Wagenhallen
Das Aus droht
Markus Heffner, veröffentlicht am 26.11.2008
Stuttgart - Mit dem Kulturbetrieb in den Wagenhallen könnte es bald vorbei sein: Um den Schulneubau auf dem Areal vorzubereiten, müssen Fernwärmeleitungen verlegt und Gräben ausgehoben werden. Allerdings hätte die EnBW längst beauftragt werden sollen.
Von Markus Heffner
Bis Ende April steht das Programm für das nächste Jahr bereits - die restlichen Monate bis zum Jahresende könnten die Veranstaltungsmacher in den Wagenhallen aber auch schon locker mit Leben füllen. Es liegen bergeweise Anfragen von Firmen, Künstlern und Agenturen vor, sogar aus New York ist jüngst eine E-Mail eingetroffen. Mehrfach angerufen hat etwa auch die Internationale Bachakademie, die im Rahmen des Musikfestes Stuttgart im September 2009 zwei "hochkarätige Klassikkonzerte" in die Wagenhallen verlegen will. "So eine Aura gibt es sonst nirgendwo in dieser Stadt, das ist einmalig", sagt Michael Gassmann, der Programmplaner des renommierten Musikfestes.
Im April 2009 rollen die Bagger an
Ob aus diesem prominenten Gastspiel in den Wagenhallen etwas werden wird, ist nach Stand der Dinge allerdings fraglich. Läuft alles nach Plan, werden im April 2009 die Bagger des Energieversorgers EnBW anrollen, der seine Fernwärmeleitung, die quer über das Gelände läuft, wegen der geplanten Bauvorhaben auf dem Areal am Nordbahnhof verlegen muss. Sechs Monate würden diese Arbeiten dauern, sagt EnBW-Sprecher Jürgen Kaupp. Spätestens im September müsse man fertig sein, weil die alte Leitung für den Neuanschluss gekappt werden müsse und damit der Westen und Teile der Stadtmitte zwei Tage lang ohne Heizung seien.
Die zwei Meter breite Trasse, die für die unterirdisch verlegten Heizrohre gegraben werden muss, führt dabei direkt an den Wagenhallen vorbei - was das "Ende des Veranstaltungsbetriebs bedeuten würde", wie Stefan Mellmann sagt. Denn nicht nur der neue Biergarten und das Beachvolleyballfeld müssten dem Bagger weichen, sondern vor allem auch die gesamte Toilettenanlage der Kulturstätte. Zudem wäre der Notausgang blockiert und die Halle inmitten der Baustelle kaum noch zu erreichen. "Dann können wir den Laden zusperren", sagt Mellmann, der das Kulturprogramm seit Beginn zusammen mit Thorsten Gutbrod organisiert.
Gut 300 Veranstaltungen kommen im Jahr zusammen, vom Diavortrag über Entwicklungsprojekte, Kindergeburtstage und Firmenjubiläen bis hin zu prominent besetzten Konzerten. Diese Vielfalt müsse lange im Voraus geplant werden, was derzeit aber nicht möglich sei. "Wir können keine Zusagen machen, weil wir nicht wissen, wie es weitergeht", sagt Gutbrod. "Eine wirtschaftliche Katastrophe." Mehr Planungssicherheit wünscht sich zudem auch die EnBW, die schon seit Wochen auf den städtischen Auftrag für das Bauprojekt wartet. "Die Genehmigung hätte spätestens im Oktober vorliegen sollen", sagt Firmensprecher Kaupp. Wenn man nicht pünktlich beginnen könne, verschiebe sich die Maßnahme um ein Jahr.
800.000 teurer als geplant
Auftraggeber ist das Referat für Kultur und Bildung, weil die Verlegung der Rohre mit dem geplanten Schulneubau auf dem Areal zusammenhängt. Ursprünglich seien für die Leitungsverlegung 1,3 Millionen Euro veranschlagt worden, das Ganze habe sich aber um 800.000 Euro verteuert, sagt Bürgermeisterin Susanne Eisenmann. Die vorgeschlagene Deckung des Fehlbetrags aus dem Bauetat müsse durch den Finanzbürgermeister Michael Föll genehmigt werden, dem der Antrag schon geraume Zeit vorliege. "Wir stehen unter Zeitdruck und warten dringend auf die Freigabe", sagt Susanne Eisenmann.
