Klinikalltag
Ethikkomitees helfen bei schwierigen Entscheidungen
Nicole Höfle, veröffentlicht am 18.03.2009
Stuttgart - Zum Klinikalltag gehören auch Grenzfragen der Medizin. Soll dem Patienten eine Sonde gelegt werden? Wollte er lebensverlängernde Maßnahmen? Das Diakonie-Klinikum hat vor zehn Jahren ein Ethikkomitee gegründet, viele Kliniken haben nachgezogen.
Von Nicole Höfle
Der Patient lag bereits monatelang auf der Intensivstation im Diakonie-Klinikum, hatte mehrere Infektionen und ein zweimaliges Nierenversagen hinter sich. Sein Zustand aber wollte sich trotz aller Bemühungen nicht stabilisieren. Die Frage, die die Ärzte und Pfleger an das Ethikkomitee richteten, lautete: soll beim nächsten Nierenversagen noch einmal eine Blutwäsche veranlasst oder sollen die lebensverlängernden Maßnahmen eingestellt werden?
Der Patient selbst war nicht ansprechbar, Angehörige gab es nicht, nur einen Freund, auch eine Patientenverfügung fehlte. "Wir lassen uns den Fall von allen Beteiligten schildern und versuchen, den mutmaßlichen Willen des Patienten zu ermitteln", erklärt der Seelsorger Ralf Horndasch die Arbeit des Ethikkomitees.
Marienhospital und andere folgten
Das Diakonie-Klinikum war das erste Stuttgarter Krankenhaus, das vor zehn Jahren ein Ethikkomitee einrichtete, um den Ärzten und Pflegekräften in Grenzsituationen beratend zur Seite zu stehen. Inzwischen sind viele Kliniken dem Vorbild des kirchlichen Hauses gefolgt. Das Marienhospital startete im Frühjahr 2004 mit einem Ethikrat, das Bethesda-Krankenhaus 2005, das städtische Klinikum im Herbst 2006 und das Robert-Bosch-Krankenhaus im vergangenen Jahr.
Die meisten Ethikkomitees sind interdisziplinär mit Ärzten, Pflegern, Seelsorgern und Verwaltungsleuten besetzt und können von den Mitarbeitern der Kliniken, aber auch von Angehörigen angerufen werden. Die Mitglieder der Komitees versuchen sich ein Bild von der Situation zu machen, fragen nach der Diagnose, den Behandlungsmöglichkeiten, der Prognose einer Therapie, den Erfahrungen im Umgang mit den Patienten und dem mutmaßlichen Patientenwillen - und geben dann eine Empfehlung ab. Die Entscheidung verbleibt zwar beim verantwortlichen Arzt, in der Regel aber wird der Rat gehört.
Mal geht es um die Schwerbehinderte mit einem Zungenkarzinom, für die es keine geeignete Therapie mehr gibt und die Frage, ob die Ärzte zur reinen Schmerztherapie übergehen sollen. Mal steht ein hochbetagter Patient im Fokus, der nach einem Schlaganfall nicht mehr schlucken kann und sich die Frage stellt, ob eine PEG-Sonde zur künstlichen Ernährung gelegt werden soll.
Ärzte und Pfleger schauen jetzt genauer hin
"Vor zehn Jahren wurde in solchen Fällen gar nicht weiter nach dem Willen des Patienten gefragt, sondern automatisch eine PEG-Sonde gelegt", erinnert sich der Mediziner Rudolf Mück. Der Oberarzt gehört seit zehn Jahren zum Ethikkomitee des Diakonie-Klinikums und ist froh um den Bewusstseinswandel im Krankenhausalltag. "Heute schauen Ärzte und Pfleger viel genauer hin", so Mück.
Als weiteres Beispiel führt er den Fall eines dementen Mannes an, der aus dem Pflegeheim mit dem Notarzt in die Klinik gebracht wurde, weil er Speisereste aspiriert hatte. Die Heimleitung wollte eine Ernährungssonde für den Mann, die Pflegekräfte in der Klinik aber stellten fest, dass der Mann selbständig essen konnte, wenn man sich genügend Zeit ließ. Das Komitee empfahl, von der Sonde Abstand zu nehmen.
Auch der Chefarzt Alexander Bosse, der Vorsitzende der Ethikkommission im Katharinenhospital, ist überzeugt, dass die Arbeit der Komitees Früchte trägt: "Wir haben für ethische Fragen sensibilisiert. Themen wie Sterben in Würde werden heute ganz anders reflektiert." Für Heinz Weiß, den Chefarzt der Abteilung für psychosomatische Medizin im Robert-Bosch-Krankenhaus ist sicher, dass den Ethikkomitees die Arbeit nicht ausgehen wird. "Je weiter sich die High-Tech-Medizin entwickelt und je ausgefeilter die Therapiemethoden werden, umso häufiger entstehen ethische Grenzsituationen."
