Joe Jackson in Stuttgart
"Tragik ist eine positive Kraft"
Thomas Winkler, aus der StZ vom 18. März 2008, veröffentlicht am 17.03.2008
Stuttgart - Am Donnerstag beginnt im Gustav-Siegle-Haus und im Bix das neue Jazzfestival Boomtown. Der prominenteste Gast ist sicherlich Joe Jackson. Der britische Musiker wohnt, nach zwei Jahrzehnten in New York, seit gut einem Jahr in Berlin. Thomas Winkler hat ihn dort getroffen.
Auf der Rückseite ihrer neuen CD „Rain“ ist ein Foto, auf dem Sie vor einem Imbiss in Kreuzberg sitzen, direkt unter der Hochbahn. Ist der gut, der Imbiss?
Keine Ahnung. Ich esse da nicht. Ich benutze regelmäßig die U-Bahnstation, aber ich bin noch nie auf die Idee gekommen, da mein Abendessen einzunehmen.
Wenn also nicht wegen Currywurst und Döner, warum sind Sie dann nach Berlin gezogen?
Es ist ziemlich einfach: Ich habe New York verlassen und versucht, wieder in England zu leben, aber das ging nicht, war viel zu deprimierend.
Was war denn so deprimierend?
Zu teuer, zu stressig, man wird ständig überwacht und reglementiert. Jedes Mal, wenn man sich umdreht, guckt man in eine Überwachungskamera. Aber ich will nicht so viel jammern, sonst heißt es wieder: Ach, Joe Jackson, der ist immer so verdammt negativ.
Hat bei der Entscheidung für Berlin die musikalische Tradition der Stadt eine Rolle gespielt, z.B. dass Berlin die Stadt des Techno ist?
Nein, gar nicht, das ist ja auch gar nicht meine Szene. Ich glaube sowieso, dass der Ort, an dem ich lebe, keinen Einfluss auf meine Musik hat. Um ehrlich zu sein: „Rain“ hätte auch nicht anders geklungen, wenn wir es sonst wo aufgenommen hätten.
Das war mal anders. Ihr großer Erfolg „Night & Day“ war ausdrücklich eine Platte, die von New York handelte.
Ja, das stimmt. Für dieses Album und für „Night & Day II“ habe ich ganz bewusst Songs mit New Yorker Figuren geschrieben. Das waren aber auch Ausnahmen, diese beiden Platten, die von einem Ort erzählten.
Auf dem neuen Album gibt es wieder einen Song zum Thema New York. „Citizen Sane“ rechnet mit den Gesundheitsaposteln ab, die Ihnen das Rauchen verbieten wollen in einer „world gone mad“. Werden Sie auf Ihre alten Tage noch politisch?
Vielleicht ist das tatsächlich ein politischer Song. Die Menschen haben den Respekt verloren vor der Politik. Also haben die Politiker den weißen Doktorkittel übergezogen und sagen: Ihr seid in großer Gefahr, aber wir können Euch beschützen. Die einzige Möglichkeit, heutzutage Menschen zu kontrollieren, ist, sie in Angst zu versetzen. Der Krieg gegen den Terror funktioniert genauso.
Bewirkt politische Popmusik etwas?
Nein. Vielleicht war das mal so, aber heute nicht mehr. Kürzlich gab es in England die größten Demonstrationen aller Zeiten gegen den Irakkrieg, ohne dass sich etwas geändert hätte. Warum sollte ein Popsong da etwas verändern können?
Warum schreiben Sie dann Songs wie „Citizen Sane“?
Weil ich Songschreiber bin. Das ist ein Song, kein politisches Statement. Ich bin ein Songschreiber, der ein künstlerisches Statement macht.
Ein recht zynisches Statement. Wie das ganze Album von einem grundsätzlichen Zynismus durchzogen wird...
Nein, nein, ganz und gar nicht. Das ist Ihre Interpretation, eine zynische Interpretation, wie ich anmerken möchte. Ich hasse Zynismus. Mein Album ist antizynisch. Sie verwechseln Traurigkeit mit Zynismus. Es geht um menschliche Tragödien wie Einsamkeit, und viele Songs sind traurig, weil das Leben oft tragisch ist. Aber Tragik ist eine positive Kraft. Ich will mich nicht mit Shakespeare vergleichen, aber „Hamlet“ oder „King Lear“ sind doch nicht zynisch, sondern tragisch. Tragik ist Teil des Lebens. Und in den meisten Liedern geht es noch weiter, gibt es noch Hoffnung. Ich wurde schon früher beschuldigt, ein Zyniker zu sein, dabei bin ich doch ein Optimist. Ich kann ironisch sein, kritisch, sarkastisch, ich kann wütend werden, aber das ist doch alles positiv, weil etwas entsteht, Fragen gestellt werden, Neues ausprobiert wird. Und fast alle meine Songs haben Humor, manche finde ich richtig witzig.
Sie haben in Ihrer Karriere viele verschiedene musikalische Genres ausprobiert...
