Achim Bächle vertritt die Eltern von Tim K.
Anwalt im Jenseits von Gut und Böse
Josef-Otto Freudenreich, veröffentlicht am 24.03.2009
Stuttgart - Der Stuttgarter Achim Bächle dürfte zurzeit der meistgefragte Anwalt der Republik sein. Er vertritt die Eltern des Amokschützen Tim K. - und das nicht ohne Grund: Der 57-jährige Strafrechtler ist ein Spezialist des Schreckens.
Von Josef-Otto Freudenreich
Es muss wohl seinen Grund haben, warum die feine Stuttgarter Kanzlei Wahle die Finger von dem Fall gelassen hat. Der Senior gehört zu den Honoratioren der Stadt, seine Sozietät berät zahlreiche Gemeinden im Land, und da mag es wenig opportun scheinen, die Eltern eines Amokläufers zu verteidigen. Für solche Fälle gibt es Achim Bächle, den Anwalt des Abgrunds. Ohne zu zögern, nicht eine Sekunde, betont er, habe er am Freitag, dem 13. März, das Angebot Wahles angenommen. Fasziniert von dem Unfassbaren. Seitdem vertritt er den Vater von Tim K., und seitdem agiert er auf allen Bühnen.
Das Böse ist sein täglich Brot
Der Medienansturm sei die "Hölle" gewesen, berichtet der 57-Jährige, wobei man um sein Seelenheil nicht fürchten muss. Trotz der Morddrohungen, die ihn erreicht haben. Bächle kennt das Geschäft, ihm ist das Böse vertraut, es ist sein täglich Brot. Er hat den NS-Massenmörder Josef Schwammberger verteidigt, dem die Tötung von 300 Juden zur Last gelegt wurde, die RAF-Terroristin Brigitte Mohnhaupt, den Eiskunstlauftrainer Karel Fajfr, der wegen sexuellen Missbrauchs Minderjähriger verurteilt wurde, den Vollzugsbeamten vom Großbottwarer Reiterhof, der ein zwölfjähriges Mädchen erdrosselt hat, den Bäcker von Siegelsbach, der des Mordes an einer Rentnerin schuldig gesprochen wurde, die Eltern des Hauptverdächtigen im Fall Tobias aus Weil im Schönbuch, der mit 37 Messerstichen getötet wurde.
Warum macht das einer? Bestimmt nicht, weil er ein Finsterling oder ein Schmuddelkind wäre. Sonst wäre er nicht Gast bei den Stuttgarter Halbhöhenpartys, zu denen auch, zu später Stunde, Günther Oettinger stößt. Er sei hartgesotten, hemdsärmlig, zynisch und eitel, sagt er selbst von sich, was zumindest für seine Offenheit spricht. Bächle ist kein Weichzeichner, und vielleicht ist das ständige Waten durch den "Sumpf der Gesellschaft" auch nur als Zyniker zu ertragen. Oder ist es nur die Rolle, die er vor sich herträgt, die Marke des juristischen Grenzgängers, der auf dem Markt der Advokaten sein Alleinstellungsmerkmal sucht? Immerhin: er würde keine Pädophilen vertreten, die ihre Schuld den Opfern zuweisen, er hat auch für eine Oma gestritten, die siebenmal im Kaufhaus beim Klauen erwischt worden ist. Das habe er gratis erledigt, sagt er.
Klavierlehrerinnen hielten ihn für ein Wunderkind
Seine Klavierlehrerinnen hätten ihn für ein Wunderkind gehalten, erzählt der Sohn eines Stuttgarter Bankers. Nächtens habe er in Stuttgarter Kirchen "A whiter Shade of Pale" auf den Orgeln gespielt, um (erfolglos) Mädchen zu beeindrucken, tagsüber habe er gegen das Verbot des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes in der ersten Reihe demonstriert. Der FDP-Grande Graf Lambsdorff hat ihn ein "großes Talent" genannt, als er Ende der achtziger Jahre auf der liberalen Liste (erfolglos) für den Bundestag kandidierte. Heute fährt er einen Porsche und einen Alfa und ist stolzes VfB-Mitglied.
