Jugendliche in der Psychiatrie
"Selbst normal begabte Kinder wollen nicht zur Schule"
Nicole Höfle, aus der StZ vom 11. März 2008, veröffentlicht am 10.03.2008
Stuttgart - Immer mehr Kinder und Jugendliche landen in der Psychiatrie. Der Chefarzt Reinmar du Bois sieht die Ursachen für die seelischen Erkrankungen in überforderten Eltern und einer entsolidarisierten Gesellschaft. Im Gespräch mit Nicole Höfle erklärt er, wie man vernachlässigten Kindern wieder Regeln vermitteln kann.
Sie müssen jede Woche Kinder und Eltern vertrösten. Woher kommen plötzlich die vielen seelisch kranken Minderjährigen?
Baden-Württemberg hält seit Jahren sehr viel weniger voll- und teilstationäre Plätze in der Kinder- und Jugendpsychiatrie vor als die meisten anderen Bundesländer. Es gehört damit bundesweit zu den Schlusslichtern. Der Bedarf ist lange einfach ignoriert worden, erst 2007 hat das Sozialministerium reagiert und die Einrichtung weiterer Plätze angestoßen. Auch wir wollen unsere Kapazitäten ausweiten.
Inzwischen landen bei uns jedes Jahr 200 Notfälle, das sind zum Beispiel Minderjährige, die am Leben verzweifeln, die auf ihre Eltern einprügeln oder sich ins Koma saufen und die wir zunächst oft nur für wenige Tage dabehalten können, weil wir keine freien Therapieplätze haben.
Was macht die Kinder krank?
Es ist ein Bündel von Ursachen, auch in der Anlage begründet und im Temperament. Hinzu kommen die immer kritischeren sozialen Verhältnisse in Deutschland, vieles erinnert mich inzwischen an die Thatcher-Zeit im Großbritannien der 80er Jahre. Auch dort war ein immer größerer Teil der Mittelschicht von Verarmung bedroht. Den Leuten, die in unserem Land die Meinungsführerschaft haben, geht es blendend, immer mehr Menschen aber rackern sich ab, um nicht zu den Verlieren zu gehören.
Das klingt nach allgemeiner Sozialkritik. Aber lassen sich damit wirklich seelische Krankheiten erklären?
Schauen Sie, wir behandeln im Olgäle viele Aussiedlerkinder. Die Eltern kommen nach Deutschland und kämpfen um ihr soziales Überleben. Sie plagen sich im Job ab und leben doch immer mit der Angst, zu den gesellschaftlichen Verlierern zu gehören. Deshalb übertragen sie alle Hoffnungen auf ihre Kinder. Die sollen in der Schule überdurchschnittliche Leistungen bringen, sollen sich in der Gesellschaft durchbeißen, die Erniedrigung, die die Eltern erlebt haben, überwinden. Dann bekommen die Kinder Sätze zu hören wie diesen: Wenn du sitzenbleibst, kannst du dir gleich die Kugel geben. Von solchen Vermächtnissen werden die Kinder erdrückt. Unsere Gesellschaft ist unsolidarisch, sie kann sich in die Lage dieser Menschen nicht einfühlen.
Dann legen aber doch Eltern die Grundlage für die Krankheit ihrer Kinder.
Natürlich, wenn Kinder zu uns in die Psychiatrie kommen, behandeln wir die Eltern mit, anders geht es nicht. Wir haben es mit Vätern zu tun, die selbst ein Alkoholproblem haben, mit depressiven Müttern, mit schwierigen Partnerschaften. Die Eltern sind oft so mit ihren eigenen Nöten und Sorgen beschäftigt, dass sie die Alarmzeichen für eine psychische Erkrankung ihrer Kinder gar nicht wahrnehmen oder darauf nicht reagieren können, wenn diese die Schule schwänzen oder im Unterricht verhaltensauffällig sind. Die Väter bekommen wir in vielen Fällen gar nicht zu sehen, wir erleben hier in der Klinik eine vaterlose Gesellschaft. Betroffen sind keineswegs nur sozial schwache Familien.
Sie müssen jede Woche Kinder und Eltern vertrösten. Woher kommen plötzlich die vielen seelisch kranken Minderjährigen?
Baden-Württemberg hält seit Jahren sehr viel weniger voll- und teilstationäre Plätze in der Kinder- und Jugendpsychiatrie vor als die meisten anderen Bundesländer. Es gehört damit bundesweit zu den Schlusslichtern. Der Bedarf ist lange einfach ignoriert worden, erst 2007 hat das Sozialministerium reagiert und die Einrichtung weiterer Plätze angestoßen. Auch wir wollen unsere Kapazitäten ausweiten.
Inzwischen landen bei uns jedes Jahr 200 Notfälle, das sind zum Beispiel Minderjährige, die am Leben verzweifeln, die auf ihre Eltern einprügeln oder sich ins Koma saufen und die wir zunächst oft nur für wenige Tage dabehalten können, weil wir keine freien Therapieplätze haben.
Was macht die Kinder krank?
Es ist ein Bündel von Ursachen, auch in der Anlage begründet und im Temperament. Hinzu kommen die immer kritischeren sozialen Verhältnisse in Deutschland, vieles erinnert mich inzwischen an die Thatcher-Zeit im Großbritannien der 80er Jahre. Auch dort war ein immer größerer Teil der Mittelschicht von Verarmung bedroht. Den Leuten, die in unserem Land die Meinungsführerschaft haben, geht es blendend, immer mehr Menschen aber rackern sich ab, um nicht zu den Verlieren zu gehören.
Das klingt nach allgemeiner Sozialkritik. Aber lassen sich damit wirklich seelische Krankheiten erklären?
Schauen Sie, wir behandeln im Olgäle viele Aussiedlerkinder. Die Eltern kommen nach Deutschland und kämpfen um ihr soziales Überleben. Sie plagen sich im Job ab und leben doch immer mit der Angst, zu den gesellschaftlichen Verlierern zu gehören. Deshalb übertragen sie alle Hoffnungen auf ihre Kinder. Die sollen in der Schule überdurchschnittliche Leistungen bringen, sollen sich in der Gesellschaft durchbeißen, die Erniedrigung, die die Eltern erlebt haben, überwinden. Dann bekommen die Kinder Sätze zu hören wie diesen: Wenn du sitzenbleibst, kannst du dir gleich die Kugel geben. Von solchen Vermächtnissen werden die Kinder erdrückt. Unsere Gesellschaft ist unsolidarisch, sie kann sich in die Lage dieser Menschen nicht einfühlen.
Dann legen aber doch Eltern die Grundlage für die Krankheit ihrer Kinder.
Natürlich, wenn Kinder zu uns in die Psychiatrie kommen, behandeln wir die Eltern mit, anders geht es nicht. Wir haben es mit Vätern zu tun, die selbst ein Alkoholproblem haben, mit depressiven Müttern, mit schwierigen Partnerschaften. Die Eltern sind oft so mit ihren eigenen Nöten und Sorgen beschäftigt, dass sie die Alarmzeichen für eine psychische Erkrankung ihrer Kinder gar nicht wahrnehmen oder darauf nicht reagieren können, wenn diese die Schule schwänzen oder im Unterricht verhaltensauffällig sind. Die Väter bekommen wir in vielen Fällen gar nicht zu sehen, wir erleben hier in der Klinik eine vaterlose Gesellschaft. Betroffen sind keineswegs nur sozial schwache Familien.
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