Saubere Wattestäbchen

Teure Angelegenheit

Rüdiger Bäßler, veröffentlicht am 22.04.2009
Foto: dpa

Stuttgart - Das durch unreine Wattestäbchen verursachte Fahndungsdesaster um eine vermeintliche Serienverbrecherin soll sich nicht wiederholen. Wissenschaftler haben in Stuttgart Änderungen der Polizeiarbeit vorgeschlagen. Sie sind allerdings teuer oder bedürfen der Rechtsklärung.


  Von Rüdiger Bäßler

 
Ein Kreis von zehn Wissenschaftlern hatte sich am Montag von 14 bis 18 Uhr im Innenministerium zusammengefunden. Dabei waren die Professoren Walther Parson aus Innsbruck, Claus Bartram vom Heidelberger Institut für Humangenetik oder auch Peter Schneider vom Institut für Rechtsmedizin in Köln. Sie debattierten mit den Spezialisten des Landeskriminalamts Baden-Württemberg und des Bundeskriminalamts Wiesbaden über ein einziges Problem: Wie kann künftig verhindert werden, dass Polizeibeamte, ob in Deutschland oder anderen europäischen Ländern, noch einmal mit Laborbedarf arbeiten, der mit DNA verunreinigt ist?

Kontamination mit DNA kann leicht passieren

Die in Verruf geratenen Laborwattestäbchen der Frickenhausener Firma Geiner bio-one sind in Baden-Württemberg per Schnellverfügung aus dem Verkehr gezogen worden. Damit sind die Unsicherheiten jedoch nicht beseitigt, denn auch die Produkte anderer Hersteller könnten während der manchmal langen, mehrstufigen Herstellungsprozesse von Arbeitern mit DNA kontaminiert werden. Das gilt vor allem für die aus mehreren Komponenten bestehenden Wattestäbchen, aber theoretisch auch für Handschuhe, Transportbehälter oder die Schutzanzüge der Spurensicherungsbeamten.

Die naheliegendste Lösung des Problems ist es, Laborprodukte vor der Endauslieferung an die Polizeibehörden chemisch so zu behandeln, dass jede DNA zerstört wird. Es gibt Säuren, die das schaffen können, doch sie eignen sich in den wenigsten Fällen, etwa im Fall von Wattetupfern. Effizienter scheint die Begasung fragiler Artikel mit Ethylenoxid zu sein.

Dabei handelt es sich um ein toxisches Gas, das nicht nur Bakterien, Schimmel und Pilze abtötet, sondern außerdem die DNA-Kette in so kleine Fragmente zerlegt, dass eine Messung unmöglich wird. "Wir müssen mit den betreffenden Firmen Rücksprache halten, was machbar ist", sagt der Diplombiologe Hans-Joachim Weisser vom Freiburger Institut für Rechtsmedizin, der am jüngsten Expertentreffen teilgenommen hat.

Aus Kostengründen wird auf Edelstäbchen verzichtet

Vor allem wird zu prüfen sein, was bezahlbar ist. Mit Ethylenoxid behandelte Wattestäbchen gibt es nämlich seit langem auf dem Markt, entwickelt von der Schweizer Firma Swissforensix, die Anfang des Jahres vor der Billigkonkurrenz aus Asien in die Knie gehen musste und Insolvenz anmeldete. Deren Patente zur kriminalistischen Spurensicherung wurden von der ebenfalls eidgenössischen Firma Prionics gekauft. Die Prionics-Stäbchen liegen preislich jedoch erheblich über simpler gefertigten Artikeln, was ein Grund dafür sein dürfte, dass sie in Deutschland kaum verwendet werden.

Ein weiterer Lösungsansatz der Wissenschaftler zielt direkt auf die Fließbänder der Herstellerfirmen. Die DNA aller Arbeiter, die mit Herstellung und Verpackung von Laborartikeln zu tun haben, so die Idee, könnte in einer eigenen Datenbank gespeichert werden. Käme es zu Spurtreffern, könnte schnell ausgeschlossen werden, dass wie im Fall der Phantomfrau noch einmal eine arglose Arbeiterin zur Verdächtigen wird.

Allerdings gibt es keine Rechtsgrundlage dafür, die DNA unbescholtener Firmenmitarbeiter lediglich aufgrund einer polizeilichen Vorsichtsmaßnahme zu erheben. Das Einsammeln von Speichelproben in Lieferbetrieben müsste also auf freiwilliger Basis geschehen. "Das ist eine Möglichkeit. Aber da müssen erst die rechtlichen Seiten geklärt werden", bestätigt der Freiburger Wissenschaftler Weisser.

Die Vorschläge aus Baden-Württemberg werden beim nächsten Treffen der bundesweiten Arbeitsgruppe "DNA-Standards" diskutiert, die sich am 11. Mai trifft. Der baden-württembergische Forscherkreis kommt im Juni wieder zusammen und will dann seinen Maßnahmenkatalog fertig formulieren.

Anschließend dürften weitere Wochen vergehen, bis mit Herstellern geredet wurde und die Zusatzkosten geklärt sind, die dem Steuerzahler durch die zusätzliche chemische Behandlung von Wattestäbchen und anderen Artikeln entstehen. Bis dahin haben die Polizeidienststellen Zeit, ihren Interpretationshorizont im Fall von Serientaten zu erweitern, die nur durch DNA-Spuren belegt sind. Ketten von Spur-Spur-Treffern von mehreren Orten, sagt Biologe Weisser, müssten "besser und kritischer hinterfragt werden".
 

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