Demenzkranke
Die intelligente Wohnung passt auf die Senioren auf
Ulrike Heitmüller, veröffentlicht am 26.01.2009
Stuttgart - Dürfen Patienten mit Demenz auf eigene Faust kochen und die Wohnung putzen? Moderne Technik kann ein selbstbestimmtes Leben ermöglichen. So schickt zum Beispiel der Fußboden dem Pfleger eine SMS, wenn ein Bewohner gestürzt ist.
Von Ulrike Heitmüller
In der WG von Anna Maria Wagner geht der Herd nach zwei Stunden automatisch aus. Das muss er auch, denn Frau Wagner und ihre Mitbewohner leiden an Demenz. "Ich vergesse alles", sagt die sehr gepflegte ältere Dame. Wie alt sie ist und wie die Enkelkinder heißen, weiß sie nicht. Manch einer vergisst auch, dass man sich im Winter warm anziehen und die Haustür hinter sich schließen muss. Und dass ein vergessener Topf auf dem heißen Herd gefährlich ist. Darum sind in Frau Wagners WG ein paar Extras wie eben der Sicherheitsherd eingebaut.
Bei der Wohngemeinschaft in Duisburg handelt es sich um eine Modelleinrichtung der Firma Alpha, einer Tochter des katholischen Sozialwerks St. Georg. Das Fraunhofer-Institut für Mikroelektronische Schaltungen und Systeme hat das Konzept mitentwickelt. Heike Perszewski, Prokuristin bei Alpha, hat die inhaltliche Gesamtleitung inne, sechs Alltagsbegleiter kümmern sich um die Bewohner, dazu sogenannte Fachkräfte für die medizinische Leistung sowie Schüler und Praktikanten.
Auf einer Tagung in Berlin zum altersgerechten Wohnen, die heute beginnt, wird die WG als Modellprojekt vorgestellt. Das Bundesforschungsministerium ist Mitveranstalter der zweiten deutschen AAL-Tagung. AAL ist die Abkürzung für "ambient assisted living", zu Deutsch: altersgerechte Hilfssysteme für ein selbstständiges Leben.
Jeder Schritt muss dokumentiert werden
Manche Extras sind im Duisburger Modellprojekt vor allem dafür gedacht, die Betreuer zu unterstützen, beispielsweise bei der Dokumentation. In einem Heim mit 24 Bewohnern müssen Pfleger im Verlauf von 24 Sunden nämlich 823 sogenannte Handzeichen leisten, sagt Perszewski. Alles, was sie überprüfen - also Fieber, Blutdruck und ob der Bewohner sich die Zähne geputzt hat - müssen sie notieren. Von Fachkräften werde immer wieder bemängelt, dass dabei sehr viel Zeit verloren gehe, berichtet Imme Lanz, die Geschäftsführerin des Deutschen Evangelischen Verbandes für Altenarbeit und Pflege.
Doch die Dokumentation sei nötig, um sich abzusichern, falls es dem Bewohner schlechtergeht. "Sie müssen im Grunde jeden Schritt dokumentieren, um sich später rechtfertigen zu können", sagt Lanz. In der Duisburger Musterwohnung hängen Flachbildschirme im Flur. Mit einem Klick können die Betreuer dort die Leistungen gleich für mehrere Patienten auf einmal markieren - zum Beispiel, wenn sie alle Bewohner gewaschen haben. Das nimmt weniger Zeit in Anspruch als die Aktenarbeit im Büro.
Auch die Demenzkranken selbst stellen ihre Anforderungen: So wollen sie zum Beispiel kochen. Deshalb befindet sich in Anna Maria Wagners WG-Küche nicht nur der Herd mit Zusatzschaltung, sondern zur Sicherheit auch ein Rauchmelder. Kochen macht nicht nur Spaß, sondern stellt auch ein gewisses Training dar, erklärt Heike Perszewski, darum werde täglich mit den Bewohnern zusammen gekocht. "Einer kann Kartoffeln schälen, einer deckt den Tisch, einer ist bettlägerig", zählt sie auf.
Farben sind wichtig
Die Geräte sind alle untereinander verbunden. Wenn zum Beispiel der Rauchmelder anschlägt, schaltet sich der Herd aus und der diensthabende Altenpfleger erhält eine SMS. Vernetzung und Technik sind aber nicht alles. "Das Milieu ist demenziell ausgerichtet", sag Perszewski. Das fängt bei den Farben an: Weiß wirkt bedrohlich, daher sind die Wände cremefarben. Bei den Fußböden wird Schwarz vermieden, damit die Bewohner keine Angst bekommen, in ein Loch zu stürzen. Die Decken sind grün, denn das gibt ein Gefühl der Sicherheit. Und die Tische und Schränke lassen sich in der Höhe verstellen, damit sie von Rollstuhlfahrern so gut genutzt werden können wie vom Zweimetermann.
