Deep Purple in Stuttgart

Wovon man ein Leben lang zehrt

Jan-Ulrich Welke, veröffentlicht am 10.11.2008
Foto: dpa

Stuttgart - Ian Anderson Paice könnte vermutlich eine Menge Geschichten erzählen. Von seiner Band Georgie and the Rave Ons, mit der er als 15-Jähriger rund um Oxford auftrat. Von der Band Whitesnake und dem Gitarristen Gary Moore, für die er trommelte. Von seinen Projekten mit Paul McCartney und Pete York. Vor allen Dingen aber von der Band Deep Purple, die der Schlagzeuger vor exakt vierzig Jahren mit aus der Taufe hob und der er heute als einzig verbliebenes Gründungsmitglied noch immer angehört.


  Von Jan-Ulrich Welke

 
Ian Paice spricht aber am Samstagabend in der ordentlich besuchten, nach hinten raus recht luftig besetzten Stuttgarter Schleyerhalle kein Wort. Wie auch die drei anderen Musiker der Band stumm ihren Job verrichten. Einzig der Sänger Ian Gillan, immerhin schon seit 39 Jahren bei Deep Purple dabei, wendet sich dem Publikum zu. Nach den drei Eröffnungsstücken bedankt er sich überschwänglich für den Applaus, nach dem letzten Stück des regulären Konzertteils, auf den eine Zugabe mit zwei weiteren Stücken folgt, sagt er nochmals artig Danke. Das war's an Kommunikation - viel ist das nicht.

Ein Querschnitt durchs Schaffen

"Fireball" heißt das erste Stück des Abends, "Smoke on the Water" das letzte vor der Zugabe, die aus "Hush" und "Black Night" besteht: vier Klassiker der Rockmusik, die dramaturgisch wohlgesetzt etwas von der Spannweite dieser britischen Band vermitteln. "Hush" entstammt dem Debütalbum von 1968, "Fireball" dem gleichnamigen fünften Werk, das Überlied "Smoke on the Water" dem Überalbum "Machine Head" - allesamt Scheiben, die das Genre geprägt haben.

Lediglich zwei Songs spielt das Quintett vom bisher letzten Deep-Purple-Album, dem vor drei Jahren erschienenen "Rapture of the Deep". Dem Motto der "40th Jubilee Tour" wird sie somit gerecht. Geboten wird keine Best-of-Revue aller Hits - "Child in Time", Speed King" oder "Woman from Tokyo" werden an diesem Abend nicht gespielt -, sondern ein Querschnitt durchs Schaffen einer wundersamen, seit vier Dekaden währenden Bandhistorie. Wundersam, weil eine der dienstältesten noch bestehenden Bands in dieser schnelllebigen Branche den Zeitläuften getrotzt hat. Wundersam auch, weil diese Band, von psychedelischen Experimenten in ihrer Frühphase abgesehen, mit der ewig gleichen Songrezeptur und dem abgedroschensten Habitus noch immer reüssiert.

Denn keine Frage: Paice ist ein hervorragender Rockschlagzeuger, wie auch der Gitarrist Steve Morse bekanntlich zu den Ausnahmekönnern seines Fachs zählt. Aber während sich die Gründungsmitglieder Ritchie Blackmore mit seiner Renaissancerocktruppe Blackmore's Night und Jon Lord mit seinen musikalisch hoch ambitionierten Crossoverprojekten längst stilistisch geöffnet haben, spielt der Rest der Truppe unverdrossen den alten Stiefel herunter. Das kann man als konsequent bezeichnen, in seinem schnörkelfreien und variantenlosen Duktus aber auch als etwas ermüdend betrachten.

Die Vorband ist gruselig

Ebendies ist der Eindruck, der trotz einer einmaligen Lebensleistung leider von diesem Abend auch haften bleibt. Routiniert spult eine Band ihr Pensum herunter, die aus einem Songbook im XXL-Format schöpfen kann, aber nur wenig dafür tut, dem Publikum auch etwas über dieses Liederbuch vermitteln zu wollen. Die Videoregie ist alles andere als originell, die Wahl der Vorband (Gotthard aus der Schweiz) gruselig. Überraschende Wendungen (das dahingeklimperte "Muss I denn..." ) sind die Ausnahme, steinalte Rockerposen nebst erwartbar ausufernden Soli der Standard.

Doch wohl dem, der unabhängig vom Zeitgeist selig vom Wachrufen freudiger Erinnerungen zehren kann. Und weil Nostalgie nun einmal eine starke Triebfeder ist und hier immerhin eine der prägendsten Bands der Rockgeschichte auf der Bühne steht, geht die Rechnung noch immer auf. Wenn man bedenkt, dass vor einem Monat der 83-jährige B.B. King ein neues Album vorgelegt hat, dass vor einer Woche der 86-jährige Hugo Strasser die German Jazz Trophy entgegengenommen hat sowie in anderthalb Wochen Charlie Mariano auf der Bühne des Stuttgarter Theaterhauses seinen 85. Geburtstag feiern wird - dann darf man getrost davon ausgehen, dass in zehn Jahren die Band Deep Purple auf der Bühne der Schleyerhalle stehen und ihr fünfzigjähriges Bestehen feiern wird. Für eine Musik, der einst vorgehalten wurde, nur ein temporäres Aufbegehren einer fehlgeleiteten Jugend zu sein, ist zumindest das doch in jeder Hinsicht erstaunlich.
 

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