Stuttgarter Zeitung online | Zeitungsgruppe Stuttgart |  Mittwoch, 08. Februar 2012

Wissen & Computer


Usability Day in Stuttgart

Der Bildschirm blickt dem Benutzer tief in die Augen

Rainer Klüting, veröffentlicht am 13.11.2008
Foto: Zweygarth

Stuttgart - Technik kann ärgerlich kompliziert sein, und Bedienungsanweisungen machen den Menschen zum Diener. Wie es anders geht, zeigten Forscher und Firmen am Donnerstag beim vierten "World Usability Day".


  Von Rainer Klüting

 
Am Stand der Firma Tobii muss jeder vorbei. Er ist nämlich gleich am Eingang der Ausstellung aufgebaut, und trotzdem kann man ihn übersehen. Denn wer bleibt schon stehen, weil an einem Stand ein Computerbildschirm prangt? Trotzdem bilden sich dort immer wieder Menschentrauben. Denn Tobii zeigt, was ein Computer kann, wenn Bedürfnisse der Benutzer eine große und Kosten eine geringe Rolle spielen. Auf dem Bildschirm erscheint ein langer Text, oben und unten abgeschnitten. Als eine junge Besucherin zu lesen anfängt, bewegt der Text sich wie von Geisterhand, sobald ihr Blick sich dem unteren Bildschirmrand nähert. Der Text folgt dem Blick, ganz ohne Tastatur und Maus.

Programme mit Blicken steuern

Das Geheimnis liegt darin, dass eine am unteren Rand des Monitors eingebaute Kameraelektronik die Bewegungen der Pupille verfolgt und deshalb genau weiß, wohin die Betrachterin schaut. Behinderten hilft das, mit ihren Blicken Programme zu steuern. Aber die Technik wird auch dazu eingesetzt, die Gestaltung von Internetseiten darauf zu prüfen, wohin der Blick des Betrachters fällt.

Als der Besucherin ein Foto einer Frau in lasziver Haltung und mit tiefem Ausschnitt gezeigt wird, können die Umstehenden sehen, dass auch Frauen anderen Frauen nicht immer nur in die Augen schauen.

Das, was Experten die Usability nennen, kann man an mehreren Hochschulen der Region Stuttgart lernen und in Firmen praktizieren. Internetseiten benutzungsfreundlich zu gestalten sei eine wichtige Anwendung, denn, so sagt Franz Koller, das Nachdenken über Benutzungsfreundlichkeit habe in der Internetbranche eine wichtige Wurzel.

Koller ist Geschäftsführer der User Interface Design GmbH in Ludwigsburg. Seit vier Jahren organisiert seine Firma gemeinsam mit der Hochschule der Medien (HdM) in Stuttgart sowie weiteren Firmen und Hochschulen Vorträge und Ausstellungen zum World Usability Day. Ins Leben gerufen wurde der am Donnerstag begangene Tag der Benutzungsfreundlichkeit oder, wie andere sagen, der Gebrauchstauglichkeit einst vom zuständigen Berufsverband. 2007 gab es immerhin 210 Veranstaltungen in 39 Ländern. Parallelveranstaltungen haben gestern in 14 weiteren deutschen Städten stattgefunden.

Eine stille Ecke des Ausstellungsbereichs im Rotebühlzentrum hat eine Gruppe der Stuttgarter Medienhochschule für sich reserviert. Dort zeigt sie, dass die Benutzungsfreundlichkeit nicht nur ein Thema für Hightechhersteller ist. Den ganzen Tag hocken dort Besucher - vom Jeansträger bis zum Professor im dunklen Anzug - und bauen Kinderspielzeug zusammen, ein Big-Bobby-Bike und einen Big-Sand-Digger, kritisch beobachtet von Prüfern der HdM. Die Bedienungsanleitung, so ihr Urteil, habe den Besuchertest im Großen und Ganzen bestanden. Die HdM ist es auch, die zeigt, dass nicht nur alte Menschen ein Problem mit technischen Geräten haben. Die Studie "Usability für Kids" erklärt, warum gerade Kinder eine ganz eigene Form von Technik brauchen.

Gangster-Sonnenbrillen

Nur wenige Schritte entfernt vom Bobby-Bike steht vor einer übermannshohen Leinwand eine Gruppe von Männern mit finsteren Sonnenbrillen, wie sie in alten Filmen die Gangster tragen. Mit Hilfe der Brillen zeigt sich ein Flugzeug, das auf die Leinwand projiziert wird, dreidimensional. Mit einer Art Schaltknüppel kann man es drehen und wenden und sogar auseinanderbauen. Andreas Rößler von der Hochschule Esslingen weiß von Firmen wie Siemens, die es ihren Ingenieuren ermöglichen, durch das dreidimensionale Bild von geplanten Raffinerien und andern Großbauten zu gehen und dabei festzustellen, dass zum Beispiel Gänge zu eng geworden oder Ventile unerreichbar hoch angebracht sind - was auf dem Papier des Zeichners oft unentdeckt bleibe.

Der Industrie erspare eine rechtzeitige Usability-Prüfung unter Umständen hohe Kosten, sagt Ansgar Meroth von der Hochschule Heilbronn und nennt das Beispiel eines amerikanischen Softwareherstellers, der siebenstellige Summen für Nachbesserungen ausgeben musste, weil er sich einen Usability-Test für 6000 Dollar gespart hatte.

Oft aber soll Benutzungsfreundlichkeit dem einfachen Konsumenten zugute kommen. Und so ist in der Ausstellung auch an ihn gedacht. Der Softwarehersteller Sic hat für den Sprachspezialisten Linguatec eine Anwendung für moderne Mobiltelefone entwickelt. Wer im Ausland die Speisekarte nicht versteht, fotografiert sie mit seinem Telefon und bekommt postwendend die Übersetzung aufs Handy geschickt. Da wird dann zwar aus dem französischen Entrée ein Eintritt, und das Canapé bleibt ein Sofa, doch im Prinzip ist die Marktlücke erfasst.
 
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