Das Dasein im Jenseits von Gut und Böse hält alles aus, braucht keine Rechtfertigungen. Am einfachsten wäre jetzt vorzutragen, dass jeder Mensch, und sei er noch so schuldig, in einem Rechtsstaat das Recht auf ein faires Verfahren hat. Dafür arbeitet Bächle natürlich auch, und dafür ist ihm fast jeder Winkelzug recht, womit er nicht zum Winkeladvokaten wird. Wäre er einer, säße er nicht im Vorstand der Stuttgarter Anwaltskammer, und - zusammen mit einem honorigen Mitglied der Kanzlei Wahle - im Prüfungsausschuss für künftige Strafrechtler. Seine Studenten erfreut er gerne mit Gummibärchen, die er in den Hörsaal wirft.
Die Frage der Moral stellt sich ihm nicht, sie lässt ihn nur die Augen rollen und das lockige Haar schütteln. Jene der Kirche, des Geldes, der Ethiker? Höchstens jene der Strafprozessordnung. Alles ist Spiel, nur das Tragische, der "Mensch pur", der Mensch im Ausnahmezustand, ist interessant. Da hält er es mit dem berühmten Pariser Anwalt Jacques Vergès, der dem SS-Mann Klaus Barbie, dem Terroristen Carlos und Slobodan Milosevic beistand und gesagt hat: "Meine Moral ist, gegen jede Moral zu sein, weil sie das Leben festzerren will." Entscheidend ist die kühle Professionalität, deren Werte sich an den Paragrafen bemessen, und dann geht es nur noch darum, das Gesetz auszupressen im Sinne der Mandanten, wer immer sie sind. Bächle hat sich für die "Faszination des Grauens" entschieden, das immer und überall ist. Auch in Winnenden. Wir seien alle große und kleine Sünderlein, sagt er.
Familie K. wechselt ständig das Quartier
Zu der Familie von Tim K. ist er nicht im Porsche gefahren. Er hat den kleineren Alfa gewählt. Auch den Maßanzug und die spitzen Schuhe hat er zu Hause gelassen, stattdessen einen Cordanzug angezogen. Zu schwäbischen Schaffern komme man nicht im Dandylook. Das sei eine Sache der Sensibilität, sagt Bächle. Die Familie sei bei Freunden untergeschlüpft, wechsele ständig das Quartier. Sie wollten den Herbergsvätern nicht zur Last fallen, hätten sie gemeint. Drei geschlagene Menschen, meist in einem Zimmer, draußen seien sie nur bei Dunkelheit. Der "absolute Horror", schildert der Besucher.
Die Mutter habe Kraft für eine Stunde, versuche Halt zu finden in dem aus den Fugen geratenen Leben. Sie wolle ihren Schmerz, ihre Fassungslosigkeit, ihr Mitleiden mit den Opfern nach draußen tragen.
Bächle erzählt. Seinen Vorschlag, sich der Öffentlichkeit über eine Anzeige in den Stuttgarter Zeitungen mitzuteilen, verwirft die Mutter, sie wählt den Weg der Presseerklärung, die sich an den Text der Eltern des Erfurter Amokläufers Robert Steinhäuser anlehnt. Die Mutter will so schnell wie möglich wieder in das Eigenheim in Weiler zum Stein. Bächle rät ab, will Ostern abwarten, bis der Megahype vorüber ist. "Bild", warnt er, habe gegenüber eine Wohnung angemietet, belegt mit Fotografen im 24-Stunden-Dienst. Der PR-Profi kennt die Leute von Springer, er kooperiert häufig mit ihnen.
Der Vater will seine Firma retten
Der Vater berichtet ihm von der Beretta, die nicht im Nachtkästchen gelegen habe, sondern versteckt im Kleiderschrank hinter Pullovern. Zusammen mit der Munition in einem Handschuh. Das hat Bächle nicht erschreckt. Er habe Richter beim Schusstraining erlebt, wie sie die Colts gezogen hätten. "Wie John Wayne", beschreibt er, "nur, dass sie auf Scheiben gezielt haben." Meistens aber telefoniert der Vater, versucht seine Firma für Industriekartonagen zu retten, die zum größten Teil von dem Sägenhersteller Stihl abhängig ist.
