Stuttgarter Zeitung online | Zeitungsgruppe Stuttgart |  Samstag, 11. Februar 2012

Stuttgart & Region


High-Tech-Ruine in Böblingen

Dürre im schwäbischen Silicon-Valley

Michael Schmidt, veröffentlicht am 09.03.2009
Foto: StZ

Böblingen - Den Geschäftseinbruch, den Informationstechnik-Riesen wie Infineon oder AMD zurzeit erleben, hat IBM in Böblingen längst hinter sich. Auf der Hulb wurden vor zwanzig Jahren revolutionäre Computerchips gefertigt. Heute ist die einstige Zukunftsfabrik leergeräumt.


  Von Michael Schmidt

 
Anfang der achtziger Jahre war die Computerwelt noch überschaubar. Ein PC hatte Laufwerke aus foliendünnen Magnetscheiben und ratterte. Startete man beispielsweise das Programm "Flugsimulator", oszillierten Wellen und Striche in Grün über den dunklen Bildschirm, beschrieben allenfalls schematisch eine Flugbahn. Wer als angehender Elektroingenieur an der Universität im Stuttgarter Pfaffenwald etwas auf sich hielt, hatte einen IBM 286er und einen Golf I. Der Computer kostete mehr als der Gebrauchtwagen, 4000 Mark. Der Golf kam damals noch ohne Chip aus, heute rechnen in einem Mittelklassewagen rund 200 Mikro-Schaltkreise.

IBM war "Big Blue", der blaue Riese

Männer wie Karl-Heinz Baumgarte ahnten schon früh, wohin der Weg führt. 1977 landete der Hannoveraner im württembergischen Herzen der Hochtechnologie: Nach dem Krieg hatte die Weltfirma IBM in Sindelfingen und Böblingen ihren mitteleuropäischen Brückenkopf ausgebaut. "Alle erklärten mir, beim Amerikaner anzufangen, das hat Zukunft", sagt der heute 57-jährige Elektroingenieur mit stoisch ruhiger Stimme.

Er kam, als ein Waldstück zwischen der neuen Bodenseeautobahn und der Gäubahntrasse gerodet wurde und IBM dort eine Fabrik baute, wie sie weltweit einmalig war. IBM war "Big Blue", der blaue Riese. In Böblingen und in Sindelfingen lief die Zukunft vom Band. "Wafers" hießen die handtellergroßen, glitzernden Scheiben, die in Reinräumen gebrannt wurden, deren Luft kein Körnchen Staub enthielt und in denen Menschen arbeiteten, die verpackt wie in einem Operationssaal, die viel beschworene Hochtechnologie produzierten.

Die Scheiben waren Träger für immer winzigere Schaltkreise von Industrierechnern. Es war der Stoff, der die württembergische Talebene, in der Daimler sein Stammwerk hatte, zu einem schwäbischen Silicon-Valley verwandelte.

Die Kantine glich einem Nobelrestaurant

In der Zukunftsfabrik war alles anders. Die Kantine glich einem Nobelrestaurant. Wer wollte, konnte mittags und abends warm essen. Rinderfilet zu Zweimarkfünfzig, alles frisch. Der Fabrikchef saß neben dem Leiharbeiter. Amerikanische Unternehmenskultur im traditionsbewussten Schwabenland. Trennwände gab es nur für Gäste - wegen der Spionagegefahr. In den Aufenthaltsräumen der Fabrik gab es hübsche Polsterstühle, eine schöne Aussicht auf den Schönbuch und Schokoladentörtchen vom Automaten. Die Innovationsfabrik wirkte weit über das Werkstor hinaus. Weil für die komplizierte Verfahrenstechnik Unmengen an Frischwasser nötig waren, bekam der größte Kunde der Böblinger Stadtwerke eine eigene Stichleitung von der Bodenseepipeline - und sorgte so nebenbei für niedrige Wassergebühren in Böblingen.

