Synästhesie-Diagnose
Wenn schwarze Zeichen eine Farbe haben
Anja Tröster, veröffentlicht am 27.03.2009
Siehe auch
Stuttgart - Elektronikern wird gerne nachgesagt, sie würden sich lieber hinter Computern vergraben, als mit anderen zu reden. An der FH Aalen trainierten Elektronik-Absolventen kundenorientiertes Programmieren - mit einem Gerät, das Synästhesie nachvollziehbar machen soll.
Von Anja Tröster
Es gibt Worte, die haben eine Farbe für mich. Der Name Anton beispielsweise ist halb kräftig rot, halb knallblau. Ist das ein Anzeichen einer besonderen Fähigkeit - der Fähigkeit, Wahrnehmungen zu koppeln? Die Fachhochschule Aalen bietet mir die Möglichkeit, es herauszufinden: Dort haben Studenten im vergangenen Semester einen Test programmiert, der bald auch im Stadtlabor und dem nahe gelegenen Museum für optische Effekte in Leinroden installiert werden soll. Er soll Synästhetiker, in deren Wahrnehmung Farben und Formen und Wörter auf ungewöhnliche Weise miteinander verbunden werden, von Nichtbegabten unterscheiden.
Manfred Bartel ist kein Synästhetiker, er besitzt andere Begabungen. "Ich kann Dinge sichtbar machen, die unsichtbar sind", sagt er. Bartel ist aber weder Zauberer noch Gebrauchtwarenhändler, sondern Professor für Elektronik an der Hochschule Aalen. Es war seine Idee, mit Studenten den Synästhetikertest zu entwickeln. Nun darf ich Versuchskaninchen spielen - zunächst in einem Experiment, das mich in die wandelbare Welt der Sinneseindrücke einführt.
Der grüne Punkt ist eine Illusion
Auf dem großen Bildschirm vor mir erscheinen magentafarbene Punkte im Kreis angeordnet. In der Mitte des Schirms befindet sich ein kleines Kreuz. Darauf, sagt Bartel, solle ich mich konzentrieren. Ich folge seiner Anweisung - und sehe plötzlich immer, wenn einer der magentafarbenen Punkte kurz verschwindet, einen quietschgrünen aufleuchten. Manfred Bartel lächelt. Der grüne Punkt ist eine Illusion. "Und darum geht es auch in unserem Test", sagt er: "etwas sichtbar zu machen, was das Gehirn selbstständig erzeugt."
Das war für Bartel Ausgangspunkt eines schwierigen Versuchs. Die Elektronikstudenten sollten in der letzten Vorlesung Mikrorechnertechnik einen Mikrorechner so programmieren, dass er den Synästhesietest an einem Bildschirm abspielen kann. Positiver Nebeneffekt: Es handelt sich um eine Aufgabe, bei der die Studenten lernen können, mit Menschen umzugehen. Da die Wahrnehmung von Synästhetikern für die Studenten, bei denen es sich durch die Bank um Nichtsynästhetiker handelt, kaum nachvollziehbar ist, waren sie gezwungen, sich in das Denken anderer hineinzuversetzen. Eine Fähigkeit, die die Studenten später brauchen werden.
Wirrwarr an Konsonanten
Anfangs wehrten sie sich zwar dagegen: Es gebe keine Möglichkeit, das Gerät zu testen, gab ein Student zu bedenken. Schließlich habe man nicht jeden Tag einen Synästhetiker zur Hand. Bartel ließ das nicht gelten. Er setzte einen Aufruf in die Lokalzeitung und fand zwölf alphanumerische Synästhetiker aus der Gegend - also Menschen, die Buchstaben und Zahlen farbig sehen. Zugleich bescherte er seinen Studenten damit eine weitere Herausforderung, denn kein Synästhetiker empfindet wie der andere. Wie aber kann man sie dann erkennen?
Die Lösung der Studenten: Sie stellen auf dem Bildschirm einen Wirrwarr aus ähnlichen Buchstaben wie "b", "d" und "p" dar. So durcheinander, wie die Konsonanten da stehen, ist für mich nicht zu unterscheiden, ob es sich um ein auf dem Kopf stehendes "p" oder ein gespiegeltes "b" handelt. Ein Muster kann ich nicht erkennen. Und dieser Trick trennt die Spreu vom Weizen, wie Bartel mit einem Klick beweist: Das Bild springt von schwarz-weiß auf eine farbige Darstellung, und plötzlich taucht in dem scheinbaren Chaos ein Kreis aus lauter "b" auf. Wenn jeder Buchstabe eine andere Farbe erhält, ist dieses Muster leicht zu erkennen.
