Abgeltungsteuer

Die Abgeltungsteuer setzt auch den Kirchen zu

Michael Trauthig, veröffentlicht am 11.12.2008
Foto: factum/Weise

Stuttgart - Das neue Besteuerungsverfahren von Kapitaleinkünften macht den Kirchen zu schaffen. Weil die Kirchensteuer auf diese Einnahmen mit der Abgeltungsteuer nun direkt an der Quelle erhoben werden kann, treten offenbar viele Gemeindeglieder aus. Die Kirchen sind alarmiert.


  Von Michael Trauthig

 
"Wollen Sie nicht die Kirche verlassen?" Die Frage des Steuerberaters ist für den mittelständischen Unternehmer eine unerwartete Versuchung. 1500 Euro würde der Katholik, der sich vom Glauben innerlich längst verabschiedet hat, insgesamt einsparen und so sein kleines persönliches Konjunkturpaket schnüren. "Bei einer solchen Summe kommt man schon ins Grübeln", sagt der 40-Jährige. Doch schließlich siegt die Konvention. Vor allem das absehbare Gerede im Dorf und das Gezeter der frommen Mutter lassen ihn von dem ökonomisch verlockenden Schritt zurückschrecken. Andere sind in diesen Tagen offenbar nicht so zögerlich.

Hilferufe aus dem ganzen Land

"Wegen der zunehmenden Abwanderung gibt es mittlerweile Hilferufe aus dem ganzen Land", berichtet Christian Tsalos, der Sprecher der evangelischen Kirche in Württemberg. So würden Pfarrer bei Dienstbesprechungen und Bezirkssynoden über den negativen Trend klagen. Zwar liegt noch keine Gesamtstatistik vor, aber in einzelnen Städten kehrten im Oktober doppelt so viele Protestanten der Kirche den Rücken wie vor einem Jahr. Aus Stuttgart und Weinstadt weiß man das. In Stuttgart-Mitte allein wurden von September bis November 230 Austritte gezählt. Ursache für die Entwicklung ist wohl nicht massenhafter Glaubensabfall, sondern die von Neujahr an geltende pauschale Abgeltungsteuer auf Kapitalerträge. Sie macht es möglich, die hier anfallende Kirchensteuer direkt an der Quelle zu erheben. Deshalb fragen die Banken jetzt landauf, landab die Konfession ihrer Kunden ab. Das macht freilich vielen erst bewusst, dass sie auch für diese Einnahmen Kirchensteuer entrichten. "Anscheinend entsteht der Eindruck, als halte die Kirche zusätzlich die Hand auf", erklärt Tsalos.

Zwar erfahren die Pfarrer nur selten, warum jemand die Kirche verlässt, weil das Verfahren anonym auf dem Standesamt abläuft. Doch von dort haben die Geistlichen vernommen, dass die Abgeltungsteuer als Ursache ebenso genannt werde wie der Rat des Steuerberaters. Außerdem falle auf, dass häufig Studenten und Rentner austreten, die kein Gehalt beziehen und damit auch keine Kirchenlohnsteuer zahlen, die aber vermutlich Kapitaleinkünfte hätten. Auch bei der katholischen Kirche zeigen sich die Verantwortlichen besorgt. In den Dekanaten Nürtingen und Esslingen sei sogar von einer Austrittswelle die Rede, sagt Thomas Broch, der Sprecher der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Die Abgeltungsteuer sei dafür die einzige Erklärung. "Vermutlich ist das bei jedem Einzelnen aber nur der letzte Anstoß. Entscheidend sind tiefere Gründe", meint Broch.

Während das Bistum noch über eine Gegenstrategie nachdenkt, hat die evangelische Kirche eine Aufklärungsoffensive gestartet. Alle Pfarr- sowie Dekanatsämter wurden angeschrieben, Informationen ins Internet gestellt. Das Steuertelefon (Nummer: 0800/ 7137137) soll die Botschaft unters Volk bringen: "Es muss künftig niemand mehr bezahlen als bisher", sagt Walter Bantleon, der Leiter des Referats Haushalt und Steuern im Oberkirchenrat. Nur das Verfahren werde vereinfacht. In den Fällen, in denen Banken zu viel abziehen würden, könne man sich das Geld mit der Steuererklärung wieder zurückholen. Außerdem würden nur diejenigen zur Kasse gebeten, die jenseits der persönlichen Freibeträge von 801 Euro Zinseinkünfte (für Alleinstehende) liegen.

Nicht zuletzt, sagt Bantleon, werde die Sache sogar für besonders gut Verdienende demnächst billiger, weil die Abgeltungsteuer - nach der die Kirchensteuer berechnet wird - bei ihnen niedriger ausfalle als der zuvor maßgebende persönliche Steuersatz. Seine Rechnung geht freilich nur für die auf, die in der Vergangenheit brav ihre Kapitaleinkünfte dem Finanzamt gemeldet haben.
 

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