Atommüll in Asse II
Ist das Bergwerk eine tickende Zeitbombe?
Alexander Mäder, veröffentlicht am 25.06.2008
Wolfenbüttel - Eigentlich sollte das ehemalige Salzbergwerk Asse II in den kommenden Jahren verschlossen werden. Doch radioaktiv kontaminierte Salzlauge wirft nun Fragen auf: lecken die eingelagerten Fässer mit Atommüll? Und warum wusste das Umweltministerium nichts davon?
Von Alexander Mäder
In die politische Debatte, sagt Heinz-Jörg Haury, möchte er sich nicht einmischen. Er vertritt das Helmholtz-Zentrum München, den Betreiber des Schachts Asse II, in dem über Jahre hinweg radioaktiv kontaminierte Salzlauge gefunden wurde. "Wir haben das Bergamt laufend informiert und zu keiner Zeit etwas Unerlaubtes getan", sagt Haury. Die Öffentlichkeit erfuhr allerdings erst jetzt davon, und so schlagen die Wogen hoch. Im niedersächsischen Landtag haben Vertreter der Regierungsparteien CDU und FDP sowie der Opposition eine rasche Aufklärung der Vorfälle gefordert. Die Grünen nannten AsseII eine "tickende Zeitbombe", und der CDU-Chef David McAllister forderte ein nationales Konzept zur Endlagerung von Atommüll. Der Bundestag wird sich am Donnerstag in einer aktuellen Stunde mit Asse II beschäftigen.
Dass das Bergwerk bei Wolfenbüttel nicht zur Lagerung von Atommüll geeignet ist, wissen Betreiber und Behörden schon seit langem. Seit 1979 sind in dem Schacht, aus dem bis in die sechziger Jahre Salz gefördert wurde, daher nur noch Forschungsarbeiten erlaubt, und auch diese wurden 1992 eingestellt. Das Helmholtz-Zentrum bereitet seitdem die Stilllegung vor. Dieses Vorhaben wird durch die bekanntgewordene Kontamination erschwert. Die Grünen fordern, die eingelagerten Fässer mit Atommüll herauszuholen, was bis jetzt nicht vorgesehen ist.
Vor der Kammer 12, die in 750 Meter Tiefe liegt, befindet sich ein See aus Salzlauge, dessen Radioaktivität achtmal über dem Grenzwert von 10.000 Becquerel pro Kilogramm liegt. Beim Helmholtz-Zentrum vermutet man, dass bei der Einlagerung des Atommülls in den sechziger und siebziger Jahren etwas schiefgegangen ist. Einen Teil dieser Lauge, insgesamt 80.000 Liter, hat der Betreiber in den vergangenen Jahren in einen Hohlraum in 975 Meter Tiefe gepumpt, wo er angeblich sicher lagert. In 90 Jahren wird das radioaktive Cäsium so weit zerfallen sein, dass die Strahlung wieder unter dem Grenzwert liegt. Doch beim Abpumpen floss Salzlauge aus dem Gestein nach, so dass der See vor der Kammer 12 nicht verschwunden ist. Seit sie im Januar mit dem Pumpen aufgehört hätten, habe sich der See aber nicht verbreitert, sagt Haury. Derzeit misst er 3,50 mal 4,00 Meter und ist einen Meter tief.
Die Genehmigung für die Pumpaktion kam vom Landesbergamt; die eigentlich erforderliche Genehmigung nach dem Strahlenschutzgesetz hat es nicht gegeben. Sigmar Gabriel (SPD), in dessen Wahlkreis Asse II liegt, hatte daraufhin sowohl die Helmholtz-Mitarbeiter als auch die Kommunikation der beiden Behörden gerügt.
Die Wissenschaftler des Zentrums zeigen sich angesichts der allgemeinen Empörung einsichtig und wollen die Öffentlichkeit künftig über ihre Radioaktivitätsmessungen informieren. Das war bisher weder in öffentlichen Vorträgen noch in den jährlichen Strahlenschutzberichten geschehen. Die Mitarbeiter hätten die Relevanz des Problems unterschätzt, erläutert Haury. Weil ihrer Ansicht nach keine Radioaktivität aus dem Schacht in die Umgebung gelangt ist, hätten sie es bei Meldungen an das Landesbergamt belassen. Und beim Landesbergamt gibt man sich zerknirscht. Das Umweltministerium sei über die erhöhten Strahlungswerte tatsächlich nicht informiert worden, sagt der Sprecher Andreas Beuge. "Warum das nicht geschehen ist, wird derzeit intern geprüft."
Das Problem mit der Salzlauge ist nicht neu: seit 1988 dringt sie in die Kammern des Bergwerks ein; inzwischen sind es rund 12.500 Liter am Tag. Der größte Teil der Lauge ist aber nur schwach radioaktiv kontaminiert und wird, weil der Grenzwert nicht überschritten wird, aus dem Schacht herausgepumpt. Hier und da ist in der Vergangenheit auch eine erhöhte Strahlung gemessen worden, aber diese Quellen sind versiegt.