Wenn ich einen Song schreibe, dann denke ich an Melodien, Harmonien, an Rhythmus und an Wörter. Und ich hoffe, dass das alles zusammen passt, stimmig wird. Aber an Genres denke ich da überhaupt nicht. Das ist das Problem von euch Journalisten.
Es könnte also sein, dass Sie demnächst einen Technotrack aufnehmen?
(lächelt) Theoretisch. Aber es ist nicht allzu wahrscheinlich, eher unmöglich. Aber nichts ist geplant. Ich denke darüber nicht nach.
Wenn Sie zurückblicken: Was bereuen Sie?
Nicht allzu viel. Vielleicht war ich zu sehr ein Workaholic. Vielleicht hätte ich nicht so viele Platten aufnehmen, sondern lieber jede einzelne besser machen sollen.
„Rain“ könnte aufgrund der technischen und ökonomischen Entwicklungen Ihre letzte Veröffentlichung auf einem physischen Tonträger sein, buchstäblich die letzte Platte, die Sie herausbringen.
Das habe ich bei jeder Platte gedacht, die ich herausgebracht habe (lacht). Aber wenn es so sein sollte: Was soll ich denn machen? Ich weiß es nicht. Diese Dinge, die neuen Technologien und wie sich das Musikgeschäft ändert, das alles ist außerhalb meiner Kontrolle. Ich habe nur Kontrolle über das, was ich produziere. Ich bin kein Orakel, kein Visionär, der besonders schlau die Zukunft des Musikgeschäfts kommentieren könnte. Ich bin einfach irgendein Typ.
Ein Typ, der gern unsichtbar wäre. Ist der neue Song „Invisible Man“ die Aufarbeitung eines Kindkeitstraums?
Nein, da geht es darum, dass es ziemlich schwierig ist, unsichtbar zu sein, wenn man prominent ist. Vor allem in Amerika ist die Aufmerksamkeit für Prominente zu einer Art Hysterie geworden. Ich hasse das. Ich bin kein Prominenter, ich bin ein Künstler, der gern einen Rest seiner menschlichen Würde bewahren würde. Der Song feiert die Idee, kein Prominenter mehr zu sein. Endlich ist das Spotlight weg, Gott sei Dank.
Wann ist Ihnen das passiert?
Das kann ich nicht genau sagen. Das war ein eher gradueller Prozess.
Werden Sie in Berlin erkannt?
Ja, aber nicht oft. Und die Leute hier sind cool, die lassen einen in Ruhe.
Höhepunkte des Festivals: am Donnerstag spielt das Pee Wee Ellis Ensemble, Freitag das Esbjörn Svensson Trio, Samstag Joe Jackson (ausverkauft), Sonntag Manu Katché, Montag das Pasadena Roof Orchestra. Informationen unter
www.boomtown-festival.com
Auf der Rückseite ihrer neuen CD „Rain“ ist ein Foto, auf dem Sie vor einem Imbiss in Kreuzberg sitzen, direkt unter der Hochbahn. Ist der gut, der Imbiss?
Keine Ahnung. Ich esse da nicht. Ich benutze regelmäßig die U-Bahnstation, aber ich bin noch nie auf die Idee gekommen, da mein Abendessen einzunehmen.
Wenn also nicht wegen Currywurst und Döner, warum sind Sie dann nach Berlin gezogen?
Es ist ziemlich einfach: Ich habe New York verlassen und versucht, wieder in England zu leben, aber das ging nicht, war viel zu deprimierend.
Was war denn so deprimierend?
Zu teuer, zu stressig, man wird ständig überwacht und reglementiert. Jedes Mal, wenn man sich umdreht, guckt man in eine Überwachungskamera. Aber ich will nicht so viel jammern, sonst heißt es wieder: Ach, Joe Jackson, der ist immer so verdammt negativ.
Hat bei der Entscheidung für Berlin die musikalische Tradition der Stadt eine Rolle gespielt, z.B. dass Berlin die Stadt des Techno ist?
Nein, gar nicht, das ist ja auch gar nicht meine Szene. Ich glaube sowieso, dass der Ort, an dem ich lebe, keinen Einfluss auf meine Musik hat. Um ehrlich zu sein: „Rain“ hätte auch nicht anders geklungen, wenn wir es sonst wo aufgenommen hätten.
Das war mal anders. Ihr großer Erfolg „Night & Day“ war ausdrücklich eine Platte, die von New York handelte.
Ja, das stimmt. Für dieses Album und für „Night & Day II“ habe ich ganz bewusst Songs mit New Yorker Figuren geschrieben. Das waren aber auch Ausnahmen, diese beiden Platten, die von einem Ort erzählten.
Auf dem neuen Album gibt es wieder einen Song zum Thema New York. „Citizen Sane“ rechnet mit den Gesundheitsaposteln ab, die Ihnen das Rauchen verbieten wollen in einer „world gone mad“. Werden Sie auf Ihre alten Tage noch politisch?
