Google

Ein Kulturkampf ums Urheberrecht

Jörg Plath, veröffentlicht am 06.05.2009
Foto: AP

Stuttgart - Alles jederzeit und umsonst - mit dieser Gratismentalität von Anbietern und Nutzern im Internet scheint es bald vorbei zu sein. Denn jetzt ist der Streit um Urheberrechte voll entbrannt. Ausgelöst hat ihn der Suchmaschinengigant Google.


  Von Jörg Plath

 
Lange Zeit haben die Anhänger des Internets die Szene beherrscht und das ungehinderte Kopieren und Verändern fremder Werke als wunderbar schöpferisch und ungemein kulturschaffend gelobt. Mittlerweile hat sich das geändert, und wenn die Kohorten der Kritiker weiter so schnell anwachsen, wird "Urheberrecht" noch zum populären Schlachtruf avancieren.

Es geht längst nicht mehr allein um Google

Längst geht es nicht mehr nur um Protest gegen den US-amerikanischen Suchmaschinenbetreiber Google, der sieben Millionen Bücher digitalisiert hat, ohne Autoren, Zeichner, Komponisten, Fotografen und ihre Verleger um Erlaubnis zu fragen. Inzwischen glauben manche schon, "unsere Kultur" sei bedroht. Wie so oft bei solch schrillen Kulturkampftönen geht es um Selbstbestimmung und -erhaltung. Also auch um Geld.

Den meisten Staub wirbelt gegenwärtig der von dem Heidelberger Germanisten Roland Reuss und dem Konstanzer Bibliothekar Uwe Jochum im März initiierte "Heidelberger Appell" auf. Er sieht die "Freiheit von Literatur, Kunst und Wissenschaft" gefährdet durch illegale Verwendung von urheberrechtlich geschütztem Material bei Google und Youtube sowie durch deutsche Wissenschaftsorganisationen, die Forscher zur digitalen Publikation "nötigen".

Gemeint ist die Open-Access-Veröffentlichung, die für Leser kostenlos ist und mit der sich Universitäten gegen die explodierenden Zeitschriftenpreise wehren. Mehr als 1700 Wissenschaftler, Künstler und Schriftsteller, darunter Hans Magnus Enzensberger, Siegfried Lenz und Isolde Ohlbaum, haben mit ihrer Unterschrift unter den Appell die Politik aufgefordert, die vom Grundgesetz verbürgte "Publikationsfreiheit und die Freiheit von Forschung und Lehre" zu verteidigen.

Freiheit heißt nicht, auf Papier zu produzieren

Diese Formulierungen sind so vollmundig wie problematisch. Freiheit heißt nicht, auf Papier zu publizieren. Und Open Access hat mit Googles Buchsuche und Youtube nur das Medium Internet gemeinsam. Beides zusammenzurühren stiftet Verwirrung: Der Appell bündelt ein diffuses Unbehagen gegenüber dem Netz. Selbst Bundesjustizministerin Brigitte Zypries und Kulturstaatsminister Bernd Neumann äußerten Verständnis - und unternahmen bisher nichts.

Allen Beteiligten steht der Einbruch der Umsatzzahlen der Musikindustrie um 40 Prozent vor Augen, der als Folge der Einführung von Internet-Tauschbörsen angesehen wird. Ein ähnliches Schicksal befürchten Verlage und Kreative, die von Texten, Fotos, Bildern und Noten leben. Sie dürften froh sein über die zunehmend heftige Diskussion, die einem schwierigen Thema Aufmerksamkeit verschafft und dazu führt, dass über Lösungen nachgedacht wird.

Die Verbände, die sich über Googles Buchsuche ärgern, würden am liebsten alles beim Alten lassen. Ein frommer Wunsch, denn seit 2004 scannt Google in den USA und in Europa Bücher für eine "digitale Weltbibliothek". Doch es hat gedauert, bis US-amerikanische Autoren- und Verlegerverbände Klage einreichten, weil Google die Autoren und Verleger, die Inhaber der Buchrechte, nicht um Erlaubnis gefragt hatte.

