Hilfe für Cannabis-Abhängige

In nur zehn Sitzungen drogenfrei

Nicole Höfele, veröffentlicht am 29.04.2008
Foto: dpa

Stuttgart - In Stuttgart startet im Mai ein Hilfsprogramm speziell für Cannabisabhängige. In nur zehn Sitzungen mit geschulten Psychologen sollen die Betroffenen lernen, ohne die Droge auszukommen. Die Methode wurde von Dresdner Psychologen erarbeitet.

Wohin der Konsum von Cannabis bei Jungendlichen führen kann, beschreibt Ludger Niernaber, der Leiter der Suchtberatung des städtischen Klinikums: "Die Jungen kiffen, setzen sich vor ihren Computer und tauchen in eine virtuelle Welt ab. Im schlimmsten Fall wird der Rollladen gar nicht aufgezogen." Ältere Konsumenten dagegen hätten oftmals gelernt, ihren Alltag mit der Droge irgendwie zu meistern. Jugendliche und Erwachsene gleichermaßen will ein Modellprojekt ansprechen, das den hübschen Namen Candis trägt und von Release und dem städtischen Klinikum getragen wird. Innerhalb von einem Jahr sollen in Stuttgart 30 Menschen, die mindestens 16 Jahre alt und von Cannabis abhängig sind, behandelt werden.

Das Vorbild liefert die Technische Universität Dresden, in deren Institut für Klinische Psychologie und Psychotherapie in den vergangenen zwei Jahren 122 Patienten behandelt wurden. Mit Erfolg: am Ende haben 50Prozent ganz auf Cannabis verzichtet, 30Prozent haben immerhin ihren Konsum reduziert. "Wir werden in Stuttgart mit der Dresdner Methode arbeiten und hoffen natürlich auf eine ähnliche Erfolgsquote", sagte Ulrich Binder, der Geschäftsführer der Suchtberatungsstelle Release gestern bei der Vorstellung des Stuttgarter Ablegers.

Der Aufwand für die Cannabis-Konsumenten hält sich in Grenzen, zumindest der zeitliche. Sie müssen innerhalb von drei, vier Monaten zehn Sitzungen à 90 Minuten absolvieren, danach werden sie noch zweimal zum Nachgespräch geladen. Die Psychologen Martin Beer von Release und Peter Kamer von der ambulanten Suchtberatungsstelle des Klinikums wurden in den neuen Bundesländern geschult, sie werden die Einzelgespräche mit den Haschisch- und Marihuana-Konsumenten führen. Medikamente gegen eventuelle Entzugserscheinungen werden keine verordnet. Für Eva Hoch, die Dresdner Projektleiterin, gibt es vor allem einen Grund für den bisherigen Erfolg des klinischen Modellversuchs: "Vorher gab es keine speziell auf Cannabis-Konsumenten abgestimmte Therapien, mit der Folge, dass diese sich in den klassischen Beratungsstellen auch nicht gut aufgehoben gefühlt haben."

In den Einzelgesprächen bekommen die Teilnehmer zunächst einmal Informationen über die Wirkungsweise von Tetrahydrocannabinol (THC), das sowohl im Harz der Hanfpflanze (Haschisch) als auch in den getrockneten Blättern (Marihuana) enthalten ist. Dann wird ergründet, warum die Abhängigen zur Haschpfeife greifen, das persönliche Konsummuster wird studiert und schließlich ein Tag X festgelegt, an dem der Abhängige aufhören soll zu kiffen. In der Verhaltenstherapie lernt der Betroffene Strategien, um seine Sucht zu bewältigen. "Wir versuchen, den Patienten die Ängste vor dem Tag danach zu nehmen", sagt Martin Beer. Auch bei sozialen oder rechtlichen Schwierigkeiten wird geholfen. "Der Führerscheinentzug ist für viele die Motivation, eine Therapie anzufangen. Deshalb helfen wir auch bei der Lösung dieser Probleme", sagt Beer. Drei Urinkontrollen sind während der Therapie vorgesehen, sind aber freiwillig.

Das Modell wird nicht nur in Stuttgart angewandt: Auch in neun weiteren Städten, darunter München, Berlin und Hamburg, werden in den nächsten Monaten jeweils 30 Cannabis-Konsumenten behandelt. Die Ergebnisse werden von der TU Dresden ausgewertet. Gefördert wird die Studie vom Bundesgesundheitsministerium. Was Cannabis aus Sicht der Projektleiterin Eva Hoch so gefährlich macht, ist eine bis heute gängige Verharmlosung der Wirkung. "THC gilt noch immer als weiche Droge, die zu keiner körperlichen Abhängigkeit führt." Die Dresdner Studie aber habe gezeigt, dass viele eben doch unter körperlichen Entzugserscheinungen leiden, zu denen Schweißausbrüche und Schlaflosigkeit zählen. Auch seien die Wirkungen von Cannabis problematisch: Viele der Behandelten litten zu Zeiten ihrer Abhängigkeit unter Konzentrationsschwierigkeiten, einem Leistungsabfall und innerer Unruhe.

Schulabbrüche und der Verlust des Ausbildungsplatzes seien vor allem bei Jugendlichen die Folge. "Das Leben dreht sich nur noch um Cannabis, der Freundeskreis wird vernachlässigt, Kontakte werden nur noch zu Kifferkumpanen gepflegt."

Vor einer Verharmlosung von Cannabis warnt auch die Stuttgarter Polizei, die darauf hinweist, dass die Hanf-Züchtungen der vergangenen Jahre zu einer deutlichen Erhöhung der THC-Konzentration geführt hätten – eine These, die laut Eva Hoch unter Wissenschaftlern bereits wieder umstritten sei. Was die Zahl der Cannabisabhängigen angeht, so meldet das Bundesgesundheitsministerium deutschlandweit eine Quote von 0,5 Prozent der Erwachsenen. Etwa zwei Millionen Jugendliche und junge Erwachsene konsumieren regelmäßig Cannabis, 400000 davon seien abhängig, so das Ministerium. Bei der Stuttgarter Polizei wurden im vergangenen Jahr 1666 Fälle von unerlaubtem Cannabis-Besitz registriert, bei Verkehrskontrollen waren 508 Autofahrer wegen THC-Konsums aufgefallen. "Die Zahlen stagnieren", sagt der Polizeisprecher Fred-Benjamin Ast.

Informationen über das Projekt Candis unter Telefon 601737-30 oder 253293-00.
 
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