Stuttgarter Zeitung online | Zeitungsgruppe Stuttgart |  Samstag, 11. Februar 2012

Wirtschaft & Finanzen


Renault Scénic RX 4

Unbekannte Raumfahrt

Jochen Fischer, veröffentlicht am 15.08.2001

Es gibt Automodelle, von denen eigentlich nur Motorredakteure und regelmäßige Leser von Automobilzeitschriften wissen, dass es sie überhaupt gibt. Alle anderen haben ein solches Auto noch nie gesehen, worauf sich ihre Unwissenheit gründet. Ein Auto, auf das diese Beschreibung passt, könnte ein exklusiver Supersportwagen sein oder das neueste Modell eines weithin unbekannten usbekischen Kleinserienherstellers

Oder der Scénic RX4 des weithin bekannten französischen Herstellers Renault. Die Franzosen haben für diese Modellvariante ihren braven Familienkompaktvan Megane Scénic - dem Trend zum sportlich gekleideten Allradfahrzeug folgend - um etliche Zentimeter höher gelegt, ihn auf vier permanent angetriebene, mächtige, 16 Zoll große Räder gestellt und ihm mit robusten Stoßfängern aus Kunststoff die Aura von Freiheit und Abenteuer ans Karosserieblech genietet. Das so entstandene Fahrzeug sieht sehr eigenwillig aus und ist tatsächlich - vielleicht auch gerade deswegen - ein äußerst selten gesehener Exot auf hiesigen Straßen.

Ein wenig exotisch mutet zunächst auch das Fahrgefühl im Scénic RX4 an. Der vom Familien-Scénic her vertraute bequeme Einstieg und die halbhoch über dem Gewusel ordinärer Kompaktwagen thronende Sitzposition wird vom RX4 nochmals übertroffen. Seine Karosserie verfügt über eine Bodenfreiheit von 21 Zentimetern, das sind neun mehr als beim Basismodell. Der Renault- Fahrer gewinnt durch den nochmaligen Zuwachs an Höhe indes nicht gleichermaßen an Souveränität: Aufs erste Anfassen und Manövrieren erinnert das Lenkgefühl am flach stehenden Steuerrad an einen Kleintransporter. Unterstrichen wird dieser Eindruck durch die etwas teigige Manier, in der die Lenkbefehle zu den Vorderrädern gelangen und selbige ihre Fahrbahnkontakte an den Fahrer zurückmelden.

Den permanenten Allradantrieb des RX4 hat Renault zusammen mit den österreichischen Spezialisten von Steyr-Daimler- Puch entwickelt. Das beim Renault angewandte Antriebskonzept macht ihn mangels Geländeuntersetzung zwar nicht zum Kiesgrubenklettermaxe, gibt ihm aber die Traktionsreserven für tiefe Feldwege und winterliche Straßenverhältnisse: Die Vorderräder übernehmen die Hauptlast des Antriebs; sie verfügen über eine elektronische Traktionskontrolle, die beim Registrieren von Schlupf via Viscokupplung mehr Antriebsenergie an die Hinterachse beordert. Die Traktionskontrolle regelt auch die Kraftverteilung zwischen linken und rechten Antriebsrädern, falls diese auf unterschiedlich griffigen Untergrund treffen.

Seinen Antrieb erhält der Scénic RX4 aus einem Vierzylinder-Vierventilmotor mit zwei Liter Hubraum, der für eine Leistung von 138 PS/101,5 kW, ein Drehmoment von 188 Newtonmetern und eine Spitzengeschwindigkeit von 173 km/h gut ist. Die Manieren des Benzinmotors sind aber nicht comme il faut: Bei Drehzahlen jenseits der 3000 Touren arbeitet das Aggregat laut und brummig - bei zackigem Autobahntempo allerdings noch übertönt vom Fahrtwind, der sich an der sperrigen Karosserie bricht. Mit 1540 Kilogramm Leergewicht zählt der RX4 zwar zu den Leichtgewichten unter den Allradgetriebenen, gleichwohl hat die Maschine spürbare Mühe, die Fuhre in Schwung zu bringen. Ärgerlich ist vor allem die Drehmomentschwäche: Zwischen 1000 und 1500 Touren schüttelt sich der Motor in den höheren Gängen wie ein nasser Hund und beantwortet den Wunsch nach Beschleunigung mit unwilligem Knurren. Man ist also gezwungen, fleißig zu schalten.

