Stuttgarter Zeitung online | Zeitungsgruppe Stuttgart |  Freitag, 10. Februar 2012

Stuttgart & Region


Psychologin

"Überforderung ist ein gängiges Motiv"

Fragen von Susanne Janssen, veröffentlicht am 15.12.2008
Foto: privat

Stuttgart - Die Münchner Rechtsanwältin und Psychologin Annegret Wiese hat sich in ihrem Buch "Mütter, die töten" mit den Motiven der Täterinnen beschäftigt. Im Gespräch mit Susanne Janssen erklärt sie, welche Rolle dabei überhöhte Erwartungen spielen.

Kann es sein, dass Außenstehende nichts von Mord- und Suizidgedanken mitbekommen?

Das kommt häufig vor, wenn Überforderung dahinter steckt - und das ist ein gängiges Motiv, es muss nicht zwingend eine psychische Erkrankung vorliegen. Dabei hängt die Überforderung in erster Linie von der eigenen Erwartungshaltung ab, gar nicht primär von den objektiven Leistungen, die eine Mutter erbringen muss.

Aber das Mädchen war von beiden Elternteilen erwünscht...

Bei einem Wunschkind besteht nicht selten die Gefahr, dass die eigene Mutterrolle erhöht wird. Viele dieser Frauen wollen besonders gut und besonders perfekt sein - eine geringfügige Störung ist in ihren Augen riesengroß. Dazu können auch die Berichte über prominente Schauspielerinnen beitragen, die ein Kind nach dem anderen bekommen und das Bild einer heilen Familie vermitteln. Vor diesem Hintergrund ist es für Frauen mit einem geringen Selbstwertgefühl schwierig, um Hilfe zu bitten, weil es bedeuten würde, das eigene Versagen einzugestehen.

Ist die Überforderung im Säuglingsalter nicht noch größer?

Im Alter von drei bis vier Jahren besteht eine besondere Gefahr, weil das Kind sich ein wenig von den Eltern löst. Das Kind bedeutet für die Mütter einerseits Überforderung, andererseits aber auch selbstverständliche Liebe. Die Tat ist auch oft gekoppelt mit einer Suizidabsicht.

Gibt es denn im Vorfeld für die Umwelt Anzeichen, die auf eine solche Verzweiflungstat hinweisen?

Für Außenstehende ist es kaum zu erkennen - höchstens dadurch, dass diese Mütter besonders fürsorglich sind, so dass man denkt, es ist ein Tick zu viel, der dem Kind nicht mehr gut tut.
 
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