Bächle wird später ein unerquickliches Gespräch mit dem Waiblinger Weltmarktführer haben. "Wenn Stihl die Geschäftsbeziehung kippt, ist die Firma tot", sagt er. Bei seinem Besuch in dem Betrieb berichten ihm die Verpackerinnen von ihrem "fürsorglichen Chef". Die 13-jährige Tochter schweige, so Bächle. Bei den ersten Schüssen hat sie ihre Mutter angerufen, die sofort ihren Sohn erreichen will. Kurz danach steht schon das SEK vor ihrer Tür. Bächle hört meistens nur zu, wenn die Familie erzählt.
Der Anwalt muss jetzt eine Strategie entwickeln, wie er seinen Mandanten vor der Anklage wegen fahrlässiger Tötung schützen kann. Die Waffe im Schlafzimmer, frei zugänglich für einen psychisch kranken Sohn, von dessen Zustand die Familie Kenntnis hatte? Diese Annahme muss Bächle zerstören. Tim sei nicht depressiv gewesen, behauptet er, die Eltern hätten nur überlegt, ob der 17-Jährige nach der Realschule eine Lehre im eigenen Betrieb machen oder auf die Waldorfschule wechseln sollte. Der Hausarzt sollte Begabung und Belastbarkeit prüfen, doch der habe sich überfordert gefühlt, den Jungen im Januar 2008 an das psychiatrische Klinikum in Weinsberg überwiesen, nachdem kurzfristig kein Psychologe verfügbar gewesen sei.
Was dort gesprochen worden ist, weiß Bächle nicht. Er kennt nur die öffentlichen Äußerungen des Direktors und fragt sich, warum die Klinik, wenn es denn notwendig gewesen wäre, auf keine weitere Behandlung gedrungen und keine Meldung abgegeben habe. Ihm sei nicht bekannt, kritisiert der Jurist, dass der Hausarzt je einen Bericht erhalten habe. Dasselbe gelte für die Familie, die völlig ahnungslos gewesen sei.
Sie wird sich am Mittwoch vor der Staatsanwaltschaft äußern müssen, über ihren ungekannten Sohn, der auch im Tod gesichtslos bleibt. Seit vergangener Woche ruht er in einem Friedwald, eingeäschert und anonym. Der Mensch Bächle macht sich Sorgen, weil er nicht weiß, ob die Familie das durchsteht.
Von Josef-Otto Freudenreich
Es muss wohl seinen Grund haben, warum die feine Stuttgarter Kanzlei Wahle die Finger von dem Fall gelassen hat. Der Senior gehört zu den Honoratioren der Stadt, seine Sozietät berät zahlreiche Gemeinden im Land, und da mag es wenig opportun scheinen, die Eltern eines Amokläufers zu verteidigen. Für solche Fälle gibt es Achim Bächle, den Anwalt des Abgrunds. Ohne zu zögern, nicht eine Sekunde, betont er, habe er am Freitag, dem 13. März, das Angebot Wahles angenommen. Fasziniert von dem Unfassbaren. Seitdem vertritt er den Vater von Tim K., und seitdem agiert er auf allen Bühnen.
Das Böse ist sein täglich Brot
Der Medienansturm sei die "Hölle" gewesen, berichtet der 57-Jährige, wobei man um sein Seelenheil nicht fürchten muss. Trotz der Morddrohungen, die ihn erreicht haben. Bächle kennt das Geschäft, ihm ist das Böse vertraut, es ist sein täglich Brot. Er hat den NS-Massenmörder Josef Schwammberger verteidigt, dem die Tötung von 300 Juden zur Last gelegt wurde, die RAF-Terroristin Brigitte Mohnhaupt, den Eiskunstlauftrainer Karel Fajfr, der wegen sexuellen Missbrauchs Minderjähriger verurteilt wurde, den Vollzugsbeamten vom Großbottwarer Reiterhof, der ein zwölfjähriges Mädchen erdrosselt hat, den Bäcker von Siegelsbach, der des Mordes an einer Rentnerin schuldig gesprochen wurde, die Eltern des Hauptverdächtigen im Fall Tobias aus Weil im Schönbuch, der mit 37 Messerstichen getötet wurde.