Auf der Hulb liefen von 1988 bis Mitte der neunziger Jahre Computerchips im Drei-Schicht-Betrieb vom Band, was als tarifpolitischer Dammbruch galt. Der damalige IBM-Chef Olaf Henkel legte sich mit Kirchen und Gewerkschaften an. "Das war der Preis für den Vier-Megabit-Chip", sagt Karl-Heinz Baumgarte heute. Wenige Wochen vor dem Fall der Mauer in Berlin, erlebte die Chipproduktion in Europa ihren Höhepunkt auf der Böblinger Hulb. Am 3. Juli 1989 durfte der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl, kaum zu erkennen in seinem weißen Reinraumvollanzug, in Halle 31 den roten Startknopf für die neue Dimension in der Computerwelt drücken.

Ein Ende des Booms war nicht absehbar

"Ja, wir waren top", erinnert sich der Böblinger Oberbürgermeister Alexander Vogelgsang an die damalige Zeit. "Schließlich gab es da auch noch das Europahauptquartier von Hewlett-Packard und außerdem zahlreiche Zuliefererbetriebe. Ein Ende des Booms war nicht absehbar", sagt der SPD-Mann. Damals arbeiteten für IBM in Böblingen und in Sindelfingen insgesamt 6500 Menschen in der Produktion, allein auf der Hulb waren es 1200 Menschen. Heute gibt es keinen einzigen dieser 6500 Arbeitsplätze mehr.

Der Personal Computer habe das Ende eingeläutet, sagt der ehemalige Betriebsrat Baumgarte. "Der PC war das erste Gerät von IBM, in dem nicht mehr IBM drin war. Der Chip war von Intel." Plötzlich gab es heftige Marktschwankungen, während derer sich IBM kurzerhand per goldenem Handschlag von jenen Technikern und Ingenieuren verabschiedete, die das 52. Lebensjahr erreicht hatten. "Gleira" hieß die "gleitende Altersteilzeit" IBM-intern. "Gleich raus", sagten die Kollegen dazu.

Eine ganze Generation von hochgebildeten, vermögenden und doch arbeitslosen IBMlern hat damals zwischen Waldenbuch und Weissach ehrenamtliche Gemeinderatsjobs und Vereinsvorstandsschaften übernommen. Während Journalisten noch stolz darüber berichteten, dass die fingernagelgroßen "Silikonstückchen eine Kapazität von 300 Taschenbuchseiten" speichern konnten, rollte die Entwicklungsmaschinerie immer rasanter und immer globaler: Die IBM-Entwickler standen im brutalen Wettlauf mit japanischen Konkurrenten, die den Böblinger Vorsprung rasant aufholten. Bald war aus dem High-Tech-Juwel Computerchip ein Pfenningartikel geworden.

IBM schlug einen neuen Kurs ein

Mitte der neunziger Jahre wendete sich das Blatt dann vollends. IBM ging weltweit auf einen neuen Kurs. Statt verzweifelt um immer billigere Hardware zu ringen, sollte Software das Geld bringen. Gedankenblitze statt Reinstraumtechnik. Nicht weit von den Chipwerken auf der Hulb und in Sindelfingen entfernt, arbeiteten Forscher im IBM-Labor auf einem versteckt gelegenen Ausläufer des Schönbuchs damals an neuen Ideen, vor allem für den amerikanischen Markt.

"Wir haben uns erfolgreich dem Wandel angepasst", sagt Erich Baier, der Leiter des IBM-Forschungslabors: "Der Standort hier ist für uns absolut zukunftsfähig, Service-Dienstleistungen sind die Zukunft unserer Branche." Auf dem Schönaicher First blieb die Beschäftigungszahl konstant bei rund 2000 Leuten, während unten, auf den einstigen Schlachtfeldern des Bauernkrieges, die Arbeitsplätze immer weniger wurden.

Es war jene Zeit, als die drei großen Buchstaben auf dem Kamin der Fabrik dem Kürzel SMST wichen. Der niederländische Elektronikkonzern Philips war in die Chipproduktion mit eingestiegen. Im Jahr 1998 wurden aus den IBM-Werkern endgültig Philipsmitarbeiter. Auch wenn Baumgarte heute daran erinnert, dass man unter Philips viele Jahre gut gearbeitet habe: "Ein Problem war sicherlich, dass wir in den Werken nie eine Entwicklungsabteilung angesiedelt hatten. Da fehlte jemand, der unsere Produkte dem Kundenwunsch anpasste."

