts zu finden,/ das sie kenntlich werden ließe."
Mal abgesehen von der eitel-gravitätischen erneuten Indienststellung des eh überstrapazierten Bildes von der abgezogenen Zwiebel, vom altmeisterlich immerhin gemeinten Satzbau, mal abgesehen also vom Stil (einem für etwas, das Gedicht sein will, nicht unwichtigen Kriterium) - was wird hier gesagt? Wenn "die", die "vielen" nur einmal genau ihre eigene Zwiebel anzuschauen, also ihr Gedächtnis vergleichbar vorbildlich zu erforschen versuchten, würden sie eh nicht so etwas Dolles finden wie ich, deshalb lassen diese Erfahrungslosen es lieber gleich und machen stattdessen mich - neidisch - zur Nacktschnecke?
Was aus dieser Sammlung hätte werden können, wäre der beleidigte Autor sich nicht selbst in die Quere gekommen, deutet sich in Versen an, in denen es um andere Lebensmittel geht, um Maiskolben, Dorschköpfe, den lieben Steinpilz oder, in der Heinenachfolge, die Zuckerschote. Da ist der Dichter zuweilen ganz bei sich und nicht beim Eingeschnapptsein: "Heines Zuckererbsen aus Schoten/ grün springen lassen:/ ein Kindervergnügen,/ von dem alte Männer erzählen,/ zum Beispiel ich mit zittriger Hand." Aber schon der Verzehr von Artischocken mit Essig und Öl wird wieder zum "Lehrmittel in Sachen Geduld". Man liest mit: in Leidenszeit.
Die nicht eben begeisterten Reaktionen der Feuilletons auf "Dummer August" (zu denen sich nun auch dieser Beitrag gesellt) dürften Grass in seiner Auffassung bestätigen, ohne eigenes Zutun in die Rolle des Prügelknaben geraten zu sein. Aber der bisher erschienenen Rezensionen hätte es kaum bedurft; Grass ist nun einmal und nicht erst neuerdings überzeugt, was der deutsche Kulturjournalismus in seinem Fall hervorbringe, sei "Wolfsrudelgeheul", dem er mutig mit seiner "Gegenstimme" standhalte. Das große Forum der Leipziger Messe war ihm willkommener Anlass, seiner seit Sommer 06 gut konservierten Rage freien Lauf zu lassen. Da spricht man dann eben so dies und das.
Es hören ja genügend Leute zu. Und finden das gut. Auf welchem Sofa der Literaturnobelpreisträger auch Platz nimmt, es gibt sofort ein Riesengedränge. Welch absurde Bezichtigung er auch immer schleudert, man nimmt sie verständnisinnig zur Kenntnis. So wiederholt sich die seit Jahrzehnten bekannte Vorstellung: Grass agiert, die Presse reagiert, Grass gibt den Medienmärtyrer, das aktuelle Buch verkauft sich fabelhaft; "Dummer August" ist wenige Tage nach Erscheinen nicht lieferbar; Erstauflage ausverkauft.
Es ist mehr als der "altbackene Jammer" nicht nur seiner Gedichtzeilen, der einem je länger, je mehr an Grass auf die Nerven geht. "Neben allem, was mich kenntlich macht,/ hängt mir nun Makel an,/ deutlich genug/ für Leute/ mit makellos weisendem Finger", seufzt er. Ja, in der SS gewesen zu sein und ein Leben lang dies und das, aber genau darüber nicht geredet zu haben ist nun einmal nichts, worauf man sich auch nur das Geringste einbilden sollte.
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