Warum macht das einer? Bestimmt nicht, weil er ein Finsterling oder ein Schmuddelkind wäre. Sonst wäre er nicht Gast bei den Stuttgarter Halbhöhenpartys, zu denen auch, zu später Stunde, Günther Oettinger stößt. Er sei hartgesotten, hemdsärmlig, zynisch und eitel, sagt er selbst von sich, was zumindest für seine Offenheit spricht. Bächle ist kein Weichzeichner, und vielleicht ist das ständige Waten durch den "Sumpf der Gesellschaft" auch nur als Zyniker zu ertragen. Oder ist es nur die Rolle, die er vor sich herträgt, die Marke des juristischen Grenzgängers, der auf dem Markt der Advokaten sein Alleinstellungsmerkmal sucht? Immerhin: er würde keine Pädophilen vertreten, die ihre Schuld den Opfern zuweisen, er hat auch für eine Oma gestritten, die siebenmal im Kaufhaus beim Klauen erwischt worden ist. Das habe er gratis erledigt, sagt er.
Klavierlehrerinnen hielten ihn für ein Wunderkind
Seine Klavierlehrerinnen hätten ihn für ein Wunderkind gehalten, erzählt der Sohn eines Stuttgarter Bankers. Nächtens habe er in Stuttgarter Kirchen "A whiter Shade of Pale" auf den Orgeln gespielt, um (erfolglos) Mädchen zu beeindrucken, tagsüber habe er gegen das Verbot des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes in der ersten Reihe demonstriert. Der FDP-Grande Graf Lambsdorff hat ihn ein "großes Talent" genannt, als er Ende der achtziger Jahre auf der liberalen Liste (erfolglos) für den Bundestag kandidierte. Heute fährt er einen Porsche und einen Alfa und ist stolzes VfB-Mitglied.
Das Dasein im Jenseits von Gut und Böse hält alles aus, braucht keine Rechtfertigungen. Am einfachsten wäre jetzt vorzutragen, dass jeder Mensch, und sei er noch so schuldig, in einem Rechtsstaat das Recht auf ein faires Verfahren hat. Dafür arbeitet Bächle natürlich auch, und dafür ist ihm fast jeder Winkelzug recht, womit er nicht zum Winkeladvokaten wird. Wäre er einer, säße er nicht im Vorstand der Stuttgarter Anwaltskammer, und - zusammen mit einem honorigen Mitglied der Kanzlei Wahle - im Prüfungsausschuss für künftige Strafrechtler. Seine Studenten erfreut er gerne mit Gummibärchen, die er in den Hörsaal wirft.
Die Frage der Moral stellt sich ihm nicht, sie lässt ihn nur die Augen rollen und das lockige Haar schütteln. Jene der Kirche, des Geldes, der Ethiker? Höchstens jene der Strafprozessordnung. Alles ist Spiel, nur das Tragische, der "Mensch pur", der Mensch im Ausnahmezustand, ist interessant. Da hält er es mit dem berühmten Pariser Anwalt Jacques Vergès, der dem SS-Mann Klaus Barbie, dem Terroristen Carlos und Slobodan Milosevic beistand und gesagt hat: "Meine Moral ist, gegen jede Moral zu sein, weil sie das Leben festzerren will." Entscheidend ist die kühle Professionalität, deren Werte sich an den Paragrafen bemessen, und dann geht es nur noch darum, das Gesetz auszupressen im Sinne der Mandanten, wer immer sie sind. Bächle hat sich für die "Faszination des Grauens" entschieden, das immer und überall ist. Auch in Winnenden. Wir seien alle große und kleine Sünderlein, sagt er.
Familie K. wechselt ständig das Quartier
Zu der Familie von Tim K. ist er nicht im Porsche gefahren. Er hat den kleineren Alfa gewählt. Auch den Maßanzug und die spitzen Schuhe hat er zu Hause gelassen, stattdessen einen Cordanzug angezogen. Zu schwäbischen Schaffern komme man nicht im Dandylook. Das sei eine Sache der Sensibilität, sagt Bächle. Die Familie sei bei Freunden untergeschlüpft, wechsele ständig das Quartier. Sie wollten den Herbergsvätern nicht zur Last fallen, hätten sie gemeint. Drei geschlagene Menschen, meist in einem Zimmer, draußen seien sie nur bei Dunkelheit. Der "absolute Horror", schildert der Besucher.