Hewlett-Packard ist auch noch da

Die Halbleiterbranche schmolz zusammen wie Quarzsand im Siliziumbrennofen. Während das einstige IBM-Stammwerk in Sindelfingen 2003 sang- und klanglos geschlossen wurde und die knapp 1000 übrig gebliebenen Arbeitsplätze auch noch verloren gingen, ließ Philips am Ende noch 550 Mitarbeiter auf der Hulb produzieren. "NXP", die quietschbunten Buchstaben der Halbleitersparte des niederländischen Konzerns, zieren bis heute große Wegweiser an der Hauptpforte.

Der Böblinger Oberbürgermeister Vogelgsang verweist auf den Wandel: "Mir ist es wichtig, dass die Firmen geblieben sind und nun viele Arbeitsplätze in der Entwicklung anbieten - hochqualifizierte sogar". IBM baut im Nachbardorf Ehningen gerade seine Hauptverwaltung auf. Hewlett-Packard ist auch noch da, hat diverse neue Firmenlogos auf der Hulb etabliert. Wie aber die Politik darauf reagieren soll, dass ein fast 50 Hektar großes Computerwerk im Herzen der Region einfach so übrig ist, darauf gibt es noch keine Antworten im Böblinger Rathaus.

Schon Anfang 2000 war die Hulb austauschbar geworden. Eines von vielen Werken auf der Computerweltkarte. Auf den Bändern liefen nun unterschiedliche Chips, vor allem für Kunden aus der Automobilbranche. "Unser Konzept ist nicht aufgegangen", sagt Karl-Heinz Baumgarte. Man habe zwar anspruchsvolle Produkte bei hoher Flexibilität und Qualität liefern können, die Aufträge seien aber nach China gegangen, wo billiger produziert wurde. In Chipwerken dort stehen mittlerweile die alten Maschinen aus Böblingen.

Im Jahr 2006 kündigte Philips das Ende an. Doch inmitten des vergeblichen Kampfes der Arbeiter um ihr Werk kam plötzlich ein Auftragsboom, den die Chipwerker, mit Leihkräften aufgestockt, in schwäbischer Manier bewältigten: "Es gab bis zum letzten Tag keine Arbeitsniederlegung, keine Sabotage. Chips von der Hulb waren bis zum Ende immer Spitze", sagt Baumgarte. Am 31. März vergangenen Jahres lief dann der letzte Chip vom Band. Weil die Fabrik nun trocken lag, stieg der Wasserzins für die übrigen Böblinger Wasserkunden um zwanzig Prozent.

IBM-Konkurrent Hewlett-Packard ist mittlerweile in einer der einstigen Fabrikationshallen Untermieter, ein paar hundert Menschen gehen also täglich noch ein und aus durch die Werkstore. Doch in der legendären Halle 31, wo einst Bundeskanzler Kohl und Olaf Henkel das neue Chipzeitalter in Böblingen begrüßten, herrscht heute gähnende Leere. Sämtliche Maschinen sind abgeräumt. Was noch nicht in China wieder aufgebaut ist, steht zum Kauf parat. Interessierte können die Gebrauchtwaren aus der Hochtechnologie im Internet begutachten. Ein einfacher PC genügt dazu.
 
Mehr aus Stuttgart & Region

Alle Artikel anzeigen
Anzeigen

Was möchten Sie unternehmen?
Wann möchten Sie etwas unternehmen?
vorheriger Monat
Monat
kommender Monat
Heute Morgen Akt. Woche
MODIMIDOFRSASO
0123456
0123456
0123456
0123456
0123456
0123456
Highlights am 11.02.
Premiere: Die Kunst zu Leben - Kinder- und Jugendhaus Zuffenhausen Haus 11
Premiere: Der Froschkönig - FITZ - Zentrum für Figurentheater
Derbe Kerbe - Schräglage
Anzeigen

Sie suchen eine neues Zuhause?

Wir haben Sie alle! Mieten oder kaufen, Wohnung oder Haus. In Baden-Württembergs bedeutendstem Immobilienmarkt finden Sie Angebote aus Stuttgart, der Region und dem Rest der Republik.
zur Immobiliensuche
 
nach oben