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Neues Internetlexikon Knol

Wissen ist Macht - Google jetzt auch

30.07.2008 - aktualisiert: 30.07.2008 16:41 Uhr

Google Knol Screenshot
Bei Knol erhält man unter dem Stichwort "Wikipedia" eine Liste von Artikeln. Bei Wikipedia liefert der Begriff "Knol" nur einen Treffer.
Screenshot

Der Suchmaschinengigant Google hat ein kommerzielles Wissensportal eröffnet, und damit Wikipedia den Kampf angesagt
 

Stuttgart - Schon längst ist Google mehr als nur eine reine Suchmaschine. Google sammelt nicht nur Internetadressen und Straßenansichten, jetzt sammelt der Konzern auch Wissen. Das neue Internetlexikon Knol soll Wikipedias Konkurrent werden.

Die Google-Familie hat wieder Nachwuchs bekommen. Neben der Suchmaschine, dem Kartendienst Google Maps, der Satellitensimulation Google Earth und einigen weiteren Features hat der kalifornische Internetdienstleister vergangene Woche ein neues Produkt ins Rennen um die liebe Aufmerksamkeit geschickt: Google Knol. "Knol" leitet sich von "knowledge", also Wissen, ab und positioniert sich als Portal für Fachinformationen. Eine Art Wissenslexikon. Damit erklärt der milliardenschwere Google-Konzern seinem Widersacher, der freien Enzyklopädie Wikipedia, den Krieg um die Macht des Wissens.

In der Ankündigung von Google heißt es: "Knols sind Autorenartikel über spezielle Sachgebiete, verfasst von Leuten, die sich auskennen. Das Schlüsselprinzip hinter Knol ist die Autorenschaft." Der wichtigste Unterschied zur kollaborativen Wikipedia: Bei Knol schreiben verifizierte Autoren unter Namensnennung einen Artikel und bestimmen darüber, ob andere Nutzer ihn verändern dürfen und ob Werbung auf der Seite geschaltet werden soll. An den Einnahmen wird der Autor finanziell beteiligt.

Ein lohnendes Geschäft für Autoren

Dagegen besteht die Attraktivität von Wikipedia seit jeher im diskursiven Wechselspiel zwischen den Autoren, die am gleichen Artikel schreiben, ihn umformulieren und manchmal zu unterschiedlichen Einschätzungen kommen. Im günstigen Fall mendelt sich nach einer Weile Qualität heraus. Im ungünstigen Fall verstricken sich die Teilnehmer in intellektuelle, manchmal ideologische, Schaukämpfe. Bei Knol hat nur einer das Sagen: der Autor. Zwar können User seinen Eintrag kommentieren, ihn aber nicht mehr abändern. Sind sie vollkommen anderer Meinung, müssen sie einen eigenen Artikel verfassen.

Das mag sich sogar lohnen. Zu den häufigsten Views in der deutschsprachigen Wikipedia zählt zurzeit der Eintrag über den Maler Marc Chagall. 20.000-mal wird der Artikel pro Tag aufgerufen. Stünde der Text bei Knol und wäre mit einigen Anzeigen von Museen oder Malerbedarfsgeschäften versehen, wäre das für den Autor unter Umständen ein lohnendes Geschäft. Auch wenn nur fünf Prozent der Wikipedia-Besucher auf die Anzeigen klickten, könnten dabei schnell ein paar Euro herausspringen.

Es bedarf wenig Einbildungskraft, dass Googles Geschäftsmodell jene Artikel begünstigt, die den Nachrichtenströmen und dem Massenkompatiblen folgen. Wer schnell und zuverlässig schreiben kann, für den kann das Wissensportal Knol ein lohnendes Nebengeschäft werden. Sozialismus ade - hoch lebe die freie Marktwirtschaft.

Wohin die Reise geht, lässt sich zum Teil schon an den wenigen lancierten Artikeln auf Knol ablesen. Auf der Startseite wird ein ellenlanger Abriss über Migräne empfohlen, verfasst von dem Neurobiologen Richard Kraig, der am medizinischen Zentrum der University of Chicago lehrt. Noch taucht keine Pharmawerbung im Umfeld des Textes auf. Die Frage ist, wie lange noch? Zwölf bis 14 Prozent aller Frauen und sechs bis acht Prozent aller Männer leiden unter Migräne, suchen Hilfe und wollen sich informieren. Im Google-Ranking ist der Knol-Artikel bereits auf Platz zwei. Auch wenn man bei der Recherche nicht über Knol einsteigt, weiß Google darauf aufmerksam zu machen.

Der Konzern wird alles in seiner Macht Stehende unternehmen, um die Knol-Plattform nach vorne zu bringen. Hierfür erscheint auch ein eigener Google-Browser geeignet, über den schon seit Jahren gemunkelt wird. Momentan befindet sich eine Erweiterung für Firefox und den Internet Explorer, Gears genannt, in der Entwicklung. Gears erlaubt es, zum Beispiel Webseiten offline anzuzeigen, indem die Daten auf der lokalen Festplatte gespeichert oder Java-Skripte im Hintergrund laufen gelassen werden, ohne die Leistung des Internetbrowsers zu beeinträchtigen. Gears geriert sich als Open-Source-Projekt, an dem sich jeder beteiligen kann. Gleichsam wird es mit dem Namen Google verknüpft.

Mehrere Wahrheiten sind erlaubt

Erfolg im Internet ist Marktmacht qua Namen und Finanzen. Schon heute bezahlt Google 60 bis 70 Millionen US-Dollar an Mozilla, den Firefox-Entwicklern, um am oberen rechten Browserrand mit dem Google-Suchfeld aufzutauchen. Keine Frage, dass der Konzern auch Knol zum Erfolg verhelfen wird. Im Forum des Google-Watchblogs nennt ein Nutzer zwei Gründe dafür: Zum einen verabschiede Knol die Vorherrschaft einer letztgültigen Wahrheit, wie sie Wikipedia mit nur einem Eintrag zu einem Thema verfolge. Bei Knol dürften mehrere Wahrheiten nebeneinander bestehen. Zum anderen verhelfe der Autorenname dazu, einen Artikel und dessen Perspektive auf das Thema besser einschätzen zu können.

Ob das so einfach gelingt, ist angesichts der dort publizierten Fachartikel allerdings fraglich. Wer vermag schon zu sagen, ob sich darunter nicht von Konzernen lancierte Auftragsarbeiten befinden? Wo Wikipedia im diskursiven Abgleich von Wissen immer auch eine soziale Kontrolle betreibt, überlässt Knol dies dem Leser. Spätestens im Internet hat dieser eingesehen, dass man Informationen nie ohne weiteres trauen darf.

knol.google.com/
 

Helmut Merschmann