Fernliebende
Für Überstunden bleibt viel Zeit
StZ/StN, veröffentlicht am 04.10.2007
Stuttgart - Liebe geht so: am Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag und Freitag arbeiten. Konferenzen, Geschäftsreisen, Meetings und Überstunden inklusive. Am Freitag im Idealfall etwas weniger. Dann gilt der erste Gedanke am Morgen dem nahen Wochenende - und damit exklusiv dem Partner in der Ferne. Ein Muster, das zahlreiche Paare für sich reklamieren: die Fernliebenden. "Uns war klar, dass es erst mal nicht anders geht", quittiert Alexandra M. die Situation. "Es war ein ständiges Ringen um Kraft, aber die Gefühle waren plötzlich wie in Watte gehüllt." Wenn sich die 37-jährige Unternehmensberaterin an die Zeit jahrelangen Pendelns zwischen ihrer Heimat Stuttgart und Kiel erinnert, klingt das nostalgisch. "Die Wochenenden waren heilig. Nie mehr waren wir so aufmerksam und einander zugetan wie in dieser Zeit", sagt sie und lächelt. Dreimal allerdings scheiterte die Beziehung beinahe, weil ihr Mann Ben, Kaufmann in einem Logistikunternehmen, die Fernbeziehung nicht mehr weiterführen mochte. Beide bemühten sich um einen Job am Ort. Mit Erfolg. "Vor allem aber mit dem guten Gefühl, erst mal etwas Karriere gemacht zu haben." Da waren sie sich einig. "Heute genießen wir ein- und denselben Ort."
Das widrige Dreigestirn Vorfreude, Wiedersehen, Abschied trifft den Schätzungen von Experten zufolge rund zehn bis zwölf Prozent aller deutschen Paare im Alter zwischen 20 und 60 Jahren. Professor Norbert F. Schneider, Mainzer Soziologe und Autor der Studie "Berufsmobilität und Lebensform", betrachtet Fernbeziehungen vor allem als Konstrukte, die aus der Not geboren sind, als Übergangsphänomen. Schuld daran ist vor allem die Flexibilität, die im Zeitalter der Globalisierung beinahe stillschweigend von Arbeitgebern vorausgesetzt wird. Experten schätzen sogar, dass die Zahl der haushaltsübergreifenden Lieben weiter steigt.
Distanz auf Zeit hat durchaus Vorteile
Fernbeziehungen bedeuten fast immer ambivalente Gefühle. Sie werden geführt aus pragmatischen Gründen, weil der Beruf keine andere Wahl lässt. Beide Partner wollen auf ihre Kosten kommen - und pendeln. Für die meisten von ihnen soll es eine vorübergehende Überbrückung sein. Distanz auf Zeit, sie hat durchaus Vorteile. Wer eine Fernbeziehung führt, hat beides: ein ganz eigenes Leben mit viel Zeit für den Job - und für unbeschränkte Überstunden. Zu Hause wartet schließlich niemand. Aber die Fernbeziehung bietet auch die Chance auf eine Liebe, die vom Alltag nicht getrübt wird. Dem Partner gehört das gesamte Wochenende, ganz ohne berufliche Einschränkungen.
Die Nachteile: Fernbeziehungen kosten Zeit und Geld. Sie nagen am Vertrauen auf die Treue und Verlässlichkeit des Partners, der wochentags beinahe ein Phantom ist. Fernbeziehungen reduzieren das Privatleben zwangsläufig auf ein Minimum, weil der Partner in der Ferne das einzige Ziel ist, auf das hingearbeitet wird, von Montag bis Freitag. Häufige Folge sind von Erwartungen überfrachtete Wochenenden.
Für die Karriere- und Paarberaterin Jutta Boenig in Überlingen am Bodensee gibt es vor allem unterschiedliche Altersstrukturen und damit verbunden unterschiedliche Bedürfnisse der Paare. Karrierestarter in den späten Zwanzigern bewerten das Pendlerdasein ihrer Liebe meist anderes als Mittdreißiger und Ältere. "Während die ganz Jungen ihre Karriere gerade beginnen, sich den Arbeitsort oft nicht aussuchen können und die Situation daher gleich akzeptieren, haben Paare Anfang bis Mitte dreißig andere Nöte", so Boenig. "Hier geht es sehr häufig um einen Karrieresprung. Immer öfter geht es aber auch um die Prioritäten. Heute leben in sehr vielen Beziehungen Frauen über 30, die Kinder erst einmal aufschieben, um ihre Ausbildung auszuleben."
