Vatikanischer Kongress
Gott vermeiden oder Gott spielen?
Paul Kreiner, veröffentlicht am 13.03.2009
Rom - Im großen Darwin- und Galilei-Jahr will auch der Vatikan mit kritischen und selbstkritischen Würdigungen nicht abseits stehen. In Rom ging es nun als Erstes - entspannt, aber fragend - um das oft umstrittene Verhältnis zwischen Theologie und Evolutionslehre.
Von Paul Kreiner
Die Evolution könnte so schön sein, wenn Richard Dawkins nicht wäre. Und noch fröhlicher ließe sich die irdische Artenvielfalt bestaunen, blieben einem neben dem militantesten Atheisten der Forscherzunft auch die ultragläubigen Kreationisten erspart. Wollte man den fünftägigen Großkongress an der Päpstlichen Universität Gregoriana auf einen Nenner zwingen, dann wäre es dieser.
Eingeladen vom vatikanischen Kulturministerium und von der katholischen Universität Notre Dame (im US-Bundesstaat Indiana), bemühten sich Naturwissenschaftler, Philosophen und Theologen in Rom um die Verständigung über eine Welt, die "von einem statischen zu einem dynamischen, evolutiven Verständnis der Gesamtwirklichkeit übergegangen" ist.
"Kirche hat seine Theorie nie verurteilt"
So umfassend hat es die katholische Kirche schon 1965, im Zweiten Vatikanischen Konzil, anerkannt. Und Gianfranco Ravasi, Chef des Päpstlichen Kulturrats, beeilte sich vor dem aktuellen Kongress noch einmal zu erklären, dass - anders als im Falle Galileo Galilei - gegenüber Charles Darwin weder Abbitte noch Rehabilitierung nötig sei: "Die Kirche hat seine Theorie nie verurteilt."
Gleichwohl: dass sogar der Mensch, die "Krone der Schöpfung", ein Produkt der Evolution sein soll, das ist theologisch noch lange nicht verwunden. Das wurde klar, als Kardinal Georges Cottier, der 86-jährige frühere Hoftheologe Johannes Pauls II., auftrat. Cottier sagte, es sei die Seele, die den Menschen ausmache. Diese aber könne "nicht aus einer Evolution im materiellen Sinne kommen"; sie sei Schöpfung Gottes, und erst mit ihrer "Einflößung" in den Körper sei der Mensch auf der Welt erschienen.
Dem widersprach zwar, milde lächelnd, der französische Theologe Jean-Michel Maldamé, der den Menschen als bruchlose Fortführung der Evolution sieht. Aber auch in seinem Vortrag wurde eines der bleibenden Kernprobleme deutlich, die Biologen und Theologen miteinander haben: Ist die Evolution - wie Biologen sie beschreiben - eine ziellose Abfolge von Mutationen, oder hat sie - wie Theologen das sehen - eine Richtung? Theologen sehen ihre naturwissenschaftlichen Kollegen in der Versuchung, "alles biologisch erklären" zu wollen und damit die Grenzen der naturwissenschaftlichen Methode zu überschreiten. Biologen wiederum wittern bei den Theologen den Verdacht, naturwissenschaftliche Forschungsergebnisse in das Prokrustesbett "ideologisch" vorgegebener Sinndefinitionen zu pressen.
Mensch als Mittelpunkt oder Randfigur?
Der Theologe Maldamé jedenfalls nennt den Menschen die "Vollendung alles dessen, was vor ihm war", und schreibt ihm, wenn schon keine Ziel-, so doch eine "Achsenfunktion in der Entwicklung der Welt" zu. Dreht sich heute also wieder ein Universum um den Menschen - wie zu Zeiten vor Kopernikus? Der in Rom ab- und ideell dauernd anwesende Richard Dawkins andererseits sieht den Menschen ganz, ganz anders: als zufälliges Randprodukt von fast vier Milliarden Jahren Leben.
Aus dem Fall Galilei - bei Darwin wurde eine Wiederholung nur knapp vermieden - hat die katholische Kirche gelernt, dass jeder bei seinem Leisten bleiben sollte: die Theologie bei der Theologie, die Naturwissenschaft bei der Naturwissenschaft. "Methodisch neutral" solle die Wissenschaft sein, verlangte der amerikanische Philosoph Elliott Sober: "Das bedeutet, man soll Gott nicht hineintragen. Aber ebenso wenig den Atheismus." Da war sie wieder, die Anspielung auf Dawkins.
Katholische Kräfte machen sich zurzeit aber auch deshalb so für die Freiheit und die Grundregeln der Naturwissenschaft stark, weil sie sich - anders als früher - nicht nur von den üblichen Atheisten ideologisch angegriffen sehen, sondern auch aus den Reihen der besonders Frommen. "Die kreationistische Krise", bedauerte der französische Wissenschaftshistoriker Jacques Arnould, sei "aus den USA über den Atlantik geschwappt" und bedrohe Europa.