Vielleicht ist das tatsächlich ein politischer Song. Die Menschen haben den Respekt verloren vor der Politik. Also haben die Politiker den weißen Doktorkittel übergezogen und sagen: Ihr seid in großer Gefahr, aber wir können Euch beschützen. Die einzige Möglichkeit, heutzutage Menschen zu kontrollieren, ist, sie in Angst zu versetzen. Der Krieg gegen den Terror funktioniert genauso.
Bewirkt politische Popmusik etwas?
Nein. Vielleicht war das mal so, aber heute nicht mehr. Kürzlich gab es in England die größten Demonstrationen aller Zeiten gegen den Irakkrieg, ohne dass sich etwas geändert hätte. Warum sollte ein Popsong da etwas verändern können?
Warum schreiben Sie dann Songs wie „Citizen Sane“?
Weil ich Songschreiber bin. Das ist ein Song, kein politisches Statement. Ich bin ein Songschreiber, der ein künstlerisches Statement macht.
Ein recht zynisches Statement. Wie das ganze Album von einem grundsätzlichen Zynismus durchzogen wird...
Nein, nein, ganz und gar nicht. Das ist Ihre Interpretation, eine zynische Interpretation, wie ich anmerken möchte. Ich hasse Zynismus. Mein Album ist antizynisch. Sie verwechseln Traurigkeit mit Zynismus. Es geht um menschliche Tragödien wie Einsamkeit, und viele Songs sind traurig, weil das Leben oft tragisch ist. Aber Tragik ist eine positive Kraft. Ich will mich nicht mit Shakespeare vergleichen, aber „Hamlet“ oder „King Lear“ sind doch nicht zynisch, sondern tragisch. Tragik ist Teil des Lebens. Und in den meisten Liedern geht es noch weiter, gibt es noch Hoffnung. Ich wurde schon früher beschuldigt, ein Zyniker zu sein, dabei bin ich doch ein Optimist. Ich kann ironisch sein, kritisch, sarkastisch, ich kann wütend werden, aber das ist doch alles positiv, weil etwas entsteht, Fragen gestellt werden, Neues ausprobiert wird. Und fast alle meine Songs haben Humor, manche finde ich richtig witzig.
Sie haben in Ihrer Karriere viele verschiedene musikalische Genres ausprobiert...
Wenn ich einen Song schreibe, dann denke ich an Melodien, Harmonien, an Rhythmus und an Wörter. Und ich hoffe, dass das alles zusammen passt, stimmig wird. Aber an Genres denke ich da überhaupt nicht. Das ist das Problem von euch Journalisten.
Es könnte also sein, dass Sie demnächst einen Technotrack aufnehmen?
(lächelt) Theoretisch. Aber es ist nicht allzu wahrscheinlich, eher unmöglich. Aber nichts ist geplant. Ich denke darüber nicht nach.
Wenn Sie zurückblicken: Was bereuen Sie?
Nicht allzu viel. Vielleicht war ich zu sehr ein Workaholic. Vielleicht hätte ich nicht so viele Platten aufnehmen, sondern lieber jede einzelne besser machen sollen.
„Rain“ könnte aufgrund der technischen und ökonomischen Entwicklungen Ihre letzte Veröffentlichung auf einem physischen Tonträger sein, buchstäblich die letzte Platte, die Sie herausbringen.
Das habe ich bei jeder Platte gedacht, die ich herausgebracht habe (lacht). Aber wenn es so sein sollte: Was soll ich denn machen? Ich weiß es nicht. Diese Dinge, die neuen Technologien und wie sich das Musikgeschäft ändert, das alles ist außerhalb meiner Kontrolle. Ich habe nur Kontrolle über das, was ich produziere. Ich bin kein Orakel, kein Visionär, der besonders schlau die Zukunft des Musikgeschäfts kommentieren könnte. Ich bin einfach irgendein Typ.
Ein Typ, der gern unsichtbar wäre. Ist der neue Song „Invisible Man“ die Aufarbeitung eines Kindkeitstraums?
Nein, da geht es darum, dass es ziemlich schwierig ist, unsichtbar zu sein, wenn man prominent ist. Vor allem in Amerika ist die Aufmerksamkeit für Prominente zu einer Art Hysterie geworden. Ich hasse das. Ich bin kein Prominenter, ich bin ein Künstler, der gern einen Rest seiner menschlichen Würde bewahren würde. Der Song feiert die Idee, kein Prominenter mehr zu sein. Endlich ist das Spotlight weg, Gott sei Dank.
Wann ist Ihnen das passiert?
Das kann ich nicht genau sagen. Das war ein eher gradueller Prozess.
Werden Sie in Berlin erkannt?
Ja, aber nicht oft. Und die Leute hier sind cool, die lassen einen in Ruhe.
Höhepunkte des Festivals: am Donnerstag spielt das Pee Wee Ellis Ensemble, Freitag das Esbjörn Svensson Trio, Samstag Joe Jackson (ausverkauft), Sonntag Manu Katché, Montag das Pasadena Roof Orchestra. Informationen unter
www.boomtown-festival.com
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