Stuttgarter Zeitung online | Zeitungsgruppe Stuttgart |  Sonntag, 12. Februar 2012

Stuttgart & Region


Interview mit Wilhelma-Kuratorin

„Die Tierschützer reden alles in den Zoos schlecht“

Erik Raidt, aus der StZ vom 9. Januar 2008, veröffentlicht am 08.01.2008
Foto: dpa

Durch die Medien gellt ein Aufschrei, weil eine Eisbärenmutter im Nürnberger Zoo zwei Jungtiere gefressen hat. Ab wann soll ein Zoo eingreifen? Diese Frage ist umstritten. Ulrike Rademacher, Kuratorin für die Raubtiere in der Wilhelma, hat darüber mit Erik Raidt gesprochen.

Seit Knut Tausende von Titelseiten geziert hat, diskutieren plötzlich sogar Politiker darüber, ob Zoos verpflichtet sind, Eisbärenbabys von Hand aufzuziehen.

Die ganze Debatte trägt inzwischen absurde Züge. Das Thema ist aus meiner Sicht völlig abgeglitten, und manche Berichterstattung in den Medien führt in die falsche Richtung. Da wird, wie jetzt in Nürnberg, künstlich ein "Eisbären-Drama im Zoo" herbeigeschrieben, obwohl es nichts Ungewöhnliches ist, weil viele Eisbärenbabys die ersten Tage nach ihrer Geburt nicht überleben.

Im Nürnberger Zoo hat die Mutter ihren Nachwuchs offensichtlich kurz nach der Geburt gefressen. Sollte ein Zoo in solchen Momenten besser eingreifen?

Da muss man von Fall zu Fall vor Ort entscheiden. Ich halte mich lieber an allgemeine Fakten: In den Zoos sterben 30 Prozent aller Eisbärenbabys innerhalb der ersten 24 Stunden. Außerdem ist es völlig normal, dass eine Mutter ihre Jungtiere frisst oder verlässt, wenn sie merkt, dass diese organische Probleme oder Missbildungen haben.

Nachdem alle Welt vom knuddeligen Knut ganz beglückt ist, wird in der Öffentlichkeit heute in solchen Fällen schnell das Bild von der Rabenmutter gezeichnet.

Das ist verantwortungslos und geht an der Realität vorbei: Die Natur geht mit der "Ressource Muttertier" sehr vorsichtig um. Wenn eine Eisbärin feststellt, dass ihr Junges keine Chance hat, zu überleben, frisst sie es auf. Dann investiert sie ihre Energie lieber in den nächsten Wurf. Das ist natürlich - schade, dass manche es so dramatisieren.

Wie würde sich die Wilhelma entscheiden, wenn es bei den Eisbären Nachwuchs gäbe? Würden sie die Kleinen lieber bei der Mutter belassen oder sie vom Pfleger per Hand aufpäppeln lassen?

Auch das würden wir vom Einzelfall abhängig machen. Natürlich wollen wir - wie jeder andere Zoo auch - dass der Nachwuchs bei der Mutter bleibt. Bei uns sind die Türen zur Wurfbox für alle geschlossen. Dass der Wilhelma nichts an einer Neuauflage des großen Knut-Wirbels liegt, ist bekannt.

Knut ist mit dem Fläschchen von einem Pfleger groß gezogen worden - die Handaufzucht ist allerdings umstritten.

Das ist wirklich ein heißes Eisen, über das im vergangenen Jahr beispielsweise die Vertreter vieler europäischer Zoos bei einer Konferenz in Warschau diskutiert haben. Natürlich gibt es für die Fotografen und Kameraleute großartige Bilder, wenn ein kleiner Eisbär im Arm seines Pflegers am Fläschchen nuckelt. Die Medien profitieren davon, doch die Experten sehen darin auch Gefahren.

Wo könnten Schwierigkeiten auftauchen?

Nehmen wir mal an, ein Jungtier wird sehr früh von seiner Mutter und seinen Artgenossen getrennt: Genau in dieser Zeit durchläuft der Nachwuchs seine wichtige Prägephase. Wenn er jetzt nur mit Menschen in Kontakt kommt, erlebt er nicht die Mimik und das Verhalten der anderen Eisbären. Gegner der Handaufzucht befürchten, dass diese Tiere später in ihrem Sozialverhalten gestört sind.

Tierschützer argumentieren hingegen, es sei Tierquälerei, wenn man die Jungtiere im Zoo ihrem Schicksal überlässt.

Ich habe Eindruck, dass die Tierschützer alles in den Zoos schlecht reden - egal was wir unternehmen. Außerdem ist die Debatte nur noch auf das Jungtier fixiert - alle schauen ausschließlich auf den süßen kleinen Eisbär. Dabei verlieren sie das Muttertier völlig aus den Augen. Experten argumentieren, dass die Mütter traumatisiert werden, wenn man ihnen den Nachwuchs wegnimmt. Uns liegen in der Wilhelma auch die erwachsenen Tiere am Herzen, mit denen wir langfristig eine Zucht aufbauen wollen.

In Nürnberg sind die Jungtiere gestorben

Zwei der kürzlich im Nürnberger Zoo geborenen Eisbärbabys sind vermutlich tot. Wie der Tiergartenchef Dag Encke erklärte, habe man bei der Kontrolle des Stalls von Eisbärendame Vilma keine Babys gefunden. "Es war kein Nachwuchs mehr zu sehen", sagte Encke, "wir vermuten, dass sie sie aufgefressen hat." Vermutlich seien die Babys krank oder sogar schon tot gewesen, als sie gefressen wurden. Unterdessen hat der Zoo gestern ein drittes Jungtier deren Mutter Vera weggenommen und plant, dieses mit der Flasche aufzuziehen. Der Tiergarten hatte befürchtet, dass die unruhig gewordene Mutter ihr Baby verstoßen könnte. Unterdessen kritisieren Tierschützer die Leitung des Zoos. "Der Zoo hätte früher eingreifen müssen", sagte Thomas Schröder, der Geschäftsführer des Deutschen Tierschutzbundes. Zwar lehnten die Tierschützer die Haltung und Nachzucht von Eisbären in Gefangenschaft strikt ab. Mit deren Aufzucht übernehme der Zoo jedoch eine ethische Verpflichtung: "Jedes Tier hat ein Recht auf Leben", so Schröder mit Blick auf den Tod zweier Jungtiere.
Die Debatten über die artgerechte Haltung von Tieren in Zoos haben seit dem Medienrummel um den Eisbär Knut neue Nahrung bekommen. Knut war von seiner Mutter nicht angenommen und anschließend von seinem Pfleger Thomas Dörflein mit der Flasche aufgepäppelt und großgezogen worden. In der Stuttgarter Wilhelma leben derzeit keine Jungtiere im Eisbärengehege. Die Hoffnungen auf Nachwuchs ruhen auf den breiten Schultern von Anton und Corinna, die beide 18 Jahre alt sind.
 
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