Mit dem Kreationismus will Rom nichts zu tun haben
Mit dem Kreationismus und dem sozial verträglicher daherkommenden Konzept des intelligenten Designs (ID) will Rom nichts zu tun haben. Dass es einen Schöpfer der Welt gibt, steht theologisch zwar für die Kirche außer Frage, aber ihn - wie es die ID-Bewegung versucht - zu einer naturwissenschaftlich beweisbaren Ursache der Weltentwicklung zu erklären, das geht Katholiken gegen den Strich. Das evangelikal-fundamentalistische Bibelverständnis, auf das sich ID gründet, "ist nicht das der katholischen Kirche und der großen christlichen Denktradition", sagt der Dogmatiker und Wiener Kardinal Christoph Schönborn, der eine Zeit lang eine auffallende Sympathie für das intelligente Design erkennen ließ. Nun rudert Schönborn zurück: "Ich erwarte mir nicht von der naturwissenschaftlichen Forschung, dass sie mir Gott beweist. Das kann sie so wenig, wie sie das Gegenteil beweisen kann. Beides ist nicht im Horizont ihrer Methode." In Rom fehlte Schönborn - wie auch Vertreter des Kreationismus nicht eingeladen waren.
Was die katholische Kirche am Kreationismus und an der "Pseudowissenschaft des intelligenten Designs" stört, ist nicht nur die "unwissenschaftliche" Einbeziehung Gottes, sondern auch der ideologische Absolutheitsanspruch, der intolerante Beherrschungsversuch, mit dem Kreationisten in den USA beispielsweise den Schulunterricht vereinseitigen, nur noch die Lehre von der "Schöpfung in sechs Tagen" verbreiten wollen.
Es blieb dem Konstanzer Philosophen Jürgen Mittelstraß vorbehalten, einen Blick auf den hausgemachten Stand der Evolution zu werfen und ethische Fragen aufzuwerfen. Mittelstraß wies darauf hin, dass der Mensch mit der Biotechnologie heute sein eigenes Wesen ändern könne: "Nicht nur über seine äußere, seine physische und soziale Natur, sondern über die biologischen Grundlagen seiner selbst kann er verfügen."
Die technische Möglichkeit eines Angriffs auf Körper, Seele und Geist aber verändere die menschliche Grundverfassung, die Conditio humana; der Mensch wolle die Beschränktheit seiner Art und damit die Menschlichkeit selbst überwinden: "Offensichtlich plant er, Gott zu spielen." Ob er dabei aber sein Handwerk versteht? Angesichts des Zustands der modernen Welt hat Mittelstraß daran erhebliche Zweifel.
Von Paul Kreiner
Die Evolution könnte so schön sein, wenn Richard Dawkins nicht wäre. Und noch fröhlicher ließe sich die irdische Artenvielfalt bestaunen, blieben einem neben dem militantesten Atheisten der Forscherzunft auch die ultragläubigen Kreationisten erspart. Wollte man den fünftägigen Großkongress an der Päpstlichen Universität Gregoriana auf einen Nenner zwingen, dann wäre es dieser.
Eingeladen vom vatikanischen Kulturministerium und von der katholischen Universität Notre Dame (im US-Bundesstaat Indiana), bemühten sich Naturwissenschaftler, Philosophen und Theologen in Rom um die Verständigung über eine Welt, die "von einem statischen zu einem dynamischen, evolutiven Verständnis der Gesamtwirklichkeit übergegangen" ist.
"Kirche hat seine Theorie nie verurteilt"
So umfassend hat es die katholische Kirche schon 1965, im Zweiten Vatikanischen Konzil, anerkannt. Und Gianfranco Ravasi, Chef des Päpstlichen Kulturrats, beeilte sich vor dem aktuellen Kongress noch einmal zu erklären, dass - anders als im Falle Galileo Galilei - gegenüber Charles Darwin weder Abbitte noch Rehabilitierung nötig sei: "Die Kirche hat seine Theorie nie verurteilt."
Gleichwohl: dass sogar der Mensch, die "Krone der Schöpfung", ein Produkt der Evolution sein soll, das ist theologisch noch lange nicht verwunden. Das wurde klar, als Kardinal Georges Cottier, der 86-jährige frühere Hoftheologe Johannes Pauls II., auftrat. Cottier sagte, es sei die Seele, die den Menschen ausmache. Diese aber könne "nicht aus einer Evolution im materiellen Sinne kommen"; sie sei Schöpfung Gottes, und erst mit ihrer "Einflößung" in den Körper sei der Mensch auf der Welt erschienen.
