Lidl wächst

Aldi steht plötzlich unter Zugzwang

Philipp Scheffbuch, veröffentlicht am 26.06.2008
Foto: AP

Nürnberg - Aldi hat 2007 weniger eingenommen als im Vorjahr. Das ergab die Verbraucherstichprobe der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK). Konkurrent Lidl holt demnach in großen Schritten auf, trotz negativer Schlagzeilen in jüngster Zeit.


  Von Philipp Scheffbuch

 
Die Chefs von Aldi und Lidl lieben das Geheimnis. Über die Umsätze und Gewinne geben die Verantwortlichen beider Discounter nur ungern Auskunft. Bei Lidl haben sich die Verantwortlichen sogar etwas ganz Schlaues ausgedacht. Nachdem vor acht Jahren auch die Rechtsform der GmbH & Co KG gesetzlich zur Veröffentlichung der Geschäftszahlen gezwungen wurde, haben die Neckarsulmer in allen ihren Regionalgesellschaften die Namen einzelner Spitzenmanager als Vollhafter (Komplementäre) eintragen lassen. Damit entfällt die Veröffentlichungspflicht. Bei Aldi ist die Scheu nicht ganz so ausgeprägt, das Unternehmen veröffentlicht pflichtgemäß die Bilanzen der rund 60 Regionalgesellschaften - jeweils natürlich mit gebotenem zeitlichem Abstand. So liegen seit einigen Wochen erst die Zahlen aller Regionalgesellschaften aus dem Jahr 2006 vor. Ein Konzernabschluss wird nicht veröffentlicht.

Aldi-Marktanteil sinkt auf 18,9 Prozent

Um aktuellere Informationen über die Einnahmesituation der Discounter zu bekommen, lohnt sich ein Blick in die Verbraucherstichprobe der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK). Die Experten haben hierfür repräsentativ 20.000 Haushalte ausgewählt, die sämtliche privaten Einkäufe zu Hause nochmals über einen speziellen Scanner ziehen und jeweils eingeben, wo sie die Waren gekauft haben. Diese Daten werden bei der GfK Tag für Tag gesammelt und gelegentlich auch veröffentlicht. Die Ergebnisse der Stichproben im vergangenen Jahr: Aldi hat erstmals seit Jahrzehnten an Umsatz verloren, und zwar um 1,5 Prozent auf 27Milliarden Euro. "Lidl ist im Augenblick der erfolgreichere Discounter", sagt GfK-Forscher Wolfgang Twardawa. Lidl legte beim Umsatz um 9,9 Prozent auf 13,3 Milliarden Euro zu. Der Aldi-Marktanteil im Lebensmittelhandel sank indes um 0,6 Prozentpunkte auf 18,9 Prozent.

"Diese scheinbar kleinen prozentualen Veränderungen sind ein Erdbeben im Lebensmitteleinzelhandel, wo es um reine Verdrängung geht", sagt Gerhard Hausruckinger, Handelsberater bei der Managementberatung Accenture. Was aber sind die Gründe für das Erdbeben? Die Experten haben verschiedene Erklärungsansätze. Hausruckinger glaubt, dass Lidl sich mit seiner Produktpalette näher an den Kundenbedürfnissen befindet als Aldi. Lidl biete viel mehr Markenartikel als Aldi an, und gerade diese seien inzwischen wieder verstärkt gefragt. Das bestätigt auch der GfK-Experte. "Lidl kopiert längst nicht mehr Aldi, sondern geht eigene innovative Wege und führt zusätzlich zu den günstigen No-Name-Produkten in jeder Produktkategorie immer zusätzlich die jeweilige Topmarke wie Maggi, Persil oder Ferrero an", sagt Twardawa. Zudem sei der Discounter Nummer zwei zuletzt mehrfach Schrittmacher für Neuentwicklungen in der Branche gewesen. "Lidl hat als Erster die bargeldlose Bezahlung und den Frischfleischverkauf eingeführt."

Aktionsschnäppchen sind nicht mehr so gefragt

Ein weiterer Grund für die Verschiebung: immer weniger Deutsche haben Lust auf Aktionsschnäppchen. Weil Aldi im Vergleich zu den anderen Discountern traditionell anteilsmäßig mehr Geld mit Sonnenbrillen, Heckenscheren und Bratpfannen erlöse, spüre das Unternehmen diesen Verdruss stärker als die Konkurrenz. Mitverantwortlich dafür, dass sich der Abstand zwischen Aldi und Lidl zunehmend verringert, ist auch die Expansion der Neckarsulmer. Rund 100 Neubauten hat Lidl im vergangenen Jahr in Deutschland erstellen lassen. Dadurch stieg die Zahl der Lidl-Filialen um 3,6 Prozent auf 2900, bei Aldi blieb sie 2007 stabil bei 4200. "Lidl hat noch Luft nach oben, Aldi hat sein Potenzial ausgeschöpft", sagt GfK-Forscher Twardawa.

Erstaunlicherweise keine Rolle hat in den vergangenen Wochen der Bespitzelungsskandal bei Lidl gespielt. "Es kam ja relativ schnell raus, die anderen machen das auch", sagt Twardawa. Zudem änderten Kunden gewöhnlich immer nur dann ihr Einkaufsverhalten, wenn ein Missstand sie selbst betreffe. Als vor drei Jahren in den Real-Supermärkten falsch etikettiertes Fleisch verkauft worden sei, hätte Real in der Folgezeit drastische Einbußen hinnehmen müssen. "Ob die Verkäufer bespitzelt werden, ist dem Kunden dagegen in der Regel egal", sagt Twardawa.

Und momentan scheint sich das Augenmerk der Verbraucher sowieso zu ändern. In Zeiten allgemeiner Teuerung strömen mehr Kunden in die Filialen der Billiganbieter. Laut GfK-Panel haben alle Discounter in den Monaten März, April und Mai 2008 Mehreinnahmen erlöst. Lidl ist sogar zweistellig gewachsen, Aldi hat es immerhin wieder in den einstelligen Zuwachsbereich geschafft.

Die GfK sieht in einer mit der Managementberatung Accenture veröffentlichten Studie langfristig dennoch dunkle Wolken für den preisaggressiven Handel aufziehen. "Die Bedeutung der Discounter als Einkaufsstätte nimmt mit zunehmendem Lebensalter ab." Weil die Gesamtbevölkerung im Schnitt immer älter werde, sei davon auszugehen, dass sich auch der Marktanteil der Discounter, der heute bei 43 Prozent liegt, spürbar verringern wird. Den höchsten Ausgabenanteil erzielten Discounter bei Studenten und Azubis, sowie bei Arbeitslosen, Geringverdienern und jungen Familien aus der Arbeiterschicht. "Für Rentner, die nicht mehr täglich ins Büro gehen, ist der soziale Kontakt wichtig, und den gibt es nicht bei Aldi", sagt Twardawa. "Die Discounter werden nicht tatenlos zusehen, sie werden mehr Service anbieten müssen", sagt Handelsexperte Hausruckinger.
 

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