Stuttgart
Kommunales Kino ist pleite
Thomas Klingenmaier, veröffentlicht am 21.07.2008
Stuttgart - In der Theorie hat das Kommunale Kino in Stuttgart reichlich Geld zur Verfügung gehabt. In der Praxis war das immer knapp. Nun hat der Betreiberverein Insolvenz angemeldet. Schuld sei die Kulturbürgermeisterin Susanne Eisenmann, sagen die Betreiber. Die weist das von sich.
Von Thomas Klingenmaier
Geht in Stuttgarts Kommunalen Kino auf Dauer das Projektionslicht aus? Was vor ein paar Tagen eine absurde Fragestellung schien, ist mit einem Mal kulturpolitische Krisenwirklichkeit. Der Vorstand des Kommunalen Kino Stuttgart e.V. hat am Montag beim Amtsgericht Stuttgart Insolvenz angemeldet. Der Verein, der eines der ältesten und eines der größten KoKis in Deutschland seit Spielbeginn im Jahre 1971 betrieben hat, ist damit praktisch erloschen. Ein Insolvenzverwalter muss nun das überschuldete Kino übernehmen, das nur noch bis morgen Programm bieten kann. Verleihmieten für neue Filme ab Donnerstag sind nicht mehr aufzubringen.
Allein 160.000 Euro Mietkosten
Wie es so schnell so weit hat kommen können, ist auch denen nicht leicht zu erklären, die das KoKi und seine finanziellen und organisatorischen Schieflagen seit Jahren kennen. Um das zu verstehen, muss man die auf den ersten Blick beneidenswerte Finanzausstattung des Kommunalen Kinos als Papierkonstrukt begreifen. Von 300.000 Euro aus dem Stadtsäckel und 14.0000 Euro aus den Fördertöpfen der Medien- und Filmgesellschaft Baden-Württemberg können die meisten KoKi-Macher nur träumen. Allerdings gehen von diesem satten Budget 160.000 Euro Miete für die Räume im Filmhaus ab, und das KoKi zahlt ein altes Darlehen für eben diesen Umbau des ehemaligen Amerikahauses an der Friedrichstraße zum Filmhaus ab. Nach Abzug der Personalkosten bleibt nicht genügend Geld übrig, um ein ganzjähriges Filmprogramm zu finanzieren. Zumindest keines, das der kulturellen Verpflichtung eines KoKi gerecht würde.
Weil solch ein Programm trotzdem gezeigt wird, gerät das Kommunale Kino jedes Jahr tiefer in die roten Zahlen. Mit Wissen des mittlerweile aufgelösten Medienteams, das früher für das KoKi zuständig war, wurde darum ein Bugwellenmodell entwickelt. Das KoKi fuhr sein gewohntes Programm und kleine Festivals und stand irgendwann mit überzogenem Konto da. Dann nahm es einen Kredit bei der BW-Bank auf, der auf dem kleinen Dienstweg vom Medienteamchef Hans-Joachim Petersen ermöglicht wurde. Petersen erklärte der Bank gegenüber Jahr um Jahr schriftlich nichts, was nicht den Tatsachen entsprochen hätte: dass nämlich der Gemeinderat im Sommer bereits KoKi-Zuschüsse fürs nächste Jahr beschlossen hätte, die beizeiten angewiesen würden.
Gemeinderat hat 70.000 Euro der Zuschüsse eingefroren
Bei diesem System, das die unzureichende Kostendeckung des einen Jahres mit dem Vorgriff auf die Mittel des nächsten korrigierte, trat der Pleitepunkt jedes Jahr früher ein - dieses Jahr Ende Juni. 2008 aber war ein heikles Jahr für das KoKi, denn der Gemeinderat hatte 70.000 Euro der Zuschüsse eingefroren, um Umstrukturierungen und ein Konzept für wirtschaftlicheres Handeln zu erzwingen. Trotzdem hätte der Gemeinderat, glauben Martin Gerlich und Helmuth Petermann, zwei der drei KoKi-Vereinsvorstände, die Mittel für 2009 im Juni eigentlich bewilligt. Schließlich habe der Verein viele Forderungen erfüllt, den Vorstand halbiert und "mit dauernder Begleitung durch das Kulturamt" einen neuen Geschäftsführer gesucht. Der hätte das Haus anders als das bisherige Team in Einzelverantwortung und frei von Vereinsmischung führen sollen.