Dem widersprach zwar, milde lächelnd, der französische Theologe Jean-Michel Maldamé, der den Menschen als bruchlose Fortführung der Evolution sieht. Aber auch in seinem Vortrag wurde eines der bleibenden Kernprobleme deutlich, die Biologen und Theologen miteinander haben: Ist die Evolution - wie Biologen sie beschreiben - eine ziellose Abfolge von Mutationen, oder hat sie - wie Theologen das sehen - eine Richtung? Theologen sehen ihre naturwissenschaftlichen Kollegen in der Versuchung, "alles biologisch erklären" zu wollen und damit die Grenzen der naturwissenschaftlichen Methode zu überschreiten. Biologen wiederum wittern bei den Theologen den Verdacht, naturwissenschaftliche Forschungsergebnisse in das Prokrustesbett "ideologisch" vorgegebener Sinndefinitionen zu pressen.
Mensch als Mittelpunkt oder Randfigur?
Der Theologe Maldamé jedenfalls nennt den Menschen die "Vollendung alles dessen, was vor ihm war", und schreibt ihm, wenn schon keine Ziel-, so doch eine "Achsenfunktion in der Entwicklung der Welt" zu. Dreht sich heute also wieder ein Universum um den Menschen - wie zu Zeiten vor Kopernikus? Der in Rom ab- und ideell dauernd anwesende Richard Dawkins andererseits sieht den Menschen ganz, ganz anders: als zufälliges Randprodukt von fast vier Milliarden Jahren Leben.
Aus dem Fall Galilei - bei Darwin wurde eine Wiederholung nur knapp vermieden - hat die katholische Kirche gelernt, dass jeder bei seinem Leisten bleiben sollte: die Theologie bei der Theologie, die Naturwissenschaft bei der Naturwissenschaft. "Methodisch neutral" solle die Wissenschaft sein, verlangte der amerikanische Philosoph Elliott Sober: "Das bedeutet, man soll Gott nicht hineintragen. Aber ebenso wenig den Atheismus." Da war sie wieder, die Anspielung auf Dawkins.
Katholische Kräfte machen sich zurzeit aber auch deshalb so für die Freiheit und die Grundregeln der Naturwissenschaft stark, weil sie sich - anders als früher - nicht nur von den üblichen Atheisten ideologisch angegriffen sehen, sondern auch aus den Reihen der besonders Frommen. "Die kreationistische Krise", bedauerte der französische Wissenschaftshistoriker Jacques Arnould, sei "aus den USA über den Atlantik geschwappt" und bedrohe Europa.
Mit dem Kreationismus will Rom nichts zu tun haben
Mit dem Kreationismus und dem sozial verträglicher daherkommenden Konzept des intelligenten Designs (ID) will Rom nichts zu tun haben. Dass es einen Schöpfer der Welt gibt, steht theologisch zwar für die Kirche außer Frage, aber ihn - wie es die ID-Bewegung versucht - zu einer naturwissenschaftlich beweisbaren Ursache der Weltentwicklung zu erklären, das geht Katholiken gegen den Strich. Das evangelikal-fundamentalistische Bibelverständnis, auf das sich ID gründet, "ist nicht das der katholischen Kirche und der großen christlichen Denktradition", sagt der Dogmatiker und Wiener Kardinal Christoph Schönborn, der eine Zeit lang eine auffallende Sympathie für das intelligente Design erkennen ließ. Nun rudert Schönborn zurück: "Ich erwarte mir nicht von der naturwissenschaftlichen Forschung, dass sie mir Gott beweist. Das kann sie so wenig, wie sie das Gegenteil beweisen kann. Beides ist nicht im Horizont ihrer Methode." In Rom fehlte Schönborn - wie auch Vertreter des Kreationismus nicht eingeladen waren.
Was die katholische Kirche am Kreationismus und an der "Pseudowissenschaft des intelligenten Designs" stört, ist nicht nur die "unwissenschaftliche" Einbeziehung Gottes, sondern auch der ideologische Absolutheitsanspruch, der intolerante Beherrschungsversuch, mit dem Kreationisten in den USA beispielsweise den Schulunterricht vereinseitigen, nur noch die Lehre von der "Schöpfung in sechs Tagen" verbreiten wollen.
Es blieb dem Konstanzer Philosophen Jürgen Mittelstraß vorbehalten, einen Blick auf den hausgemachten Stand der Evolution zu werfen und ethische Fragen aufzuwerfen. Mittelstraß wies darauf hin, dass der Mensch mit der Biotechnologie heute sein eigenes Wesen ändern könne: "Nicht nur über seine äußere, seine physische und soziale Natur, sondern über die biologischen Grundlagen seiner selbst kann er verfügen."
Die technische Möglichkeit eines Angriffs auf Körper, Seele und Geist aber verändere die menschliche Grundverfassung, die Conditio humana; der Mensch wolle die Beschränktheit seiner Art und damit die Menschlichkeit selbst überwinden: "Offensichtlich plant er, Gott zu spielen." Ob er dabei aber sein Handwerk versteht? Angesichts des Zustands der modernen Welt hat Mittelstraß daran erhebliche Zweifel.
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