Forscher uneins

Gibt es ein Gen für Religiosität?

Nora Somborn, veröffentlicht am 18.12.2008
Foto: dpa

Stuttgart - Wissenschaftler geben sich erstaunt: Es könne kein Zufall sein, dass so viele Menschen an einen Gott glauben. Die Forscher halten es für möglich, dass die Neigung dazu im Erbgut verankert ist. Doch die Basis dieser These ist wacklig.


  Von Nora Somborn

 
Die Liste der Götter, an die Menschen ihre Hoffnungen und Ängste richteten und richten, ist lang: die schöne Aphrodite, der Kriegsgott Ares, der Sonnengott Ra, der allmächtige Allah und der Gott der Bibel sind nur eine kleine Auswahl. Religiosität scheint seit je weit verbreitet zu sein. Archäologen haben in der Türkei Reste von rund 11.000 Jahre alten Tempelanlagen ausgegraben. Und einfache Bestattungsrituale können sogar schon bei Frühmenschen nachgewiesen werden, die vor 120.000 Jahren lebten.

"Die Evolution leistet sich keinen Luxus"

Es scheint ein tieferer Sinn darin zu liegen, dass Menschen Kraft und Zeit, sogar ihr Leben für den Glauben opfern. Für Gläubige liegt dieser Sinn in Gottes Hand. Doch einige Wissenschaftler suchen nach anderen Erklärungen. Sie untersuchen, ob es für die Vorfahren des modernen Menschen einen Vorteil hatte, religiös zu sein. "Die Evolution leistet sich keinen Luxus", sagt der Religionswissenschaftler Michael Blume von der Universität Heidelberg. Aus Sicht von Darwins Evolutionstheorie ist nicht erklärbar, wie sich die menschliche Neigung zu religiösen Ritualen entwickeln konnte, ohne dass sie den Gläubigen einen Überlebensvorteil verschaffte. Daher geht Blume den umgekehrten Weg und sucht nach einem solchen Vorteil.

Dass es einen Vorteil geben könnte, legen demografische Daten nahe: "Unabhängig von ihrer Bildung sind religiöse Menschen weltweit kinderreicher", sagt Blume. Warum Religiosität besonders für Männer die Chancen bei der Partnerwahl erhöhen könnte, erklärt er mit Goethes "Faust". Dass Gretchen Faust nach seiner Religiosität frage, habe durchaus seinen Sinn. Durch die Werte und Gebote ihrer Religionsgemeinschaft seien religiöse Männer potenziell verlässlichere Väter: "An der Gretchenfrage ist etwas dran."

Einer Studie im Wissenschaftsjournal "Science" zufolge stärkt Religiosität hingegen die Kooperationsbereitschaft und das gegenseitige Vertrauen in einer Gruppe. Und der Psychologe Eckart Straube von der Universität Jena ist sogar der Ansicht, dass der Glaube an übersinnliche Kräfte die Menschen gesünder mache. Straube beschreibt Religiosität als einen ständig währenden Placeboeffekt: So wie eine Tablette ohne Wirkstoff helfen könne, wenn der Patient an ihre Wirkung glaubt, könne auch der Glaube an Gott helfen, Krankheitssymptome zu beseitigen.

Umstrittene Forschungsergebnisse

Wiegen diese möglichen Vorteile aber den zum Teil erheblichen Aufwand von religiösen Ritualen auf? "Rituale und Vorschriften wie die Zehn Gebote sichern ab, dass nur diejenigen in der Gemeinschaft bleiben, die es wirklich ernst meinen", sagt Michael Blume. Der Religionswissenschaftler ist überzeugt, dass der gemeinsame Glaube einen Nutzen hat: "Religiosität scheint zumindest eine erfolgreiche Illusion zu sein."

Damit Religiosität als eine evolutionäre Errungenschaft gelten kann, muss allerdings nachgewiesen werden, dass sie im Erbgut des Menschen verankert ist. Gibt es Gene für Religiosität? Der amerikanische Molekularbiologe Dean Hamer hat mit seiner Suche nach "Gottesgenen" für Wirbel gesorgt. Hamer entdeckte, dass Menschen mit einer bestimmten Variante des Gens VMAT2 empfänglicher für spirituelle Erfahrungen sind. Seine Forschungsergebnisse sind jedoch wissenschaftlich umstritten.

Hamer hat nur einzelne Gene von Menschen verglichen, die sich selbst als Gläubige und Atheisten beschreiben. "Er hat sich willkürlich einige Gene herausgepickt", sagt Henning Scheich vom Leibniz-Institut für Neurobiologie in Magdeburg. Ein aussagekräftiger Genvergleich zu dieser Frage sei beim derzeitigen Forschungsstand nicht möglich. "Es gibt keine Methode, um bei einem Gen festzustellen, ob es etwas mit Religiosität zu tun hat, wenn man nicht abgeklärt hat, was es sonst noch bewirkt", sagt Scheich.

Messung der Hirnströme

Auch die bisherigen Versuche, die Gehirnaktivitäten von Gläubigen zu untersuchen, betrachtet Scheich mit Skepsis. Prominent sind die Untersuchungen des amerikanischen Radiologen Andrew Newberg, der die Hirnströme von betenden Nonnen und meditierenden Buddhisten gemessen hat und dabei auf spezifische Aktivitätsmuster in der Stirnregion gestoßen ist. "Die Hirngebiete sind genauso aktiv, wenn man beispielsweise angestrengt über einer mathematischen Formel brütet", sagt Scheich. Anhand der Messungen könne man nur sagen, wo Nervenzellen bei Gebeten aktiv sind, aber nicht welche Informationen sie verarbeiten.

Der Ansatz, Religiosität über Hirnaktivität zu erforschen, sei zwar interessant, aber bis jetzt nicht umsetzbar: "Religiosität, der Glaube an das Unerklärliche, ist natürlich eine sehr spezifisch menschliche Eigenschaft. Wir verfügen aber im Moment über keine Möglichkeit, die Gehirnzustände von religiösen und nichtreligiösen Menschen so miteinander so zu vergleichen, dass wir zu wissenschaftlich stichhaltigen Aussagen kommen."
 

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