Überraschenderweise aber habe Kulturbürgermeisterin Susanne Eisenmann den Mittelbeschluss über die Sommerpause hinaus auf den September geschoben. Die Kulturverwaltung habe nun keine Zusicherung an die Bank über die Weiterfinanzierung des KoKi geben können, die Bank den Kreditrahmen nicht erweitert. Eisenmann habe sich an einer Lösung gar nicht interessiert gezeigt und sofort die Anmeldung der Insolvenz empfohlen. Vereinsmitglieder und Mitarbeiter zeigen sich nun "fassungslos". Petermann und Gerlich fühlen sich von Eisenmann "im Stich gelassen, abgewatscht und weggeschoben" statt partnerschaftlich behandelt. Die Bürgermeisterin habe sich wenig interessiert gezeigt, eine Lösung für eine Krise zu finden, die - so die KoKi-Vorstände - durch Eisenmanns Handeln entstanden sei.
Eisenmann: Es fehlt ein schlüssiges Konzept
Susanne Eisenmann nennt diese Vorwürfe "bei allem Verständnis für die Nervosität der Betroffenen schlichtweg indiskutabel." Von einer Überschuldung in der vorliegenden Höhe habe sie nichts ahnen können. "Dass die Bank 340.000 Euro einbehalten hat, ist uns in den Gesprächen nie auch nur angedeutet worden." Dass sie den Tagesordnungspunkt Kommunales Kino dem Gemeinderat nicht habe vorlegen können, liege daran, dass der Verein nicht einmal die Grundbedingung für die Freigabe der eingefrorenen Mittel erfüllt habe: die Vorlage eines schlüssigen Konzeptes. "Der neue Vorstand saß zwar bei mir und hat erzählt, er wolle alles anders machen und Kooperationspartner suchen, aber wie anders und welche Partner, das ist wieder nicht klar benannt worden."
Das Kommunale Kino als Kulturangebot aber werde sie nicht einfach aufgeben, sagt Susanne Eisenmann. Am Dienstag finde ein Gespräch zwischen ihr und Gabriele Röthemeyer, der Chefin der Filmförderung, statt, "in dem wir herausfinden wollen, ob es ein gemeinsames Konzept gibt, für ein Kommunales Kino anderer Struktur mit anderen Partnern, das wir im Herbst dem Gemeinderat vorlegen können". Susanne Eisenmann sieht so den Beweis erbracht, dass sie zum Kulturangebot Kommunales Kino steht. Beim bisherigen Vorstand nährt das den Verdacht, der Verein sei vorsätzlich abserviert worden, um Platz für etwas Neues zu schaffen.
Von Thomas Klingenmaier
Geht in Stuttgarts Kommunalen Kino auf Dauer das Projektionslicht aus? Was vor ein paar Tagen eine absurde Fragestellung schien, ist mit einem Mal kulturpolitische Krisenwirklichkeit. Der Vorstand des Kommunalen Kino Stuttgart e.V. hat am Montag beim Amtsgericht Stuttgart Insolvenz angemeldet. Der Verein, der eines der ältesten und eines der größten KoKis in Deutschland seit Spielbeginn im Jahre 1971 betrieben hat, ist damit praktisch erloschen. Ein Insolvenzverwalter muss nun das überschuldete Kino übernehmen, das nur noch bis morgen Programm bieten kann. Verleihmieten für neue Filme ab Donnerstag sind nicht mehr aufzubringen.
Allein 160.000 Euro Mietkosten
Wie es so schnell so weit hat kommen können, ist auch denen nicht leicht zu erklären, die das KoKi und seine finanziellen und organisatorischen Schieflagen seit Jahren kennen. Um das zu verstehen, muss man die auf den ersten Blick beneidenswerte Finanzausstattung des Kommunalen Kinos als Papierkonstrukt begreifen. Von 300.000 Euro aus dem Stadtsäckel und 14.0000 Euro aus den Fördertöpfen der Medien- und Filmgesellschaft Baden-Württemberg können die meisten KoKi-Macher nur träumen. Allerdings gehen von diesem satten Budget 160.000 Euro Miete für die Räume im Filmhaus ab, und das KoKi zahlt ein altes Darlehen für eben diesen Umbau des ehemaligen Amerikahauses an der Friedrichstraße zum Filmhaus ab. Nach Abzug der Personalkosten bleibt nicht genügend Geld übrig, um ein ganzjähriges Filmprogramm zu finanzieren. Zumindest keines, das der kulturellen Verpflichtung eines KoKi gerecht würde.