Vergleich ist ausgehandelt

Inzwischen ist ein Vergleich ausgehandelt: Google zahlt, sofern das New Yorker Gericht zustimmt, die Verfahrenskosten, dazu jedem Autor eines ungenehmigt digitalisierten Buches 60 US-Dollar sowie 34,5 Millionen US-Dollar für die Gründung eines digitalen, unabhängigen Buchregisters. Dieses Register soll die Einnahmen verteilen (37 Prozent an Google, der Rest an die Rechteinhaber), die erwirtschaftet werden aus dem kostenpflichtigen Zugang zu digitalisierten Büchern oder ihrem Download als E-Book oder Book on Demand, aus der Werbung neben den Buchsuche-Ergebnissen sowie aus Onlineabonnements für Institutionen und Bibliotheken.

Dafür werden Googles Urheberrechtsverletzungen durchgewinkt. Die Scanmaschinen dürfen weiterlaufen, und wer seine Rechte als Autor (oder dessen Erbe) eines vergriffenen Werkes nicht bis zum Stichtag auf www.googlebooksettlement.com anmeldet, verliert sie an Google. Es genügt also nicht, ein Buch geschrieben zu haben - man muss dies auch gegenüber dem US-Unternehmen erklären, sonst ist es weg. Man stelle sich vor, welche Aufregung herrschte, wenn so mit Privatautos oder Häusern verfahren würde! Mittlerweile befürchten viele in den USA ein Google-Digitalisierungsmonopol. Die Fristen wurden verlängert. Das Gericht wird nicht im Juni, sondern erst am 7. Oktober über den Vergleich entschieden, gegen den Urheber nun bis zum 4.September Einspruch erheben können.

Dann aber wird die Einigung für die ganze Welt gelten, auch für mehr als 100.000 deutschsprachige Bücher, die bereits gescannt sind. Eine deutsch-österreichisch-schweizerische Allianz von Buchhändler- und Verlegerverbänden, Verwertungsgesellschaften und Autorenvereinigungen hält Widerstand gegen den Vergleich für zu teuer und will stattdessen die Möglichkeiten ausschöpfen, die er bietet.

Die Reihen bröckeln

Ohne öffentliche Diskussion einigte sie sich darauf, die Verwertungsgesellschaften - im Deutschland die VG Wort - gegen Google in Stellung zu bringen. So wie diese schon jetzt Abgaben auf Kopien, CDs, DVDs, Geräte und Pressespiegel erheben und sie an mehr als 400.000 Autoren und Verlage verteilen, sollen die Verwertungsgesellschaften die 60 US-Dollar Entschädigung je Werk eintreiben und dann die Rechte an allen gescannten Bücher zurückziehen.

Über die Nutzung der vergriffenen Titel soll dann mit Google und Dritten verhandelt werden, denn das Onlineangebot bedeutet ja ein neues Geschäft. Die Nutzung der lieferbaren Bücher aber soll in den eigenen Händen bleiben, etwa bei "libreka!", der Online-Datenbank der deutschsprachigen Verlage. Allerdings bröckeln die Reihen: Droemer Knaur, Teil des fünftgrößten deutschen Verlagskonzerns Holtzbrinck (S. Fischer, Rowohlt, Kiepenheuer & Witsch), macht nicht mit.

Die Allianz versucht also, das bisherige Geschäftsmodell des Buchhandels gegenüber Google zu retten. Damit dürften die Unterzeichner des Heidelberger Appells nicht zufrieden sein, ebenso wenig wie die Kreativen, von denen die meisten bisher karg entlohnt wurden. Die Diskussion darüber, wie in digitalen Zeiten mit schöpferischer Arbeit Geld verdient werden kann, ist eröffnet. Eines ist schon jetzt gewiss: das Internet wird auf Dauer nicht kostenlos bleiben.
 

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