Stuttgarter Zeitung online | Zeitungsgruppe Stuttgart |  Freitag, 10. Februar 2012

Wissen & Computer


Teuer, aber praktisch

Das Google-Handy im Test

Steffen Haubner, veröffentlicht am 03.02.2009
Foto: dpa

Hamburg - Am Montag ist das erste Google-Mobiltelefon in Deutschland an den Start gegangen. Viele Funktionen kann man nur nutzen, wenn man sich auf die Dienste des Suchmaschinenbetreibers einlässt. Nützliche Zusatzapplikationen machen aber den Reiz des Handys aus.


  Von Steffen Haubner

 
Man sah Philip Schindler, dem Google-Vizechef für Deutschland, Österreich, die Schweiz und Skandinavien, an, wie sehr ihn sein Lapsus wurmte. Bei der offiziellen Präsentation des ersten Handys seines Arbeitgebers hatte er von seiner "Lieblingsapplikation auf dem iPhone" geschwärmt. Gemeint hatte er aber natürlich das Google-Handy G1, das seit Montag in den Geschäften von T-Mobile zu haben ist.

Das bessere iPhone?

Noch muss der Suchmaschinenkonzern beweisen, dass es den mit Geräten überschwemmten Mobilfunkmarkt zu bereichern vermag. Zu diesem Zweck holte man sich den taiwanesischen Edelhandyhersteller HTC ins Boot. Und der leistete ganze Arbeit: Das weiße oder mattschwarze, recht schwer in der Hand liegende Smartphone - so nennt man jene Telefone, die viel mehr können als nur telefonieren - ist sehr solide und hochwertig verarbeitet, auch ein fester Händedruck entlockt ihm kein Knacken oder Knirschen. Drückt man mit dem Daumen auf die linke vordere Kante, gibt der nach rechts weggleitende Bildschirm eine vollständige Tastatur für Texteingaben frei, das Bild wechselt dabei automatisch von der Vertikalen ins Querformat. Der Bildschirm reagiert, leider mitunter etwas ungenau, auf Berührungen. Wie beim iPhone lassen sich Fenster, Bilder und Menüs einfach mit einem Fingerstreich verschieben. Ein Stift für präzisere Eingaben wäre sinnvoll gewesen, wird aber nicht mitgeliefert. Dafür findet sich unter der Menütaste ein kleiner Trackball, mit dem es sich deutlich besser durch kleinteilige Web-Menüs navigieren lässt. Und dafür ist das Google-Handy neben dem Telefonieren vor allem gedacht: für das Surfen im Internet.

Aber ist das G1 tatsächlich das "bessere iPhone", wie etwa "Spiegel online" titelte? Das zu behaupten ist ungefähr so, als würde man Äpfel mit Birnen vergleichen. Denn während Apples Handy vor allem als schön anzusehendes Kultobjekt und Multimedia-Maschine punktet, geht es beim vermeintlichen "iPhone-Killer" vor allem um Funktionalität, besonders im Hinblick auf die diversen im Internet angebotenen Google-Dienste.

So werden Mail-Postfächer, Termine und persönliche Kontakte automatisch zwischen PC und Mobiltelefon und umgekehrt synchronisiert. Nach dem Vorbild des E-Mail-Smartphones schlechthin, dem Blackberry, gibt das G1 unterwegs die in das Handy getippte Daten direkt an einen Server weiter und sorgt damit dafür, dass neue Einträge selbst dann nicht verloren gehen, wenn einem das Handy abhanden kommt. Leider funktioniert das nur, wenn man die entsprechenden kostenlosen Google-Dienste nutzt. Das könnte so manchem Nutzer sauer aufstoßen. Schließlich warnen Datenschützer schon lange vor dem allwissenden Konzern, dem man nun auch noch seinen gesamten elektronischen Schriftverkehr samt Adressverwaltung anvertrauen soll.

Weniger verfänglich scheint die Nutzung des beliebten Kartendiensts Google Maps. Dank GPS-Ortung lässt sich damit in der Fremde der eigene Standort ausfindig machen und auf einer geografischen Karte oder einem Satellitenbild anzeigen. Im Gegensatz zu den oft quälend langsamen GPS-Funktionen anderer Geräte geht das mit dem G1 unglaublich flott und mit Einschränkungen teilweise sogar im Inneren von Gebäuden. Überhaupt hat das Google-Handy dank Unterstützung des mobilen Übertragungsstandards HSDPA den Datenturbo im Tank: Bis zu 7,2 Megabit pro Sekunde sind möglich. Damit macht auch das Anschauen von Videos Spaß. Einloggen in WLAN-Netzwerke ist auch kein Problem.

Viele nützliche GPS-Funktionen

Der Clou am G1 ist, dass dessen Funktionen auf der frei nutzbaren Softwareplattform Android basieren. Deshalb gibt es bereits jetzt mehr als 700 kostenlose Anwendungen, die man schnell herunterladen und installieren kann - neben viel Spielekram wie einem Labyrinthspiel, bei dem man eine virtuelle Stahlkugel über die Bewegung des Handys durch einen Parcours steuern muss.

Dazwischen findet man aber auch sehr viel Praktisches und Nützliches. Wie etwa den "Wikitude Travel Guide", der Google-Maps-Karten und Hunderttausende von sogenannten Points of Interest mit den Informationen der Wissensdatenbank Wikipedia verbindet. So kann man sich unterwegs ganz einfach über die Attraktionen vor Ort informieren. Hält man die eingebaute Kamera vor eine Szenerie, werden die dazu verfügbaren Informationen sogar direkt in die jeweilige Ansicht eingeblendet. Kamera und GPS-Ortung kommen auch bei "Shopsavvy" zum Einsatz. Hält man das Kameraauge etwa in einem Kaufhaus über einen Strichcode, zeigt die Software in Sekundenschnelle an, ob das betreffende Produkt im Internet oder in einem anderen Laden in der Nähe des aktuellen Standorts günstiger zu haben ist.

Der Wermutstropfen: günstig ist der mobile Onlinespaß nicht wirklich. Zwar kann man das G1 schon für einen Euro mit nach Hause nehmen. Dann ist man aber an einen zweijährigen T-Mobile-Vertrag gebunden, der im günstigsten Fall mit 44,95 Euro pro Monat zu Buche schlägt. Alle übertragenen Internetdaten sind damit inklusive, eine Gesprächsflatrate gibt es aber nur am Wochenende. Stolze 119,95 Euro muss man monatlich für ein Komplett-sorglos-Paket ausgeben. Wer mit 24,95 Euro die günstigste Monatsvariante wählt, muss bei der Nutzung der Internetfunktionen dagegen genau hinschauen. Ist das Inklusivvolumen von 200 Megabyte verbraucht, wird jedes zusätzliche Megabyte mit 49 Cent verrechnet. Bei der enormen Menge an Daten, die das G1 durch das HSDPA-Netz pumpt, könnte sich das schnell als Kostenfalle entpuppen. Für Normaltelefonierer lohnt sich das Google-Handy also nicht. Für mobile Surfer, die viel unterwegs sind, ist das G1 hingegen derzeit das Maß aller Dinge.
 
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