Die Mutter habe Kraft für eine Stunde, versuche Halt zu finden in dem aus den Fugen geratenen Leben. Sie wolle ihren Schmerz, ihre Fassungslosigkeit, ihr Mitleiden mit den Opfern nach draußen tragen.
Bächle erzählt. Seinen Vorschlag, sich der Öffentlichkeit über eine Anzeige in den Stuttgarter Zeitungen mitzuteilen, verwirft die Mutter, sie wählt den Weg der Presseerklärung, die sich an den Text der Eltern des Erfurter Amokläufers Robert Steinhäuser anlehnt. Die Mutter will so schnell wie möglich wieder in das Eigenheim in Weiler zum Stein. Bächle rät ab, will Ostern abwarten, bis der Megahype vorüber ist. "Bild", warnt er, habe gegenüber eine Wohnung angemietet, belegt mit Fotografen im 24-Stunden-Dienst. Der PR-Profi kennt die Leute von Springer, er kooperiert häufig mit ihnen.
Der Vater will seine Firma retten
Der Vater berichtet ihm von der Beretta, die nicht im Nachtkästchen gelegen habe, sondern versteckt im Kleiderschrank hinter Pullovern. Zusammen mit der Munition in einem Handschuh. Das hat Bächle nicht erschreckt. Er habe Richter beim Schusstraining erlebt, wie sie die Colts gezogen hätten. "Wie John Wayne", beschreibt er, "nur, dass sie auf Scheiben gezielt haben." Meistens aber telefoniert der Vater, versucht seine Firma für Industriekartonagen zu retten, die zum größten Teil von dem Sägenhersteller Stihl abhängig ist.
Bächle wird später ein unerquickliches Gespräch mit dem Waiblinger Weltmarktführer haben. "Wenn Stihl die Geschäftsbeziehung kippt, ist die Firma tot", sagt er. Bei seinem Besuch in dem Betrieb berichten ihm die Verpackerinnen von ihrem "fürsorglichen Chef". Die 13-jährige Tochter schweige, so Bächle. Bei den ersten Schüssen hat sie ihre Mutter angerufen, die sofort ihren Sohn erreichen will. Kurz danach steht schon das SEK vor ihrer Tür. Bächle hört meistens nur zu, wenn die Familie erzählt.
Der Anwalt muss jetzt eine Strategie entwickeln, wie er seinen Mandanten vor der Anklage wegen fahrlässiger Tötung schützen kann. Die Waffe im Schlafzimmer, frei zugänglich für einen psychisch kranken Sohn, von dessen Zustand die Familie Kenntnis hatte? Diese Annahme muss Bächle zerstören. Tim sei nicht depressiv gewesen, behauptet er, die Eltern hätten nur überlegt, ob der 17-Jährige nach der Realschule eine Lehre im eigenen Betrieb machen oder auf die Waldorfschule wechseln sollte. Der Hausarzt sollte Begabung und Belastbarkeit prüfen, doch der habe sich überfordert gefühlt, den Jungen im Januar 2008 an das psychiatrische Klinikum in Weinsberg überwiesen, nachdem kurzfristig kein Psychologe verfügbar gewesen sei.
Was dort gesprochen worden ist, weiß Bächle nicht. Er kennt nur die öffentlichen Äußerungen des Direktors und fragt sich, warum die Klinik, wenn es denn notwendig gewesen wäre, auf keine weitere Behandlung gedrungen und keine Meldung abgegeben habe. Ihm sei nicht bekannt, kritisiert der Jurist, dass der Hausarzt je einen Bericht erhalten habe. Dasselbe gelte für die Familie, die völlig ahnungslos gewesen sei.
Sie wird sich am Mittwoch vor der Staatsanwaltschaft äußern müssen, über ihren ungekannten Sohn, der auch im Tod gesichtslos bleibt. Seit vergangener Woche ruht er in einem Friedwald, eingeäschert und anonym. Der Mensch Bächle macht sich Sorgen, weil er nicht weiß, ob die Familie das durchsteht.
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