Von Alexander Mäder
In die politische Debatte, sagt Heinz-Jörg Haury, möchte er sich nicht einmischen. Er vertritt das Helmholtz-Zentrum München, den Betreiber des Schachts Asse II, in dem über Jahre hinweg radioaktiv kontaminierte Salzlauge gefunden wurde. "Wir haben das Bergamt laufend informiert und zu keiner Zeit etwas Unerlaubtes getan", sagt Haury. Die Öffentlichkeit erfuhr allerdings erst jetzt davon, und so schlagen die Wogen hoch. Im niedersächsischen Landtag haben Vertreter der Regierungsparteien CDU und FDP sowie der Opposition eine rasche Aufklärung der Vorfälle gefordert. Die Grünen nannten AsseII eine "tickende Zeitbombe", und der CDU-Chef David McAllister forderte ein nationales Konzept zur Endlagerung von Atommüll. Der Bundestag wird sich am Donnerstag in einer aktuellen Stunde mit Asse II beschäftigen.
Dass das Bergwerk bei Wolfenbüttel nicht zur Lagerung von Atommüll geeignet ist, wissen Betreiber und Behörden schon seit langem. Seit 1979 sind in dem Schacht, aus dem bis in die sechziger Jahre Salz gefördert wurde, daher nur noch Forschungsarbeiten erlaubt, und auch diese wurden 1992 eingestellt. Das Helmholtz-Zentrum bereitet seitdem die Stilllegung vor. Dieses Vorhaben wird durch die bekanntgewordene Kontamination erschwert. Die Grünen fordern, die eingelagerten Fässer mit Atommüll herauszuholen, was bis jetzt nicht vorgesehen ist.
Vor der Kammer 12, die in 750 Meter Tiefe liegt, befindet sich ein See aus Salzlauge, dessen Radioaktivität achtmal über dem Grenzwert von 10.000 Becquerel pro Kilogramm liegt. Beim Helmholtz-Zentrum vermutet man, dass bei der Einlagerung des Atommülls in den sechziger und siebziger Jahren etwas schiefgegangen ist. Einen Teil dieser Lauge, insgesamt 80.000 Liter, hat der Betreiber in den vergangenen Jahren in einen Hohlraum in 975 Meter Tiefe gepumpt, wo er angeblich sicher lagert. In 90 Jahren wird das radioaktive Cäsium so weit zerfallen sein, dass die Strahlung wieder unter dem Grenzwert liegt. Doch beim Abpumpen floss Salzlauge aus dem Gestein nach, so dass der See vor der Kammer 12 nicht verschwunden ist. Seit sie im Januar mit dem Pumpen aufgehört hätten, habe sich der See aber nicht verbreitert, sagt Haury. Derzeit misst er 3,50 mal 4,00 Meter und ist einen Meter tief.
Die Genehmigung für die Pumpaktion kam vom Landesbergamt; die eigentlich erforderliche Genehmigung nach dem Strahlenschutzgesetz hat es nicht gegeben. Sigmar Gabriel (SPD), in dessen Wahlkreis Asse II liegt, hatte daraufhin sowohl die Helmholtz-Mitarbeiter als auch die Kommunikation der beiden Behörden gerügt.
Die Wissenschaftler des Zentrums zeigen sich angesichts der allgemeinen Empörung einsichtig und wollen die Öffentlichkeit künftig über ihre Radioaktivitätsmessungen informieren. Das war bisher weder in öffentlichen Vorträgen noch in den jährlichen Strahlenschutzberichten geschehen. Die Mitarbeiter hätten die Relevanz des Problems unterschätzt, erläutert Haury. Weil ihrer Ansicht nach keine Radioaktivität aus dem Schacht in die Umgebung gelangt ist, hätten sie es bei Meldungen an das Landesbergamt belassen. Und beim Landesbergamt gibt man sich zerknirscht. Das Umweltministerium sei über die erhöhten Strahlungswerte tatsächlich nicht informiert worden, sagt der Sprecher Andreas Beuge. "Warum das nicht geschehen ist, wird derzeit intern geprüft."
Das Problem mit der Salzlauge ist nicht neu: seit 1988 dringt sie in die Kammern des Bergwerks ein; inzwischen sind es rund 12.500 Liter am Tag. Der größte Teil der Lauge ist aber nur schwach radioaktiv kontaminiert und wird, weil der Grenzwert nicht überschritten wird, aus dem Schacht herausgepumpt. Hier und da ist in der Vergangenheit auch eine erhöhte Strahlung gemessen worden, aber diese Quellen sind versiegt.
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