Von Nicole Höfle
Der Patient lag bereits monatelang auf der Intensivstation im Diakonie-Klinikum, hatte mehrere Infektionen und ein zweimaliges Nierenversagen hinter sich. Sein Zustand aber wollte sich trotz aller Bemühungen nicht stabilisieren. Die Frage, die die Ärzte und Pfleger an das Ethikkomitee richteten, lautete: soll beim nächsten Nierenversagen noch einmal eine Blutwäsche veranlasst oder sollen die lebensverlängernden Maßnahmen eingestellt werden?
Der Patient selbst war nicht ansprechbar, Angehörige gab es nicht, nur einen Freund, auch eine Patientenverfügung fehlte. "Wir lassen uns den Fall von allen Beteiligten schildern und versuchen, den mutmaßlichen Willen des Patienten zu ermitteln", erklärt der Seelsorger Ralf Horndasch die Arbeit des Ethikkomitees.
Marienhospital und andere folgten
Das Diakonie-Klinikum war das erste Stuttgarter Krankenhaus, das vor zehn Jahren ein Ethikkomitee einrichtete, um den Ärzten und Pflegekräften in Grenzsituationen beratend zur Seite zu stehen. Inzwischen sind viele Kliniken dem Vorbild des kirchlichen Hauses gefolgt. Das Marienhospital startete im Frühjahr 2004 mit einem Ethikrat, das Bethesda-Krankenhaus 2005, das städtische Klinikum im Herbst 2006 und das Robert-Bosch-Krankenhaus im vergangenen Jahr.
Die meisten Ethikkomitees sind interdisziplinär mit Ärzten, Pflegern, Seelsorgern und Verwaltungsleuten besetzt und können von den Mitarbeitern der Kliniken, aber auch von Angehörigen angerufen werden. Die Mitglieder der Komitees versuchen sich ein Bild von der Situation zu machen, fragen nach der Diagnose, den Behandlungsmöglichkeiten, der Prognose einer Therapie, den Erfahrungen im Umgang mit den Patienten und dem mutmaßlichen Patientenwillen - und geben dann eine Empfehlung ab. Die Entscheidung verbleibt zwar beim verantwortlichen Arzt, in der Regel aber wird der Rat gehört.
Mal geht es um die Schwerbehinderte mit einem Zungenkarzinom, für die es keine geeignete Therapie mehr gibt und die Frage, ob die Ärzte zur reinen Schmerztherapie übergehen sollen. Mal steht ein hochbetagter Patient im Fokus, der nach einem Schlaganfall nicht mehr schlucken kann und sich die Frage stellt, ob eine PEG-Sonde zur künstlichen Ernährung gelegt werden soll.
Ärzte und Pfleger schauen jetzt genauer hin
"Vor zehn Jahren wurde in solchen Fällen gar nicht weiter nach dem Willen des Patienten gefragt, sondern automatisch eine PEG-Sonde gelegt", erinnert sich der Mediziner Rudolf Mück. Der Oberarzt gehört seit zehn Jahren zum Ethikkomitee des Diakonie-Klinikums und ist froh um den Bewusstseinswandel im Krankenhausalltag. "Heute schauen Ärzte und Pfleger viel genauer hin", so Mück.
Als weiteres Beispiel führt er den Fall eines dementen Mannes an, der aus dem Pflegeheim mit dem Notarzt in die Klinik gebracht wurde, weil er Speisereste aspiriert hatte. Die Heimleitung wollte eine Ernährungssonde für den Mann, die Pflegekräfte in der Klinik aber stellten fest, dass der Mann selbständig essen konnte, wenn man sich genügend Zeit ließ. Das Komitee empfahl, von der Sonde Abstand zu nehmen.
Auch der Chefarzt Alexander Bosse, der Vorsitzende der Ethikkommission im Katharinenhospital, ist überzeugt, dass die Arbeit der Komitees Früchte trägt: "Wir haben für ethische Fragen sensibilisiert. Themen wie Sterben in Würde werden heute ganz anders reflektiert." Für Heinz Weiß, den Chefarzt der Abteilung für psychosomatische Medizin im Robert-Bosch-Krankenhaus ist sicher, dass den Ethikkomitees die Arbeit nicht ausgehen wird. "Je weiter sich die High-Tech-Medizin entwickelt und je ausgefeilter die Therapiemethoden werden, umso häufiger entstehen ethische Grenzsituationen."
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