Stuttgarter Zeitung online | Zeitungsgruppe Stuttgart |  Sonntag, 12. Februar 2012

Wissen & Computer


Neue Gefahr

Handyviren lauern im Funknetz

Michael Vogel, veröffentlicht am 12.05.2009
Foto: GDATA

Stuttgart - Seit Jahren warnen Experten vor der Gefahr, sich auf Handys und Taschencomputern Computerviren einzufangen. Doch passiert ist bisher wenig. Eine wissenschaftliche Simulation kann nun auch erklären, warum das so ist - und warum sich das wohl bald ändern wird.


  Von Michael Vogel

 
Es ist eine Geschichte der Warnungen, die rückblickend als weitgehend überflüssig erscheint: Seit rund zehn Jahren weisen IT-Sicherheitsexperten immer wieder darauf hin, dass mobilen Endgeräten ein ähnliches Schicksal droht, wie den PCs und Notebooks. Dank Sicherheitslücken und unvorsichtigen Nutzern infizieren sich die Systeme gegenseitig mit Computerviren. Doch der wesentliche Teil unserer mobilen Kommunikationswelt, die Handys, zeigte sich bislang ziemlich unbeeindruckt von diesen Gefahren, denn mit den kleinen Geräten tauschen die Nutzer jenseits der technisch sehr begrenzten Kurznachrichten (SMS) kaum Daten aus.

Weil Smartphones immer beliebter werden

Kann man mit einem Handy also im Wesentlichen nur telefonieren, verwischen Smartphones die Grenze zwischen Mobiltelefon und Computer. Denn sie stellen ihrem Besitzer zusätzlich umfangreiche Funktionen zur Verfügung, die man aus der PC-Welt kennt: etwa Terminplaner, Textverarbeitung, E-Mail-Programm und Internetbrowser. Die Nutzer können bei Bedarf auch weitere Software installieren. Apples erfolgreiches iPhone hat das Smartphone endgültig populär gemacht. Daneben gibt es Kleinstcomputer für die Westentasche, die sich über Mobilfunknetze oder drahtlose Funknetze (WLAN) mit dem Internet verbinden lassen, um zum Beispiel E-Mails abzurufen. Früher war der Palm Pilot der am weitesten verbreitete Kleinstrechner, heute ist vor allem der Blackberry angesagt.

Mehr als 400 Smartphone-Viren sind inzwischen dokumentiert. Manchmal schaffte es einer von ihnen zu einer lokalen Berühmtheit, aber in ihrer Gesamtheit blieben sie auf der Mehrzahl der Geräte - trotz deren großer Ähnlichkeit mit Computern - überraschend wirkungslos. Eigentlich eine erstaunliche Sache angesichts der 122 Millionen Smartphones, die allein im vergangenen Jahr laut dem Marktforschungsunternehmen Gartner verkauft worden sind.

"Smartphones werden in einer nahen Zukunft die alles beherrschenden Kommunikationsgeräte werden", glaubt Albert-László Barabási, Professor an der Northeastern University. Dort leitet er das Center for Complex Network Research. Smartphones seien für all diejenigen interessant, die auf die Schnelle etwas im Internet nachschauen müssten oder bloß eine E-Mail verschicken wollten. Das gehe mit diesen Geräten sehr viel schneller als mit einem Notebook oder PC, die man erst mal umständlich starten muss.

Und es geht von überall aus. Zusammen mit seinen Kollegen hat der renommierte Physiker Barabási kürzlich im Wissenschaftsmagazin "Science" dargelegt, warum sich die Unruhe über Viren und Schadprogramme trotz der Popularität der Smartphones bisher in engen Grenzen hält. Dazu simulierte er mit seinen Kollegen, wie sich digitale Viren über die beiden wahrscheinlichsten Wege ausbreiten könnten, die von der Mehrzahl der Geräte unterstützt wird: über Bluetooth und per Multimedia Message (MMS).

Sie verbreiten sich wie Grippeviren

Die Kurzstreckenfunktechnik Bluetooth arbeitet in einem Umkreis von 10 bis maximal 30 Meter. Kommen sich zwei Bluetooth-fähige Geräte so nahe, können sie - falls es ihre Nutzer wollen - Daten austauschen. Als MMS wiederum lassen sich Bilder, Videos oder andere Dateien an beliebige andere MMS-fähige Handys versenden.

Das Verbreitungsmuster der Viren über Bluetooth entspricht laut Barabási jenem des Grippevirus: Menschen müssten zunächst einander recht nahe kommen. Bluetooth-Viren breiteten sich deshalb relativ langsam aus, innerhalb von Tagen. Dagegen könne ein MMS-Virus binnen Stunden sehr viele Handys infizieren, weil er große Entfernungen überbrückt. "Dass wir trotzdem noch keinen signifikanten Ausbruch eines MMS-Virus gesehen haben, liegt an den geringen Marktanteilen der verschiedenen Handybetriebssysteme", sagt Barabási. Denn jedes Virus funktioniert nur in der (Betriebssystem-)Umgebung, für die er programmiert wurde. Selbst das Smartphone-Betriebssystem Symbian OS - unter anderem läuft es in Geräten von Nokia, Motorola, Samsung und Sony Ericsson - ist laut Barabásis Simulationen noch deutlich von einem sicherheitskritischen Wert in der Marktdurchdringung entfernt.

Das Marktforschungsunternehmen Gartner beziffert Symbians Marktanteil für 2008 auf rund 53 Prozent, Tendenz fallend. Dahinter folgen Research in Motion (Blackberry) mit fast 17 und Windows Mobile mit knapp 12 Prozent. Mac OS X (iPhone) und Linux (wozu auch Googles Betriebssystemplattform Android zählt) erreichen jeweils gut acht Prozent. Palm OS, der einstige Pionier bei Taschencomputern, schafft es auf knapp zwei Prozent.

Zum Vergleich: Von den gut 300 Millionen PCs und Notebooks, die im vergangenen Jahr über die Ladentheken dieser Welt gegangen sind, nutzt die erdrückende Mehrheit das gleiche Betriebssystem, nämlich Windows. Trotz aller Erfolge der Konkurrenz von Linux und Apple. Trotzdem: Barabási geht davon aus, dass es nur eine Frage der Zeit sein wird, bevor die mobilen Betriebssysteme ein großes Virenproblem zur Folge haben könnten.
 
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