Die Inneneinrichtung des Allrad-Scénic ist denjenigen wohlvertraut, die das erfolgreiche Basismodell kennen: Auf der praktischen Seite sind die vielen Ablagefächer und der plane Boden der Fahrgastzelle zu verbuchen, unter dem sich vor der Rückbank zwei gut nutzbare Fächer mit Klapptüren befinden. Die Frontpassagiere finden vor dem langen und etwas hakelig zu betätigenden Schalthebel eine gekühlte Box für Getränkedosen und -flaschen. An den Rücklehnen der Vordersitze sind - fast wie im Flieger - Klapptabletts montiert, auf denen die rückwärtigen Passagiere ihren Reiseproviant drapieren können. Unterhalb der Tabletts bergen die Rücklehnen zudem Pompadourtaschen zum Unterbringen von Kleinigkeiten. Sonntag Aktuell hat das Modell in Basisausstattung mit stoffbezogenen Sitzen und Türverkleidungen gefahren, deren wirres Dekor nicht jeden Geschmack treffen dürfte. Schicker, aber auch fast 5000 Mark teurer, ist die zweite erhältliche Ausstattungslinie namens Luxe: In dieser Version sind Sitze, Lenkrad und Schaltknauf mit Leder bezogen, die Instrumente vor dem Fahrer sind weiß unterlegt, zwischen Fahrer und Beifahrer bietet eine Armlehne Halt, die Klimaautomatik ist elektronisch geregelt, und der RX4 steht auf Leichtmetallrädern. Beheizbare Vordersitze sind allerdings auch im Luxe aufpreispflichtig: 600 Mark.

Der Gepäckraum ist dank dreier einzelner Rücksitze, die sich verschieben, umklappen oder ganz ausbauen lassen, äußerst variabel. Bei komplettem Ausbau der hinteren Sitzreihe stehen möbelmitnahmemarkttaugliche 1800 Liter Ladevolumen bereit. Das Heck ist über eine seitlich angeschlagene Türe zugänglich, die - anders als bei japanischen Modellen - zur richtigen Seite hin öffnet: Die Türscharniere befinden sich links, folglich lässt sich der RX4 vom Bürgersteig her beladen.

Bevor die Türe sich per elektrischem Druckschalter öffnet, schwingt zunächst das Heckfenster separat nach oben auf. Das macht echt was her, ist manchmal praktisch, manchmal auch tückisch: Man kann Kleinigkeiten in den Gepäckraum reichen, ohne die breite Hecktüre zu öffnen. Wegen der Höhe des Gepäckeinwurfschlitzes und dem huckepack an der Heckklappe mitgeführten Reserverad kommt man beim Ein- und Ausladen durch das Fenster aber fast zwangsläufig in Berührung mit der Karosserie, was bei Nässe seine Spuren auf der Kleidung hinterlässt.

Das Design des Scénic RX4 ist Ansichtssache: Ein Bekannter fühlte sich angesichts der wie auf ein Kunststoffunterteil aufgesteckten Karosserie an einen Autobausatz aus dem Überraschungsei erinnert. Macht nichts, sieht eh kaum einer: Für die meisten Passanten, denen der Testwagen von Sonntag Aktuell auf seiner Safari durch den Asphaltdschungel begegnete, bleibt der Renault Scénic RX4 bis auf weiteres eine unbekannte Größe: Er ist ihnen überhaupt nicht aufgefallen.
 

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