Für eine Synästhetikerin wie Gabriela Trümper ist dieser Kreis auch in der schwarz-weißen Darstellung auf den ersten Blick sichtbar. Die 48-jährige Angestellte aus Lauchheim ist eine der zwölf Testpersonen der Aalener Studenten. Für sie ist jedes "b" automatisch rot, so dass die Buchstaben aus einem Meer türkisfarbener "p" hervorstechen.
Alphabet in Farben aufgemalt
Trümper war sich ihrer Wahrnehmung schon als Kind bewusst. Als Grundschülerin malte sie das Alphabet in den Farben auf, die für sie wie selbstverständlich zu den Buchstaben gehören, wurde aber von der Lehrerin zurechtgewiesen. Damals wurde ihr bewusst, dass nicht alle so sehen wie sie. Lange Zeit ignorierte sie ihre Begabung, erst der Aufruf Bartels weckte ihre Neugier wieder. Ohne das Foto einer orangefarbenen Fünf wäre sie allerdings gar nicht auf das Thema aufmerksam geworden - weil der Begriff Synästhesie ihr nichts sagte. "Ich fühlte mich einfach immer ein wenig als Sonderling", sagt sie.
Seit dem Treffen mit den anderen Synästhetikern in Aalen ist das vorbei. "Es ist schön, nicht mehr allein zu sein." Jetzt tauscht sie sich in einem Internetforum mit anderen Synästhetikern aus. Dort sind die Vorbehalte gegenüber der Forschung groß: Viele Synästhetiker haben offenbar äußerst schlechte Erfahrungen gemacht. Gabriele Trümper nicht. Sie hat an den Besuch in Aalen nur schöne Erinnerungen, schließlich haben die Studenten ihr Gewissheit über ein bislang verborgenes Talent beschert. Und sicher ist jetzt auch: Ein einzelnes Wort als blau und rot zu empfinden, ist noch keine Synästhesie.
Der Versuch mit den magentafarbenen Punkten: www.michaelbach.de/ot/col_lilacChaser
Von Anja Tröster
Es gibt Worte, die haben eine Farbe für mich. Der Name Anton beispielsweise ist halb kräftig rot, halb knallblau. Ist das ein Anzeichen einer besonderen Fähigkeit - der Fähigkeit, Wahrnehmungen zu koppeln? Die Fachhochschule Aalen bietet mir die Möglichkeit, es herauszufinden: Dort haben Studenten im vergangenen Semester einen Test programmiert, der bald auch im Stadtlabor und dem nahe gelegenen Museum für optische Effekte in Leinroden installiert werden soll. Er soll Synästhetiker, in deren Wahrnehmung Farben und Formen und Wörter auf ungewöhnliche Weise miteinander verbunden werden, von Nichtbegabten unterscheiden.
Manfred Bartel ist kein Synästhetiker, er besitzt andere Begabungen. "Ich kann Dinge sichtbar machen, die unsichtbar sind", sagt er. Bartel ist aber weder Zauberer noch Gebrauchtwarenhändler, sondern Professor für Elektronik an der Hochschule Aalen. Es war seine Idee, mit Studenten den Synästhetikertest zu entwickeln. Nun darf ich Versuchskaninchen spielen - zunächst in einem Experiment, das mich in die wandelbare Welt der Sinneseindrücke einführt.
Der grüne Punkt ist eine Illusion
Auf dem großen Bildschirm vor mir erscheinen magentafarbene Punkte im Kreis angeordnet. In der Mitte des Schirms befindet sich ein kleines Kreuz. Darauf, sagt Bartel, solle ich mich konzentrieren. Ich folge seiner Anweisung - und sehe plötzlich immer, wenn einer der magentafarbenen Punkte kurz verschwindet, einen quietschgrünen aufleuchten. Manfred Bartel lächelt. Der grüne Punkt ist eine Illusion. "Und darum geht es auch in unserem Test", sagt er: "etwas sichtbar zu machen, was das Gehirn selbstständig erzeugt."