Weil solch ein Programm trotzdem gezeigt wird, gerät das Kommunale Kino jedes Jahr tiefer in die roten Zahlen. Mit Wissen des mittlerweile aufgelösten Medienteams, das früher für das KoKi zuständig war, wurde darum ein Bugwellenmodell entwickelt. Das KoKi fuhr sein gewohntes Programm und kleine Festivals und stand irgendwann mit überzogenem Konto da. Dann nahm es einen Kredit bei der BW-Bank auf, der auf dem kleinen Dienstweg vom Medienteamchef Hans-Joachim Petersen ermöglicht wurde. Petersen erklärte der Bank gegenüber Jahr um Jahr schriftlich nichts, was nicht den Tatsachen entsprochen hätte: dass nämlich der Gemeinderat im Sommer bereits KoKi-Zuschüsse fürs nächste Jahr beschlossen hätte, die beizeiten angewiesen würden.
Gemeinderat hat 70.000 Euro der Zuschüsse eingefroren
Bei diesem System, das die unzureichende Kostendeckung des einen Jahres mit dem Vorgriff auf die Mittel des nächsten korrigierte, trat der Pleitepunkt jedes Jahr früher ein - dieses Jahr Ende Juni. 2008 aber war ein heikles Jahr für das KoKi, denn der Gemeinderat hatte 70.000 Euro der Zuschüsse eingefroren, um Umstrukturierungen und ein Konzept für wirtschaftlicheres Handeln zu erzwingen. Trotzdem hätte der Gemeinderat, glauben Martin Gerlich und Helmuth Petermann, zwei der drei KoKi-Vereinsvorstände, die Mittel für 2009 im Juni eigentlich bewilligt. Schließlich habe der Verein viele Forderungen erfüllt, den Vorstand halbiert und "mit dauernder Begleitung durch das Kulturamt" einen neuen Geschäftsführer gesucht. Der hätte das Haus anders als das bisherige Team in Einzelverantwortung und frei von Vereinsmischung führen sollen.
Überraschenderweise aber habe Kulturbürgermeisterin Susanne Eisenmann den Mittelbeschluss über die Sommerpause hinaus auf den September geschoben. Die Kulturverwaltung habe nun keine Zusicherung an die Bank über die Weiterfinanzierung des KoKi geben können, die Bank den Kreditrahmen nicht erweitert. Eisenmann habe sich an einer Lösung gar nicht interessiert gezeigt und sofort die Anmeldung der Insolvenz empfohlen. Vereinsmitglieder und Mitarbeiter zeigen sich nun "fassungslos". Petermann und Gerlich fühlen sich von Eisenmann "im Stich gelassen, abgewatscht und weggeschoben" statt partnerschaftlich behandelt. Die Bürgermeisterin habe sich wenig interessiert gezeigt, eine Lösung für eine Krise zu finden, die - so die KoKi-Vorstände - durch Eisenmanns Handeln entstanden sei.
Eisenmann: Es fehlt ein schlüssiges Konzept
Susanne Eisenmann nennt diese Vorwürfe "bei allem Verständnis für die Nervosität der Betroffenen schlichtweg indiskutabel." Von einer Überschuldung in der vorliegenden Höhe habe sie nichts ahnen können. "Dass die Bank 340.000 Euro einbehalten hat, ist uns in den Gesprächen nie auch nur angedeutet worden." Dass sie den Tagesordnungspunkt Kommunales Kino dem Gemeinderat nicht habe vorlegen können, liege daran, dass der Verein nicht einmal die Grundbedingung für die Freigabe der eingefrorenen Mittel erfüllt habe: die Vorlage eines schlüssigen Konzeptes. "Der neue Vorstand saß zwar bei mir und hat erzählt, er wolle alles anders machen und Kooperationspartner suchen, aber wie anders und welche Partner, das ist wieder nicht klar benannt worden."
Das Kommunale Kino als Kulturangebot aber werde sie nicht einfach aufgeben, sagt Susanne Eisenmann. Am Dienstag finde ein Gespräch zwischen ihr und Gabriele Röthemeyer, der Chefin der Filmförderung, statt, "in dem wir herausfinden wollen, ob es ein gemeinsames Konzept gibt, für ein Kommunales Kino anderer Struktur mit anderen Partnern, das wir im Herbst dem Gemeinderat vorlegen können". Susanne Eisenmann sieht so den Beweis erbracht, dass sie zum Kulturangebot Kommunales Kino steht. Beim bisherigen Vorstand nährt das den Verdacht, der Verein sei vorsätzlich abserviert worden, um Platz für etwas Neues zu schaffen.
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