Im Bad der Musterwohnung wird eine weitere Technik erprobt: eine Folie mit Sensoren. Sie erkennt Pfützen und reagiert auf Druck. Ihre Messwerte leitet sie an einen Computer weiter. Auf dessen Bildschirm ist ein Grundriss der Wohnung abgebildet - mit roten Punkten dort, wo die Matte etwas registriert hat. Das kann heißen: Pfütze, rutschig! Viele rote Punkte bedeuten: hier liegt jemand, womöglich ist ein Mensch gestürzt und kann nicht mehr aufstehen. Dann bekommt der Pfleger automatisch eine SMS vom Computer, außerdem geht das Licht an.
Das Josias-Löffler Diakoniewerk Gotha hat bereits ein Altenzentrum mit Sensorböden ausgestattet, allerdings nicht im Bad, sondern im Schlafzimmer. Sie solle die Pfleger alarmieren, wenn ein sturzgefährdeter Bewohner aufstehe, erläutert die Heimleiterin Heidrun Schönfeld, "damit der Mitarbeiter hineilen und helfen kann".
Sensormatte fürs Schlafzimmer geplant
Auch in Duisburg plant man die Sensormatte fürs Schlafzimmer. "Manchmal werde ich nachts wach, dann stehe ich auf. Ich gehe zum Fenster und gucke, wie die Autos vorbeirauschen. Irgendwann lege ich mich wieder hin und schlafe", sagt Anna Maria Wagner. Falls sie dabei stürzen sollte, würde der Computer den Nachtdienst rufen. Und mehr noch: um den Stürzen vorzubeugen, sind in den Zimmern Bewegungsmelder installiert. Nachts weiß Frau Wagner nämlich nicht mehr, wo sich der Lichtschalter befindet. Das passiert vielen Menschen mit Demenz. Manche vergessen sogar, dass es überhaupt Schalter gibt.
In einigen Krankenhaus und Altenheim werden die Patienten festgebunden, damit sie nicht aufstehen und im Dunkeln umherirren. In der Duisburger Demenz-WG setzt man hingegen auf automatisches Licht. Wenn ein Bewohner aufsteht, aktiviert er dabei automatisch eine Lampe. Diese ist unter dem Bett angebracht, so dass sie nicht blendet. Sie beleuchtet Teppichkanten, Stühle, Ecken, Türen - eben das, worüber ein alter Mensch stolpern oder woran er sich stoßen könnte. Das automatische Licht gefällt Frau Wagner. "Das finde ich gut, dann sehe ich ja alles", sagt sie trocken.
Informationen zum Berliner Kongress: www.aal-kongress.de
Von Ulrike Heitmüller
In der WG von Anna Maria Wagner geht der Herd nach zwei Stunden automatisch aus. Das muss er auch, denn Frau Wagner und ihre Mitbewohner leiden an Demenz. "Ich vergesse alles", sagt die sehr gepflegte ältere Dame. Wie alt sie ist und wie die Enkelkinder heißen, weiß sie nicht. Manch einer vergisst auch, dass man sich im Winter warm anziehen und die Haustür hinter sich schließen muss. Und dass ein vergessener Topf auf dem heißen Herd gefährlich ist. Darum sind in Frau Wagners WG ein paar Extras wie eben der Sicherheitsherd eingebaut.
Bei der Wohngemeinschaft in Duisburg handelt es sich um eine Modelleinrichtung der Firma Alpha, einer Tochter des katholischen Sozialwerks St. Georg. Das Fraunhofer-Institut für Mikroelektronische Schaltungen und Systeme hat das Konzept mitentwickelt. Heike Perszewski, Prokuristin bei Alpha, hat die inhaltliche Gesamtleitung inne, sechs Alltagsbegleiter kümmern sich um die Bewohner, dazu sogenannte Fachkräfte für die medizinische Leistung sowie Schüler und Praktikanten.
Auf einer Tagung in Berlin zum altersgerechten Wohnen, die heute beginnt, wird die WG als Modellprojekt vorgestellt. Das Bundesforschungsministerium ist Mitveranstalter der zweiten deutschen AAL-Tagung. AAL ist die Abkürzung für "ambient assisted living", zu Deutsch: altersgerechte Hilfssysteme für ein selbstständiges Leben.
Jeder Schritt muss dokumentiert werden
Manche Extras sind im Duisburger Modellprojekt vor allem dafür gedacht, die Betreuer zu unterstützen, beispielsweise bei der Dokumentation. In einem Heim mit 24 Bewohnern müssen Pfleger im Verlauf von 24 Sunden nämlich 823 sogenannte Handzeichen leisten, sagt Perszewski. Alles, was sie überprüfen - also Fieber, Blutdruck und ob der Bewohner sich die Zähne geputzt hat - müssen sie notieren. Von Fachkräften werde immer wieder bemängelt, dass dabei sehr viel Zeit verloren gehe, berichtet Imme Lanz, die Geschäftsführerin des Deutschen Evangelischen Verbandes für Altenarbeit und Pflege.
