Biobranche

Engagement aus Überzeugung

StZ/StN, veröffentlicht am 17.06.2007
Foto: dpa

Stuttgart - Über diese Branche ist viel Positives mitzuteilen. Während andere ihre Produktion ins Ausland verlagern, stocken die Hersteller und Händler von Biolebensmitteln, Naturkosmetik und -textilien in Deutschland kräftig auf. Auf den Internetseiten von Alnatura, Weleda und Co. sind andauernd neue Stellenausschreibungen zu finden. Und während in herkömmlichen Betrieben oft die Männer das Sagen haben, sitzen in dem Naturkostunternehmen Zwergenwiese und anderswo Frauen in den Chefsesseln.

Der Bioboom wirkt sich auf den Arbeitsmarkt aus. Rund 160.000 Personen sind nach Schätzungen des Presseforums Biobranche in den Bereichen Erzeugung, Herstellung, Handel und Dienstleistung tätig. In Süddeutschland sind einerseits viele Firmen ansässig, man denke nur an Weleda in Schwäbisch Gmünd und an die Handelskette Basic, deren Hauptsitz in München ist. Andererseits werden im Süden deutlich mehr Bioprodukte oder Naturcremes gekauft als etwa im Norden, wie eine Untersuchung des Marktforschungsinstituts GfK (Gesellschaft für Konsumforschung) zeigt. Bundesweit umfasste der Inlandsumsatz 2005 rund vier Milliarden Euro. Das entspricht einer Steigerung von 15 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Viele Angestellte leben selbst ausschließlich von Bioprodukten - und machen ihren Job aus Überzeugung. So wie Astrid Paefgen, die für den Einkauf des gesamten Sortiments der Alnatura-Märkte verantwortlich ist. "Biolebensmittel haben einen besseren Geschmack", sagt die 31-Jährige. "Ich weiß, wie sie hergestellt wurden und dass ich sie mit gutem Gewissen essen kann." Ihr Weg in die mittlere Führungsebene verlief alles andere als geradlinig. Sie wollte Biologielehrerin werden, doch kurz vor dem Examen merkte sie, dass das nicht das Richtige für sie sei. "In der Studienberatung erfuhr ich, dass vor allem Entwicklungsbiologen und Genetiker auf dem Arbeitsmarkt gefragt seien. Ich begeisterte mich für Ökologie."

Da es in diesem Bereich kaum Stellen gab, brach Paefgen das Studium ab und verdiente sich ihre Brötchen erst einmal mit ihrem Studentenjob in der Lebensmittelabteilung eines Kaufhauses. Als Alnatura in ihrer Heimatstadt eine Filiale eröffnete, bewarb sie sich als stellvertretende Filialleiterin. Inzwischen ist sie in der Konzernzentrale in Bickenbach tätig.

Das Biologiestudium kommt ihr dort zugute: "Wenn mir die Hersteller etwas über den Obst- und Gemüseanbau erzählen, verstehe ich sie und kann mitreden." Auch wisse sie, wie der Stoffwechsel funktioniert und wo im Körper welche Schadstoffe abgelagert werden. "Jemand, der Betriebswirtschaft studiert hat, verfügt in der Regel nicht über diese Kenntnisse".

Als in den siebziger Jahren in der Bundesrepublik die ersten Bioläden öffneten, jobbten dort viele Quereinsteiger. Menschen ohne Berufsausbildung und Enthusiasten, die sich ihr Wissen über Handel und Landwirtschaft autodidaktisch angeeignet hatten, beugten sich über Kisten mit runzligen Möhren. Inzwischen hielt Professionalität Einzug. Der Kunde klickt übersichtliche Websites an und greift zu Ware, die ansprechend verpackt ist. "Wenn eine Firma eine Stelle ausschreibt, sucht sie einen qualifizierten Mitarbeiter", sagt Detlef Harting von Harting & Tovar, einer PR-Agentur, die sich auf die Biobranche spezialisiert hat. "Ein Lebensmitteltechniker, der in der Qualitätssicherung tätig ist, muss zum Beispiel die Standards für die Hygiene kennen."

Eine Studie von Harting & Tovar belegt, dass sich zwischen 1993 und 2003 die Anzahl der Beschäftigten in der Biobranche fast verdoppelt hat. Eine Statistik zu erstellen ist nicht einfach. In den Handelskonzernen, die inzwischen fast alle ein Biosortiment haben, betreut bisweilen ein Produktmanager sowohl die konventionell hergestellte Milch als auch die Milch mit dem Biosiegel. Wie soll er gezählt werden? Doch es ist klar, dass auch die Großen verdienen am Bioboom. Beispiel Plus: Die Kette startete im Jahr 2002 mit 23 BioBio-Produkten und stockte seitdem auf 90 auf. "Wir haben dafür nicht extra Arbeitskräfte eingestellt", sagt Sprecherin Melanie Prüsch. Die Erweiterung des Biosortiments gehöre zur Expansionsstrategie des Unternehmens.
 

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