Michael Föll wiederum scheint keinen Grund zur Eile zu sehen. Es gebe noch verwaltungsinternen Abstimmungsbedarf, über einzelne Finanzierungsfragen müsse noch gesprochen werden, erklärt er auf Anfrage. Das sei ein normales Verfahren, in das auch der Gemeinderat einbezogen werde.
Das Projekt bleibt umstritten
Ohnehin scheinen die Bauvorhaben auf dem Areal am Nordbahnhof aktuell einigen Gesprächsbedarf zu verursachen. Der Bau der neuen Gesundheitsschule und der Schule für Ernährung und Sozialwesen, die in einem Geländedreieck direkt gegenüber den Wagenhallen für 64 Millionen Euro entstehen sollen, wurde zwar vom Gemeinderat beschlossen, das Projekt bleibt aber umstritten. "Der Platz ist zu klein, die Bebauung eine ökologische Katastrophe", sagt der Grünen-Fraktionssprecher Werner Wölfle, dessen Partei an diesem Standort einem Neubau der Neckarrealschule den Vorzug geben würde.
Aktuell läuft ein Investoren- und Architektenwettbewerb, im Herbst 2010 könnte mit dem Schulbau begonnen werden - falls die Vorarbeiten pünktlich abgeschlossen sind. Langfristig soll auf dem 114 Hektar großen Areal ein Stadtquartier mit Wohnungen und Büros entstehen. So sieht es der Entwurf des Stuttgarter Architektenbüros Pesch und Partner vor, das den Wettbewerb für das Rosensteinviertel im Jahr 2005 gewonnen hat.
Außerdem hat der Uniprofessor Franz Pesch den Erhalt der alten Wagenhallen empfohlen, die inzwischen zu einer Marke und einem kulturellen Aushängeschild der Stadt geworden sind. Wie die Hallen später genutzt werden, sei noch offen, sagt Föll, der selbst immer wieder unter den Besuchern ist und die Entwicklung "spannend und bemerkenswert" findet. Als "unbedingt erhaltenswert" stuft Michael Gassmann von der Bachakademie die Spielstätte auf der Industriebrache ein. "Für die Kulturszene wäre es ein großer Verlust, wenn es die Wagenhallen in der jetzigen Form nicht mehr gäbe."
Von Markus Heffner
Bis Ende April steht das Programm für das nächste Jahr bereits - die restlichen Monate bis zum Jahresende könnten die Veranstaltungsmacher in den Wagenhallen aber auch schon locker mit Leben füllen. Es liegen bergeweise Anfragen von Firmen, Künstlern und Agenturen vor, sogar aus New York ist jüngst eine E-Mail eingetroffen. Mehrfach angerufen hat etwa auch die Internationale Bachakademie, die im Rahmen des Musikfestes Stuttgart im September 2009 zwei "hochkarätige Klassikkonzerte" in die Wagenhallen verlegen will. "So eine Aura gibt es sonst nirgendwo in dieser Stadt, das ist einmalig", sagt Michael Gassmann, der Programmplaner des renommierten Musikfestes.
Im April 2009 rollen die Bagger an
Ob aus diesem prominenten Gastspiel in den Wagenhallen etwas werden wird, ist nach Stand der Dinge allerdings fraglich. Läuft alles nach Plan, werden im April 2009 die Bagger des Energieversorgers EnBW anrollen, der seine Fernwärmeleitung, die quer über das Gelände läuft, wegen der geplanten Bauvorhaben auf dem Areal am Nordbahnhof verlegen muss. Sechs Monate würden diese Arbeiten dauern, sagt EnBW-Sprecher Jürgen Kaupp. Spätestens im September müsse man fertig sein, weil die alte Leitung für den Neuanschluss gekappt werden müsse und damit der Westen und Teile der Stadtmitte zwei Tage lang ohne Heizung seien.