Nicht selten bleibt das Herz zurück
In den Vierzigern schließlich sind die Probleme wieder anderer Natur - meist geht es um ganze Wochenendfamilien. Die Kinder pubertieren, Umzüge sind schwieriger, Karriereentscheidungen schaffen neue Lebensphasen. "Da kommt es vor, dass jemandem kein weiterer Aufstieg mehr möglich ist oder er aus dem Unternehmen, in dem er arbeitet, ausscheiden müsste, aber mit einer Entscheidung überfordert ist", sagt die Paarberaterin. Die Probleme sind vielschichtig: "Jüngere wollen Fernbeziehungen einfach überbrücken, leiden aber. Wenn sie zu sehr leiden, wechseln sie tendenziell eher den Partner." Sie stehen dann aber am Ende auch nicht besser da.
"Wer aus beruflichen Gründen eine Fernbeziehung führt, fällt Entscheidungen oft mit halbem Herzen", weiß Jutta Boenig. "Nicht selten bleibt das Herz zurück am alten Ort, der Kopf schreitet voran." Man betrügt sich selbst, um beruflich voranzukommen und die Situation durchzustehen. Das kann Fernbeziehungen belasten, auch wenn die Betroffenen oft genau wissen: sie können sich den Ort ihrer Berufstätigkeit nicht aussuchen. "Man muss ja arbeiten, will weiterkommen - eine unantastbare Kombination. Partner möchten einander nicht beschränken."
Fernbeziehungen leben vor allem vom Telefon. Es gibt Paare, die täglich mehrfach zum Hörer greifen, alles direkt miteinander besprechen möchten. Hat der Partner dreimal hintereinander keine Zeit, weil Termine dazwischenkommen, sind Krisen vorprogrammiert. Erwartungen entstehen. "Plötzlich liegen Wunsch und Wirklichkeit immer weiter auseinander", weiß Jutta Boenig. Ansichten, Wünsche, Gemeinsames werden nicht mehr artikuliert. Der Anfang vom Ende? "Anstatt dauerhaft Wünsche auf den Partner zu projizieren, sollten Paare sich bemühen, nicht stumm zu werden. Einer meiner Klienten lebte zehn Jahre eine Fernbeziehung," schildert sie eine häufige Konstellation. "Er pendelte zwischen Stuttgart und Hamburg, arbeitete 14 Stunden pro Tag, lebte nur für die Wochenenden - mit seiner Frau und seinen Kindern." Eines Tages überraschte ihn seine Frau mit seiner Zweitfamilie. Wenige Wochen später verlor er den Job.
"Paare sollten von Anfang an versuchen, weise zu sein", sagt die Karriereberaterin. Wer unter der Woche nur arbeitet, erzeuge Erwartungen, die niemand erfüllen könne. Sie rät, in der Woche bewusst etwas Schönes für sich selbst zu tun, allein und mit Genuss. "Gehen Sie aus! Davon profitiert auch der Partner." Und am Wochenende? "Schaffen Sie sich Inseln. Tun Sie etwas, das Ihnen beiden gut tut. Und überlegen Sie immer wieder: Was ist eigentlich das ,Wir'? Welche Erwartungen gibt es ans gemeinsame Leben?" Etwas pragmatischer angegangen, kann pendelnde Paare dann auch eines nicht mehr schocken: der Knatsch am Samstagmorgen nach einer Woche voller Vorfreude aufeinander. Profanes macht eben auch vor dem Wochenende keinen Halt.
www.liebe-auf-distanz.de
www.gelingende-fernbeziehung.de
Das widrige Dreigestirn Vorfreude, Wiedersehen, Abschied trifft den Schätzungen von Experten zufolge rund zehn bis zwölf Prozent aller deutschen Paare im Alter zwischen 20 und 60 Jahren. Professor Norbert F. Schneider, Mainzer Soziologe und Autor der Studie "Berufsmobilität und Lebensform", betrachtet Fernbeziehungen vor allem als Konstrukte, die aus der Not geboren sind, als Übergangsphänomen. Schuld daran ist vor allem die Flexibilität, die im Zeitalter der Globalisierung beinahe stillschweigend von Arbeitgebern vorausgesetzt wird. Experten schätzen sogar, dass die Zahl der haushaltsübergreifenden Lieben weiter steigt.
Distanz auf Zeit hat durchaus Vorteile
Fernbeziehungen bedeuten fast immer ambivalente Gefühle. Sie werden geführt aus pragmatischen Gründen, weil der Beruf keine andere Wahl lässt. Beide Partner wollen auf ihre Kosten kommen - und pendeln. Für die meisten von ihnen soll es eine vorübergehende Überbrückung sein. Distanz auf Zeit, sie hat durchaus Vorteile. Wer eine Fernbeziehung führt, hat beides: ein ganz eigenes Leben mit viel Zeit für den Job - und für unbeschränkte Überstunden. Zu Hause wartet schließlich niemand. Aber die Fernbeziehung bietet auch die Chance auf eine Liebe, die vom Alltag nicht getrübt wird. Dem Partner gehört das gesamte Wochenende, ganz ohne berufliche Einschränkungen.
