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Durch die Sprache dem menschlichen Geist auf der Spur

Campus
Der Linguist Klaus von Heusinger

Die Linguistik beweist: obwohl längst nicht alles gesagt wird, funktioniert die Kommunikation in den meisten Fällen ziemlich gut
 

Klaus von Heusingers Wissenschaft ist der Alltag. "Wir befassen uns mit dem Alltäglichsten, das es gibt - mit der Sprache." Alltäglich, aber umso faszinierender, findet der begeisterte Linguist. Wer sich mit dem Alltag befasst, ist immer im Dienst. An der Stadtbahn-Haltestelle stolpert der Stuttgarter Professor schon mal über den Ausdruck "Vollzug". Als Linguist weiß er, der Kontext ist entscheidend für die Bedeutung. "Vollzug" bedeutet an der Straßenbahn-Haltestelle etwas ganz anderes als zum Beispiel in der Justiz.

Im Alltag ist der Linguist dem Grundsätzlichen auf der Spur. Seine Herausforderung ist die Sprachenvielfalt, seine These, "irgendwie funktionieren Sprachen gleich". Schließlich ist die Struktur der Sprachen so, dass jeder sie lernen kann, sagt von Heusinger. Wenn Linguisten Gemeinsamkeiten der Sprachen herausgefunden haben, "dann haben wir ein bisschen darüber gelernt, wie der menschliche Geist funktioniert".

Die Sprachwissenschaft ist so vielfältig wie die Sprachen selbst. Das Erstaunliche ist, dass Kommunikation meist funktioniert, obwohl längst nicht alles gesagt wird. Gar nicht gesagt werden kann, wie der Linguist weiß. Das liegt am Flaschenhals.

Wenn zum Beispiel im Arbeitszeugnis steht: "Er ist immer pünktlich gekommen und war freundlich zu den Mitarbeitern", dann mag den Betroffenen ein mulmiges Gefühl beschleichen. Zu Recht. Die Pragmatik hilft ihm zu verstehen, warum das Zeugnis schlecht ist. Klaus von Heusinger sagt: "Der Mensch hat eine Unmenge von Informationen im Kopf, die Sprache dagegen ist relativ langsam." Es ist wie ein Flaschenhals. Es gibt keine Methode, die Sprache wirksam zu beschleunigen, also muss ein Sprecher sich auf wenige Informationen beschränken und darauf setzen, dass der Hörer diese durch gemeinsames Wissen anreichert und blitzschnell verarbeiten kann. Beim Arbeitszeugnis geht man davon aus, dass nur das Wichtigste hineingeschrieben wird. Wenn es also sonst nichts zu sagen gibt, kommt man halt auf die Pünktlichkeit zu sprechen.

Das Prinzip Flaschenhals gilt auch für die Semantik, die Lehre von der Bedeutung. Es ist nicht so, dass jedes Wort an sich eine absolute Bedeutung hat. Man nehme "groß". Ist doch klar, sagt der normale Sprachnutzer. Ist alles relativ, sagt der Linguist und beweist: Eine große Maus ist deutlich kleiner als ein kleiner Elefant. Klaus von Heusinger kann auch das erklären: "Die Bedeutung von groß wartet auf das Nomen." Sprecher und Hörer teilen gemeinschaftliches Wissen über eine durchschnittliche Größe des mit dem Nomen bezeichneten Objekts, und der Hörer weiß, dieses Objekt liegt über dem Durchschnitt. Manches Adjektiv kann je nach nachfolgendem Nomen etwas ganz anderes bedeuten.

So heißt "tief" nicht immer, dass etwas weit nach unten reicht. Das zeigen die tiefen Schubladen. Verwirrend? Nein, das ist praktisch und vernünftig, sagt von Heusinger. "Wären die Bedeutungen allzu konkret, bräuchten wir viel mehr Wörter." Dann käme man auch, wie die Inuit, auf hundert Wörter für Schnee. So wäre das, sagt von Heusinger, nur stimme die Behauptung über den Wortreichtum der Inuit überhaupt nicht.

Er muss es wissen, denn ein wichtiges Betätigungsfeld der Linguisten ist der Sprachvergleich. Auf von Heusingers Schreibtisch stapeln sich die Grammatiken. Neben drei Bänden spanischer Grammatik liegt die englische, eine arabische zieht er aus dem Regal. Ein Linguist spricht keine Sprachen, er arbeitet über sie. Von Heusinger arbeitet über Arabisch, Türkisch, Rumänisch, Spanisch und Mongolisch. Demnächst wird er sich wohl in Usbekisch einarbeiten.

Doch Linguisten gehen auch empirisch vor. Sie entwerfen Fragebögen mit Beispielsätzen, die Muttersprachler beurteilen sollen. Wenn es komplizierter wird, werden informierte Informanten hinzugezogen, wie etwa ausgebildete Linguisten. Die Stuttgarter Universität ist dafür ein ergiebiges Umfeld. "Wir haben hier viele internationale Studenten. Es bereichert ungemein, wenn wir Muttersprachler direkt befragen können." Der Sprachvergleich liefert verblüffende Ähnlichkeiten. "In 95 bis 98 Prozent aller Sprachen steht das Objekt nahe am Verb, das Subjekt dagegen weiter weg", berichtet von Heusinger. Daraus folgert der Linguist, so gut wie alle Sprecher und Hörer wollen erst über das Wichtigste, das Subjekt, Bescheid wissen und dann etwas über das Neue, das Objekt, erfahren.

Die heutige Linguistik ist eine junge Wissenschaft. 1957 erschien das Buch "Syntactic Structures" des Amerikaners Noam Chomsky. Seine generative Grammatik besagt, dass mit einer endlichen Zahl von Wörtern und einem begrenzten Instrumentarium von grammatischen Regeln eine unbegrenzte Anzahl von Sätzen gebildet werden können. Chomsky geht davon aus, dass diese universelle sprachliche Kompetenz angeboren ist und widerspricht den bis dahin vorherrschenden behavioristischen Theorien, dass der kindliche Spracherwerb wesentlich auf Reiz und Reaktion beruhe. Damit gilt Chomsky als ein Begründer der modernen Linguistik.
 

Renate Allgöwer

19.04.2007 - aktualisiert: 05.09.2007 21:23 Uhr

 


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