Stuttgarter Zeitung online | Zeitungsgruppe Stuttgart |  Sonntag, 12. Februar 2012

Stuttgart & Region


Jugendstrafvollzug im Leonberger Seehaus

"Stress pur für die Jungs"

dpa/lsw, veröffentlicht am 04.01.2008
Foto: dpa

Leonberg - "Am Anfang wollte ich jeden Tag weglaufen", erinnert sich der 21-jährige Amos (Name geändert) an seine ersten Tage im Seehaus. "Es ist hart hier, viel härter als im Knast". Vor knapp einem Jahr verließ der Äthiopier das Gefängnis, um den Rest seiner Haftzeit auf dem abgelegenen Hof nahe Leonberg (Kreis Böblingen) zu verbringen. Im Rahmen des "Projekts Chance" ermöglicht die baden-württembergische Landesregierung seit rund fünf Jahren jungen Gefängnisinsassen den "Jugendstrafvollzug in freien Formen". Im Leonberger Seehaus und im Kloster Frauental in Creglingen (Main-Tauber-Kreis) sollen junge Mehrfach- und Intensivtäter im Alter zwischen 14 und 21 Jahren auf eine Rückkehr in ein Leben ohne Kriminalität vorbereitet werden.

Ein 16-Stunden-Tag erwartet die Jugendlichen im Seehaus. Er beginnt morgens um 5.45 Uhr mit Frühsport. Auch im Winter, wenn die Luft klirrend kalt ist, und die umliegenden Felder von Schnee und Eis bedeckt sind. Anschließend müssen sie aufräumen und putzen. Es folgen Unterricht, Arbeit und soziales Training. Zwei Raucherpausen pro Tag sind erlaubt. Gegen 22 Uhr gehen in dem Wohnhaus die Lichter aus. "Das hier ist Stress pur für die Jungs", erklärt Tobias Merckle, der Geschäftsführer des Seehauses.

Auf dem ehemaligen Reiterhof erleben viele Jugendliche zum ersten Mal einen geregelten Tagesablauf. Außerdem erfahren sie Gemeinschaft. Das Zusammenleben ist familienähnlich organisiert. Zwei Betreuerfamilien leben dauerhaft mit den bis zu 14 jungen Straftätern zusammen, teilen sich mit ihnen Wohnzimmer und Küche. Die Räume strahlen Wärme und Gemütlichkeit aus. Sie sind stets aufgeräumt und ordentlich.

Für Amos ist eine diese Gemeinschaft eine echte Neuentdeckung. Im Alter von drei Jahren verlor er im äthiopischen Bürgerkrieg sein Eltern. Fünf Jahre später flüchtete er mit seinen beiden Geschwistern nach Deutschland. Er wuchs in einem Heim auf, fühlte sich stets als Außenseiter. Mit 14 verließ er das Heim und zog zu seinem Onkel nach Ravensburg, wenig später kam er bei Freunden unter. Er wurde drogenabhängig und finanzierte seine Sucht wesentlich durch Geld, das ihm nicht gehörte. Dreimal wurde er zu insgesamt sechs Jahren Haft verurteilt, wegen Körperverletzung, Diebstahl und räuberischer Erpressung.

"Trotz allem was sie getan haben, sind diese Kinder kein Abschaum. Sie sind Jugendliche, die nie zuvor eine Chance hatten", erklärt Merckle. Im Seehaus sollen sie endlich eine Perspektive erhalten. Sie werden gefördert, aber auch gefordert. Die Jugendlichen müssen arbeiten, erhalten Verantwortung und werden jeden Tag für ihre Leistungen benotet. Eine harte Schule.

Von Erziehungslagern nach US-amerikanischem Vorbild hält der Sozialpädagoge dagegen wenig. "Militärischer Drill bereitet nun mal nicht auf das normale Leben vor", erklärt er. Strenge und Regeln seien für den Umgang mit den Jugendlichen jedoch unabdingbar. Statt Verschärfungen des Jugendstrafrechts fordert er konsequente und schnelle Bestrafungen für junge Gesetzesbrecher von der ersten Tat an. "Wir warten oft viel zu lange ab", findet Merckle. Wichtig sei auch, dass es sich bei den Strafen um wiedergutmachende Sanktionen wie gemeinnützige Arbeit oder Sozialstunden handele. Nur so könnten die Jugendlichen begreifen, dass sie anderen geschadet haben.

Für noch wichtiger hält Merckle Prävention. "Wir sollten mehr Geld in die Förderung ausländischer Kinder vom Kindergarten an investieren", fordert er. Langfristig würde sich das für die Gesellschaft auszahlen. Auch die Mehrausgaben für den Jugendstrafvollzug in freien Formen rechtfertigt er über langfristige Einsparungen. "Die Unterbringung hier kostet mit 203 Euro pro Tag doppelt so viel wie in einer Jugendstrafvollzugsanstalt", erklärt er. Berichte aus anderen Ländern zeigen jedoch, dass die Jugendlichen nach ihrer Entlassung aus ähnlichen Projekten deutlich seltener rückfällig werden als nach der Entlassung aus dem Gefängnis. Auch die ersten Erfahrungen mit seinen "Absolventen" bewertet Merckle positiv.

Der Schlüssel zum Erfolg soll die Zukunftsperspektive, die das Seehaus bieten will. Die Gefangenen können während ihres ein- bis zweijährigen Aufenthalts in Leonberg ihren Hauptschulabschluss machen und sich auf Ausbildungsberufe vorbereiten. "Dank der Unterstützung durch Betriebe aus der Region, konnten wir bisher noch jedem einen Ausbildungsplatz vermitteln", berichtet Merckle stolz.

Diese Aussicht ist so attraktiv, dass noch nie jemand aus dem Seehaus abgehauen ist. Dabei wäre ein "Ausbruch" für die Jugendlichen denkbar einfach: Kein Zaun versperrt den Weg nach draußen, wenige Meter vom Haus entfernt liegt die Bushaltestelle. Auch Amos ist trotz aller Härte geblieben und er hat es nicht bereut: "Ich habe hier so viel gelernt, dass ich mich manchmal selbst kaum noch wiedererkenne." Ende August wird er das gelb getünchte Fachwerkhaus endgültig verlassen. Er will eine Ausbildung zum Altenpfleger machen - und noch einmal von vorne anfangen.
 
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