Die zwei Meter breite Trasse, die für die unterirdisch verlegten Heizrohre gegraben werden muss, führt dabei direkt an den Wagenhallen vorbei - was das "Ende des Veranstaltungsbetriebs bedeuten würde", wie Stefan Mellmann sagt. Denn nicht nur der neue Biergarten und das Beachvolleyballfeld müssten dem Bagger weichen, sondern vor allem auch die gesamte Toilettenanlage der Kulturstätte. Zudem wäre der Notausgang blockiert und die Halle inmitten der Baustelle kaum noch zu erreichen. "Dann können wir den Laden zusperren", sagt Mellmann, der das Kulturprogramm seit Beginn zusammen mit Thorsten Gutbrod organisiert.
Gut 300 Veranstaltungen kommen im Jahr zusammen, vom Diavortrag über Entwicklungsprojekte, Kindergeburtstage und Firmenjubiläen bis hin zu prominent besetzten Konzerten. Diese Vielfalt müsse lange im Voraus geplant werden, was derzeit aber nicht möglich sei. "Wir können keine Zusagen machen, weil wir nicht wissen, wie es weitergeht", sagt Gutbrod. "Eine wirtschaftliche Katastrophe." Mehr Planungssicherheit wünscht sich zudem auch die EnBW, die schon seit Wochen auf den städtischen Auftrag für das Bauprojekt wartet. "Die Genehmigung hätte spätestens im Oktober vorliegen sollen", sagt Firmensprecher Kaupp. Wenn man nicht pünktlich beginnen könne, verschiebe sich die Maßnahme um ein Jahr.
800.000 teurer als geplant
Auftraggeber ist das Referat für Kultur und Bildung, weil die Verlegung der Rohre mit dem geplanten Schulneubau auf dem Areal zusammenhängt. Ursprünglich seien für die Leitungsverlegung 1,3 Millionen Euro veranschlagt worden, das Ganze habe sich aber um 800.000 Euro verteuert, sagt Bürgermeisterin Susanne Eisenmann. Die vorgeschlagene Deckung des Fehlbetrags aus dem Bauetat müsse durch den Finanzbürgermeister Michael Föll genehmigt werden, dem der Antrag schon geraume Zeit vorliege. "Wir stehen unter Zeitdruck und warten dringend auf die Freigabe", sagt Susanne Eisenmann.
Michael Föll wiederum scheint keinen Grund zur Eile zu sehen. Es gebe noch verwaltungsinternen Abstimmungsbedarf, über einzelne Finanzierungsfragen müsse noch gesprochen werden, erklärt er auf Anfrage. Das sei ein normales Verfahren, in das auch der Gemeinderat einbezogen werde.
Das Projekt bleibt umstritten
Ohnehin scheinen die Bauvorhaben auf dem Areal am Nordbahnhof aktuell einigen Gesprächsbedarf zu verursachen. Der Bau der neuen Gesundheitsschule und der Schule für Ernährung und Sozialwesen, die in einem Geländedreieck direkt gegenüber den Wagenhallen für 64 Millionen Euro entstehen sollen, wurde zwar vom Gemeinderat beschlossen, das Projekt bleibt aber umstritten. "Der Platz ist zu klein, die Bebauung eine ökologische Katastrophe", sagt der Grünen-Fraktionssprecher Werner Wölfle, dessen Partei an diesem Standort einem Neubau der Neckarrealschule den Vorzug geben würde.
Aktuell läuft ein Investoren- und Architektenwettbewerb, im Herbst 2010 könnte mit dem Schulbau begonnen werden - falls die Vorarbeiten pünktlich abgeschlossen sind. Langfristig soll auf dem 114 Hektar großen Areal ein Stadtquartier mit Wohnungen und Büros entstehen. So sieht es der Entwurf des Stuttgarter Architektenbüros Pesch und Partner vor, das den Wettbewerb für das Rosensteinviertel im Jahr 2005 gewonnen hat.
Außerdem hat der Uniprofessor Franz Pesch den Erhalt der alten Wagenhallen empfohlen, die inzwischen zu einer Marke und einem kulturellen Aushängeschild der Stadt geworden sind. Wie die Hallen später genutzt werden, sei noch offen, sagt Föll, der selbst immer wieder unter den Besuchern ist und die Entwicklung "spannend und bemerkenswert" findet. Als "unbedingt erhaltenswert" stuft Michael Gassmann von der Bachakademie die Spielstätte auf der Industriebrache ein. "Für die Kulturszene wäre es ein großer Verlust, wenn es die Wagenhallen in der jetzigen Form nicht mehr gäbe."
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