24-Stunden Supermarkt
Bittermelonen um Mitternacht
Frank Buchmeier, aus der StZ vom 8. April 2008, veröffentlicht am 07.04.2008
Stuttgart - Das Lebensmittelgeschäft Everytime in der Stuttgarter Eberhardstraße hat durchgehend geöffnet. Trotz des zeitlich unbegrenzten Angebots kommt wenig Geld in die Kasse. Noch halten die beiden Inhaber und ihre Mitarbeiter tapfer die Stellung.
Es soll Städte geben, die niemals schlafen. Stuttgart döst dienstagabends um acht Uhr ein. Die Kaufhäuser komplimentieren ihre Kunden hinaus: „Meine Damen und Herren, wir schließen in wenigen Minuten.“ Zwar herrscht seit einem Jahr, juristisch gesehen, im baden-württembergischen Einzelhandel die große Freiheit. Wer will, kann seine Waren montags bis samstags rund um die Uhr unters Volk bringen. Doch nach wenigen zaghaften Experimenten haben die schwäbischen Krämer erkannt: „Des lohnt sich für ons net!“ Die Oase in der nächtlichen Einkaufswüste trägt den programmatischen Namen Everytime. Tugba Onur hütet sie bei Einbruch der Dämmerung. Die 26-jährige Deutschtürkin steht hinter der Kasse und schäkert mit Baris, ihrem frisch angetrauten Mann. Das junge Glück ist selten vereint. Noch wohnt sie bei ihren Eltern. Er muss gleich zur Nachtschicht bei Mercedes, Motoren zusammenbauen. Im Laden herrscht tote Hose, da können die Verliebten ungestört turteln. Baris Onur nimmt seine Tugbar in den Arm, schaut ihr tief in die Augen und flüstert ihr Nettigkeiten ins Ohr. „Wir sparen für unsere große Hochzeitsfeier in Izmir“, erzählt sie. Deswegen jobbe sie neben ihrer festen Stelle in einem Modeladen abends im Everytime, für fünf Euro pro Stunde. Macht’s Spaß? „Manchmal ist mir langweilig.“
Endlich Kundschaft, und sogar in Mannschaftsstärke. Eine Teenagerclique stürzt aufs Kühlregal zu. „Ich nehme ’ne Pizza Mozzarella!“ „Ich will eine Dr. Oetker Spinat!“ „Wir könnten doch Hälfte-Hälfte machen.“ „Nöö, keinen Bock, ich mag Mozzarella nicht.“ „Wie wär’s mit Salami?“ Derweil schleicht ein Paar–Mitte vierzig, gepflegte Erscheinung – schweigend an Tamponschachteln, Colaflaschen und Raviolidosen vorbei. In den Gesichtern spiegelt sich Ratlosigkeit. Schließlich fragt die feine Dame: „Wo finden wir das Bier?“ „Wir führen keinen Alkohol“, entgegnet Tugbar Onur. Das Paar verschwindet so lautlos, wie es gekommen ist. Es wird sich wohl nie wieder blicken lassen.
Kurz darauf schaut der Chef nach dem Rechten. Asif Mohammad, 31, ist eine Erklärung schuldig. Warum gibt’s in seinem Laden kein Hof- und Schwabenbräu? Damit ließe sich die Stimmung seiner Kunden heben und sicherlich auch gutes Geld verdienen. „Ach, wissen Sie“, entgegnet der Muslim Mohammad. „Alkohol macht bloß Probleme. Ich verzichte lieber auf den Umsatz und habe dafür keinen Ärger mit Betrunkenen.“
Eigentlich ist Mohammad, ein gebürtiger Pakistaner, Taxifahrer. „Oft muss ich die Leute nachts zu Tankstellen bringen, wo sie zu überhöhten Preisen Lebensmittel einkaufen“, erzählt er. So entstand im vergangenen Herbst die Idee, gemeinsam mit seinem Kollegen Javed Tariq den einzigen 24-Stunden-Supermarkt in der 2,6-Millionen-Einwohner-Region Stuttgart zu eröffnen. Als schräg gegenüber vom Tagblatt-Turm ein Schuhgeschäft schloss, wurde der kühne Plan kurz entschlossen umgesetzt.
