I'm not there

Bob Dylans Werk als Symptom eines ewigen Kampfes

Michael Werner, veröffentlicht am 28.02.2008
Filmbeschreibung
Das ist mutig: Bob Dylan ist ein kleiner, schwarzer Ausreißer und bereits im zarten Alter von elf Jahren mit ausladender Eloquenz gesegnet. Die gestattet es ihm, gestandenen Tramps im Güterwagon anno 1959 das Leben zu erklären. Gitarre spielen kann der Bub auch gut, und also sitzt er bald mit dem echten, ergrauten Richie Havens vor dem Haus und singt den "Tombstone Blues". Dass Bob Dylan in Todd Haynes' Film "I'm not there" zunächst beziehungsreich Woody heißt, dass der Nachwuchsschauspieler Marcus Carl Franklin diesen Woody mit nachgerade sensationell verwegener Altersklugheit ausstattet, macht die Sache nicht einfacher.

Bald wird es noch komplizierter: Bob Dylan (der sich als Produzent seiner eigenen Platten gern Jack Frost zu nennen beliebt) heißt im Film als junger Folkmusiker Jack (rührend zielsicher: Christian Bale), der Mitte der sechziger Jahre zum Popstar namens Jude (maßlos genial: Cate Blanchett) mutiert. Bob Dylan als vom Popstarleben angewiderter Familienmensch heißt kurz darauf Robbie, als sei dies der echte Bob, der bei seiner Geburt ja tatsächlich Robert hieß. Der vor kurzem verstorbene Hollywoodstar Heath Ledger turtelt also erst ausdauernd, dann genervt mit seiner Kollegin Charlotte Gainsbourg, die betont musenhaft Robbies Frau Claire spielt, die im Leben Sara hieß.

Die Verwirrung komplett machen Ben Whishaw, der im Verhörraum der Zeitgeschichte einen fahrigen Bob namens Arthur (Achtung, Rimbaud!) spielt, und Richard Gere als Bob, der Billy (the Kid) ist. Gere reitet weise durch ein Fantasie-Wildwest-Reservat, das von grotesken Figuren aus den surrealsten Bob-Dylan-Songs bevölkert wird. Wer die Songs nicht kennt, könnte glauben, dass "Star Wars" ein Westernremake erfährt.

Dies freilich ist das Problem der ambitionierten Lebensabschnittsschilderung "I'm not there": Haynes assoziiert und zitiert ähnlich hemmungslos wie Dylan das in Liedern wie "Visions of Johanna" tat. Da erklingt, beispielsweise, eine Instrumentalversion des Songs "Ballad of a thin Man", sogleich wird ein nackter Männerpopo in die Story geschnitten, und wer nicht weiß, dass sich der Popo auf eine Zeile eines verwandten Liedes bezieht, wird aus dem Film katapultiert. Mit der Erzähltechnik eines Dylan-Songs und mit dem entsprechenden Personal macht Haynes einen Film, dessen dylanesk trapezkünstlerhafte Assoziationskraft für Fans ein flauschig-sinnliches Kreuzworträtsel aufspannt, bei dem eine Lösung in die nächste flutscht. Nichtgemeindemitglieder schließt Haynes vom Genuss seines Insiderfilms aber weitgehend aus. Und genau dies unterscheidet "I'm not there" gravierend von seiner Inspirationsquelle, die 45 Jahre lang am grandiosen Soundtrack des Films geschrieben hat.

Weil ein dunkler Lockenschopf in Verbindung mit dem Sonnenbrillenmodell "Ray Ban - Wayfarer" längst zur Ikone mutiert ist, saugt eine cool überdrehte Cate Blanchett hektisch an ihren Zigaretten, und wir wissen Bescheid. Und Heath Ledger rennt mit flackerndem Blick dem zerbröckelnden Familienglück auf dem Lande hinterher, das begonnen wurde, um jenes Popstarleben zu beenden, das wiederum ein Folkstarleben beendet hat. Todd Haynes denunziert das Werk des größten Songwriters des Planeten als Symptom eines immerwährenden Befreiungskampfes: Bobby D. alleine gegen die Vereinnahmung und die Erwartungshaltung von so ungefähr der ganzen Welt. Für Fans jedenfalls ist "I'm not there" eine interessante Diskussionsgrundlage.
 
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