Winnender Zentrum für Psychiatrie

Depressive befürchten Stigmatisierung wegen Amoklaufs

Thomas Schwarz, veröffentlicht am 27.03.2009
Foto: Grabowsky

Winnenden - Es gebe keinen wissenschaftlich fundierten Hinweis, dass Antidepressiva Aggressionen auslösen, betont die Leitung des Zentrums für Psychiatrie in Winnenden. Anderslautende Meldungen nach dem Amoklauf verunsicherten nicht nur die Patienten.


  Von Thomas Schwarz

 
Nach dem Schulmassaker von Winnenden war bekanntgeworden, dass der 17-jährige Täter mehrmals wegen Depressionen in der Klinik Weissenhof in Weinsberg behandelt worden sein soll - was seine Eltern allerdings bestreiten. Die Leitung des Zentrums für Psychiatrie (ZFP) in Winnenden befürchtet nun aber, dass Depressive grundlos weiter stigmatisiert werden, weil falsche Schlüsse gezogen werden könnten. Unter anderem, dass Medikamente, die zur Behandlung von Depressionen eingesetzt werden, sogenannte Antidepressiva, angeblich Aggressionen gegen andere verstärken sollen.

"Ich kenne keine dahingehenden wissenschaftlichen Hinweise", sagt Günter Hetzel, der Ärztliche Direktor des ZFP. Die Wirkungen von Antidepressiva würden ständig an Tausenden von Patienten untersucht. Unter den Patienten hätten anderslautende Meldungen nach dem Amoklauf aber Unruhe gestiftet. Sie befürchteten, ein weiteres Klischee könne zur bisherigen Stigmatisierung kommen. Die Vorstellung, ein Depressiver sei ein potenzieller Amokläufer, sei jedoch "völlig daneben", sagt Hetzel. "Bei der Häufigkeit dieser Erkrankung müssten dann solche Vorfälle jeden Monat passieren." Die Wahrscheinlichkeit, im Laufe des Lebens an einer schweren Depression zu erkranken, liege bei 15 Prozent. Hetzel: "Das heißt, 15 von 100 Menschen sind gefährdet."

Auch zu einem anderen Gerücht nimmt Hetzel Stellung. Es stimme nicht, dass der 17-jährige Täter im ZFP behandelt oder zur Behandlung angemeldet gewesen sei. "Wir haben keine Kinder- und Jugendpsychiatrie hier", sagt er. Eine Behandlung in Winnenden sei nur von einem Alter von 18 Jahren an möglich, betont die Betriebsdirektorin Anke Bossert. Die nächste Fachklinik in der Region ist in Stuttgart im Olgahospital zu finden.

"Die Kinder und Jugendpsychiatrie ist eine sehr junge Disziplin", sagt der Professor Hellmuth Braun-Scharm, der Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Virngrundklinik in Ellwangen ist. Über die Psyche von jugendlichen Amokläufern sei kaum etwas bekannt, da diese sich während ihrer Taten meist selbst töteten. "Man kann oft nur spekulieren." Aus der Ferne auf den psychischen Hintergrund eines Menschen zu schließen, sei nicht möglich, sagen Braun-Scharm und Hetzel. Dazu müsse man die Täter begutachten, was nur in der persönlichen Begegnung möglich sei.

Aus den ärztlichen Unterlagen, die über den 17-Jährigen vorliegen, könnten eventuell Schlüsse auf eine psychische Störung gezogen oder zumindest bestimmte Krankheiten ausgeschlossen werden. "Das ist Sache der Forensiker." Die Ergebnisse würden nur anonymisiert veröffentlicht. "Die ärztliche Schweigepflicht gilt über den Tod hinaus", betont Hetzel. Eine Ausnahme davon gebe es nur, wenn Hinweise auf eine bevorstehende Straftat vorlägen.

"Depressive Menschen sind keine potenziellen Amokläufer", betont Hetzel nochmals. Depressionen seien unter Jugendlichen weit verbreitet, so Braun-Scharm. Die Annahme, dass dies ein Phänomen sei, das seine Ursache in der modernen Gesellschaft habe, sei falsch. "Das gilt grundsätzlich nicht für eine bestimmte Zeit. Der Unterschied ist, dass man heute darauf achtet", sagt Braun-Scharm. Dass Amokläufer meist junge Menschen seien, liege sicher auch am höheren Grad von Impulsivität in ihrem Verhalten.
 
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