Das war für Bartel Ausgangspunkt eines schwierigen Versuchs. Die Elektronikstudenten sollten in der letzten Vorlesung Mikrorechnertechnik einen Mikrorechner so programmieren, dass er den Synästhesietest an einem Bildschirm abspielen kann. Positiver Nebeneffekt: Es handelt sich um eine Aufgabe, bei der die Studenten lernen können, mit Menschen umzugehen. Da die Wahrnehmung von Synästhetikern für die Studenten, bei denen es sich durch die Bank um Nichtsynästhetiker handelt, kaum nachvollziehbar ist, waren sie gezwungen, sich in das Denken anderer hineinzuversetzen. Eine Fähigkeit, die die Studenten später brauchen werden.
Wirrwarr an Konsonanten
Anfangs wehrten sie sich zwar dagegen: Es gebe keine Möglichkeit, das Gerät zu testen, gab ein Student zu bedenken. Schließlich habe man nicht jeden Tag einen Synästhetiker zur Hand. Bartel ließ das nicht gelten. Er setzte einen Aufruf in die Lokalzeitung und fand zwölf alphanumerische Synästhetiker aus der Gegend - also Menschen, die Buchstaben und Zahlen farbig sehen. Zugleich bescherte er seinen Studenten damit eine weitere Herausforderung, denn kein Synästhetiker empfindet wie der andere. Wie aber kann man sie dann erkennen?
Die Lösung der Studenten: Sie stellen auf dem Bildschirm einen Wirrwarr aus ähnlichen Buchstaben wie "b", "d" und "p" dar. So durcheinander, wie die Konsonanten da stehen, ist für mich nicht zu unterscheiden, ob es sich um ein auf dem Kopf stehendes "p" oder ein gespiegeltes "b" handelt. Ein Muster kann ich nicht erkennen. Und dieser Trick trennt die Spreu vom Weizen, wie Bartel mit einem Klick beweist: Das Bild springt von schwarz-weiß auf eine farbige Darstellung, und plötzlich taucht in dem scheinbaren Chaos ein Kreis aus lauter "b" auf. Wenn jeder Buchstabe eine andere Farbe erhält, ist dieses Muster leicht zu erkennen.
Für eine Synästhetikerin wie Gabriela Trümper ist dieser Kreis auch in der schwarz-weißen Darstellung auf den ersten Blick sichtbar. Die 48-jährige Angestellte aus Lauchheim ist eine der zwölf Testpersonen der Aalener Studenten. Für sie ist jedes "b" automatisch rot, so dass die Buchstaben aus einem Meer türkisfarbener "p" hervorstechen.
Alphabet in Farben aufgemalt
Trümper war sich ihrer Wahrnehmung schon als Kind bewusst. Als Grundschülerin malte sie das Alphabet in den Farben auf, die für sie wie selbstverständlich zu den Buchstaben gehören, wurde aber von der Lehrerin zurechtgewiesen. Damals wurde ihr bewusst, dass nicht alle so sehen wie sie. Lange Zeit ignorierte sie ihre Begabung, erst der Aufruf Bartels weckte ihre Neugier wieder. Ohne das Foto einer orangefarbenen Fünf wäre sie allerdings gar nicht auf das Thema aufmerksam geworden - weil der Begriff Synästhesie ihr nichts sagte. "Ich fühlte mich einfach immer ein wenig als Sonderling", sagt sie.
Seit dem Treffen mit den anderen Synästhetikern in Aalen ist das vorbei. "Es ist schön, nicht mehr allein zu sein." Jetzt tauscht sie sich in einem Internetforum mit anderen Synästhetikern aus. Dort sind die Vorbehalte gegenüber der Forschung groß: Viele Synästhetiker haben offenbar äußerst schlechte Erfahrungen gemacht. Gabriele Trümper nicht. Sie hat an den Besuch in Aalen nur schöne Erinnerungen, schließlich haben die Studenten ihr Gewissheit über ein bislang verborgenes Talent beschert. Und sicher ist jetzt auch: Ein einzelnes Wort als blau und rot zu empfinden, ist noch keine Synästhesie.
Der Versuch mit den magentafarbenen Punkten: www.michaelbach.de/ot/col_lilacChaser
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