Doch die Dokumentation sei nötig, um sich abzusichern, falls es dem Bewohner schlechtergeht. "Sie müssen im Grunde jeden Schritt dokumentieren, um sich später rechtfertigen zu können", sagt Lanz. In der Duisburger Musterwohnung hängen Flachbildschirme im Flur. Mit einem Klick können die Betreuer dort die Leistungen gleich für mehrere Patienten auf einmal markieren - zum Beispiel, wenn sie alle Bewohner gewaschen haben. Das nimmt weniger Zeit in Anspruch als die Aktenarbeit im Büro.
Auch die Demenzkranken selbst stellen ihre Anforderungen: So wollen sie zum Beispiel kochen. Deshalb befindet sich in Anna Maria Wagners WG-Küche nicht nur der Herd mit Zusatzschaltung, sondern zur Sicherheit auch ein Rauchmelder. Kochen macht nicht nur Spaß, sondern stellt auch ein gewisses Training dar, erklärt Heike Perszewski, darum werde täglich mit den Bewohnern zusammen gekocht. "Einer kann Kartoffeln schälen, einer deckt den Tisch, einer ist bettlägerig", zählt sie auf.
Farben sind wichtig
Die Geräte sind alle untereinander verbunden. Wenn zum Beispiel der Rauchmelder anschlägt, schaltet sich der Herd aus und der diensthabende Altenpfleger erhält eine SMS. Vernetzung und Technik sind aber nicht alles. "Das Milieu ist demenziell ausgerichtet", sag Perszewski. Das fängt bei den Farben an: Weiß wirkt bedrohlich, daher sind die Wände cremefarben. Bei den Fußböden wird Schwarz vermieden, damit die Bewohner keine Angst bekommen, in ein Loch zu stürzen. Die Decken sind grün, denn das gibt ein Gefühl der Sicherheit. Und die Tische und Schränke lassen sich in der Höhe verstellen, damit sie von Rollstuhlfahrern so gut genutzt werden können wie vom Zweimetermann.
Im Bad der Musterwohnung wird eine weitere Technik erprobt: eine Folie mit Sensoren. Sie erkennt Pfützen und reagiert auf Druck. Ihre Messwerte leitet sie an einen Computer weiter. Auf dessen Bildschirm ist ein Grundriss der Wohnung abgebildet - mit roten Punkten dort, wo die Matte etwas registriert hat. Das kann heißen: Pfütze, rutschig! Viele rote Punkte bedeuten: hier liegt jemand, womöglich ist ein Mensch gestürzt und kann nicht mehr aufstehen. Dann bekommt der Pfleger automatisch eine SMS vom Computer, außerdem geht das Licht an.
Das Josias-Löffler Diakoniewerk Gotha hat bereits ein Altenzentrum mit Sensorböden ausgestattet, allerdings nicht im Bad, sondern im Schlafzimmer. Sie solle die Pfleger alarmieren, wenn ein sturzgefährdeter Bewohner aufstehe, erläutert die Heimleiterin Heidrun Schönfeld, "damit der Mitarbeiter hineilen und helfen kann".
Sensormatte fürs Schlafzimmer geplant
Auch in Duisburg plant man die Sensormatte fürs Schlafzimmer. "Manchmal werde ich nachts wach, dann stehe ich auf. Ich gehe zum Fenster und gucke, wie die Autos vorbeirauschen. Irgendwann lege ich mich wieder hin und schlafe", sagt Anna Maria Wagner. Falls sie dabei stürzen sollte, würde der Computer den Nachtdienst rufen. Und mehr noch: um den Stürzen vorzubeugen, sind in den Zimmern Bewegungsmelder installiert. Nachts weiß Frau Wagner nämlich nicht mehr, wo sich der Lichtschalter befindet. Das passiert vielen Menschen mit Demenz. Manche vergessen sogar, dass es überhaupt Schalter gibt.
In einigen Krankenhaus und Altenheim werden die Patienten festgebunden, damit sie nicht aufstehen und im Dunkeln umherirren. In der Duisburger Demenz-WG setzt man hingegen auf automatisches Licht. Wenn ein Bewohner aufsteht, aktiviert er dabei automatisch eine Lampe. Diese ist unter dem Bett angebracht, so dass sie nicht blendet. Sie beleuchtet Teppichkanten, Stühle, Ecken, Türen - eben das, worüber ein alter Mensch stolpern oder woran er sich stoßen könnte. Das automatische Licht gefällt Frau Wagner. "Das finde ich gut, dann sehe ich ja alles", sagt sie trocken.
Informationen zum Berliner Kongress: www.aal-kongress.de
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