Mohammad und Tariq nahmen einen Kredit auf, pachteten den Laden, richteten ihn mit Regalen, Kühlschränken und Zeitschriftenständern ein und orderten bei Großhändlern Ware. Das Experiment, das ist ihnen klar, könnte schief gehen. Mohammad, Vater von vier Kindern, zuckt mit den Schultern. „Ist nicht das Leben ein einziges Risiko?“
Es soll Städte geben, die niemals schlafen. Stuttgart döst dienstagabends um acht Uhr ein. Die Kaufhäuser komplimentieren ihre Kunden hinaus: „Meine Damen und Herren, wir schließen in wenigen Minuten.“ Zwar herrscht seit einem Jahr, juristisch gesehen, im baden-württembergischen Einzelhandel die große Freiheit. Wer will, kann seine Waren montags bis samstags rund um die Uhr unters Volk bringen. Doch nach wenigen zaghaften Experimenten haben die schwäbischen Krämer erkannt: „Des lohnt sich für ons net!“ Die Oase in der nächtlichen Einkaufswüste trägt den programmatischen Namen Everytime. Tugba Onur hütet sie bei Einbruch der Dämmerung. Die 26-jährige Deutschtürkin steht hinter der Kasse und schäkert mit Baris, ihrem frisch angetrauten Mann. Das junge Glück ist selten vereint. Noch wohnt sie bei ihren Eltern. Er muss gleich zur Nachtschicht bei Mercedes, Motoren zusammenbauen. Im Laden herrscht tote Hose, da können die Verliebten ungestört turteln. Baris Onur nimmt seine Tugbar in den Arm, schaut ihr tief in die Augen und flüstert ihr Nettigkeiten ins Ohr. „Wir sparen für unsere große Hochzeitsfeier in Izmir“, erzählt sie. Deswegen jobbe sie neben ihrer festen Stelle in einem Modeladen abends im Everytime, für fünf Euro pro Stunde. Macht’s Spaß? „Manchmal ist mir langweilig.“
Endlich Kundschaft, und sogar in Mannschaftsstärke. Eine Teenagerclique stürzt aufs Kühlregal zu. „Ich nehme ’ne Pizza Mozzarella!“ „Ich will eine Dr. Oetker Spinat!“ „Wir könnten doch Hälfte-Hälfte machen.“ „Nöö, keinen Bock, ich mag Mozzarella nicht.“ „Wie wär’s mit Salami?“ Derweil schleicht ein Paar–Mitte vierzig, gepflegte Erscheinung – schweigend an Tamponschachteln, Colaflaschen und Raviolidosen vorbei. In den Gesichtern spiegelt sich Ratlosigkeit. Schließlich fragt die feine Dame: „Wo finden wir das Bier?“ „Wir führen keinen Alkohol“, entgegnet Tugbar Onur. Das Paar verschwindet so lautlos, wie es gekommen ist. Es wird sich wohl nie wieder blicken lassen.
Kurz darauf schaut der Chef nach dem Rechten. Asif Mohammad, 31, ist eine Erklärung schuldig. Warum gibt’s in seinem Laden kein Hof- und Schwabenbräu? Damit ließe sich die Stimmung seiner Kunden heben und sicherlich auch gutes Geld verdienen. „Ach, wissen Sie“, entgegnet der Muslim Mohammad. „Alkohol macht bloß Probleme. Ich verzichte lieber auf den Umsatz und habe dafür keinen Ärger mit Betrunkenen.“
Eigentlich ist Mohammad, ein gebürtiger Pakistaner, Taxifahrer. „Oft muss ich die Leute nachts zu Tankstellen bringen, wo sie zu überhöhten Preisen Lebensmittel einkaufen“, erzählt er. So entstand im vergangenen Herbst die Idee, gemeinsam mit seinem Kollegen Javed Tariq den einzigen 24-Stunden-Supermarkt in der 2,6-Millionen-Einwohner-Region Stuttgart zu eröffnen. Als schräg gegenüber vom Tagblatt-Turm ein Schuhgeschäft schloss, wurde der kühne Plan kurz entschlossen umgesetzt.
Mohammad und Tariq nahmen einen Kredit auf, pachteten den Laden, richteten ihn mit Regalen, Kühlschränken und Zeitschriftenständern ein und orderten bei Großhändlern Ware. Das Experiment, das ist ihnen klar, könnte schief gehen. Mohammad, Vater von vier Kindern, zuckt mit den Schultern. „Ist nicht das Leben ein einziges Risiko?“
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