Die Nachteile: Fernbeziehungen kosten Zeit und Geld. Sie nagen am Vertrauen auf die Treue und Verlässlichkeit des Partners, der wochentags beinahe ein Phantom ist. Fernbeziehungen reduzieren das Privatleben zwangsläufig auf ein Minimum, weil der Partner in der Ferne das einzige Ziel ist, auf das hingearbeitet wird, von Montag bis Freitag. Häufige Folge sind von Erwartungen überfrachtete Wochenenden.
Für die Karriere- und Paarberaterin Jutta Boenig in Überlingen am Bodensee gibt es vor allem unterschiedliche Altersstrukturen und damit verbunden unterschiedliche Bedürfnisse der Paare. Karrierestarter in den späten Zwanzigern bewerten das Pendlerdasein ihrer Liebe meist anderes als Mittdreißiger und Ältere. "Während die ganz Jungen ihre Karriere gerade beginnen, sich den Arbeitsort oft nicht aussuchen können und die Situation daher gleich akzeptieren, haben Paare Anfang bis Mitte dreißig andere Nöte", so Boenig. "Hier geht es sehr häufig um einen Karrieresprung. Immer öfter geht es aber auch um die Prioritäten. Heute leben in sehr vielen Beziehungen Frauen über 30, die Kinder erst einmal aufschieben, um ihre Ausbildung auszuleben."
Nicht selten bleibt das Herz zurück
In den Vierzigern schließlich sind die Probleme wieder anderer Natur - meist geht es um ganze Wochenendfamilien. Die Kinder pubertieren, Umzüge sind schwieriger, Karriereentscheidungen schaffen neue Lebensphasen. "Da kommt es vor, dass jemandem kein weiterer Aufstieg mehr möglich ist oder er aus dem Unternehmen, in dem er arbeitet, ausscheiden müsste, aber mit einer Entscheidung überfordert ist", sagt die Paarberaterin. Die Probleme sind vielschichtig: "Jüngere wollen Fernbeziehungen einfach überbrücken, leiden aber. Wenn sie zu sehr leiden, wechseln sie tendenziell eher den Partner." Sie stehen dann aber am Ende auch nicht besser da.
"Wer aus beruflichen Gründen eine Fernbeziehung führt, fällt Entscheidungen oft mit halbem Herzen", weiß Jutta Boenig. "Nicht selten bleibt das Herz zurück am alten Ort, der Kopf schreitet voran." Man betrügt sich selbst, um beruflich voranzukommen und die Situation durchzustehen. Das kann Fernbeziehungen belasten, auch wenn die Betroffenen oft genau wissen: sie können sich den Ort ihrer Berufstätigkeit nicht aussuchen. "Man muss ja arbeiten, will weiterkommen - eine unantastbare Kombination. Partner möchten einander nicht beschränken."
Fernbeziehungen leben vor allem vom Telefon. Es gibt Paare, die täglich mehrfach zum Hörer greifen, alles direkt miteinander besprechen möchten. Hat der Partner dreimal hintereinander keine Zeit, weil Termine dazwischenkommen, sind Krisen vorprogrammiert. Erwartungen entstehen. "Plötzlich liegen Wunsch und Wirklichkeit immer weiter auseinander", weiß Jutta Boenig. Ansichten, Wünsche, Gemeinsames werden nicht mehr artikuliert. Der Anfang vom Ende? "Anstatt dauerhaft Wünsche auf den Partner zu projizieren, sollten Paare sich bemühen, nicht stumm zu werden. Einer meiner Klienten lebte zehn Jahre eine Fernbeziehung," schildert sie eine häufige Konstellation. "Er pendelte zwischen Stuttgart und Hamburg, arbeitete 14 Stunden pro Tag, lebte nur für die Wochenenden - mit seiner Frau und seinen Kindern." Eines Tages überraschte ihn seine Frau mit seiner Zweitfamilie. Wenige Wochen später verlor er den Job.
"Paare sollten von Anfang an versuchen, weise zu sein", sagt die Karriereberaterin. Wer unter der Woche nur arbeitet, erzeuge Erwartungen, die niemand erfüllen könne. Sie rät, in der Woche bewusst etwas Schönes für sich selbst zu tun, allein und mit Genuss. "Gehen Sie aus! Davon profitiert auch der Partner." Und am Wochenende? "Schaffen Sie sich Inseln. Tun Sie etwas, das Ihnen beiden gut tut. Und überlegen Sie immer wieder: Was ist eigentlich das ,Wir'? Welche Erwartungen gibt es ans gemeinsame Leben?" Etwas pragmatischer angegangen, kann pendelnde Paare dann auch eines nicht mehr schocken: der Knatsch am Samstagmorgen nach einer Woche voller Vorfreude aufeinander. Profanes macht eben auch vor dem Wochenende keinen Halt.
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