"Es ging um die Sache, nun ist es um"
22.05.2009 - aktualisiert: 22.05.2009 05:47 Uhr
Zwischen Wand- und Widersprüchen: eine neue Anthologie versammelt hundert Gedichte aus der DDR
Von Jürgen Verdofsky
Seit der von Wieland Herzfelde 1951 besorgten Auswahl "Hundert Gedichte" von Brecht gibt es ein Modell. Die von Christoph Buchwald und Klaus Wagenbach herausgegebenen "100 Gedichte aus der DDR" sollen dagegen nichts kanonisieren oder vereinfachen. 59 Dichter und Dichterinnen zeigen sich hier mit ein bis vier Gedichten: Vom Nachkrieg, dieser Sattelzeit der Utopie, bis zu ihrem letzten Aufschlag, dem Sturz der Mauer aus innerer Ursache. Kein Name fehlt, auch kein selten genannter wie Richard Leising oder Uwe Greßmann. Dichter, die es auch ohne DDR gäbe, nicht zuletzt Wolfgang Hilbig. Von den Parteibarden werden uns nicht alle Namen erspart, die schlimmsten aber doch.
Brecht, Becher, Arendt und Hermlin kommen aus der Emigration, Huchel, Bobrowski und Maurer haben den Krieg im Rücken. Das unersättliche Ideal, eine Gesellschaft der Freien und Gleichen, kann sich im stalinistischen Alltag nicht behaupten. Aber im Gedicht hallt es lange nach: Bei Brecht in spitzer Dialektik, bei Becher in anfälliger Selbsttäuschung, bei Hermlin adaptiv zur französischen Avantgarde. Peter Huchel zeigt sich als metaphorischer Landschafter, das wird Brecht am meisten interessieren, Johannes Bobrowski mit "sarmatischen" Bildern, Erich Arendt ist in Lateinamerika dem magischen Realismus begegnet, Georg Maurer besinnt sich auf das poetische Handwerk seit Klopstock. Brecht und Huchel sind für die Jüngeren die Pole. Einige lernen bei dem zu Unrecht vergessenen Maurer ihr Handwerk und zeigen sich als "Sächsische Dichterschule", die aber für keine Schublade taugt.
"Auferstanden aus Ruinen" heißt nach der Becher-Hymne der erste Block. Dichter leben nicht über die Vergangenheit hinweg, schwerer zu durchschauen ist die Gegenwart. Aber viele glauben noch, mit Vernunft und Verve den Lauf der Dinge beeinflussen zu können. Einige verweigern sich der Vereinfältigung der Welt durch Ideologie, andere weniger. Nicht selten hilft Ironie als Wellenbrecher gegen überraschende Moralstürme. "In Geschützrohre bohren wir kleine Löcher hinein/Dort ziehen dann Spechte und Stare ein" (Karl Mickel). Im Zyklus "Das Aufbegehren und die Macht" mit Huchels "Ordnung der Gewitter" und Biermanns "Warte nicht auf beßre Zeiten" geht es lebhafter um das anfängliche Ideal und die Anstrengung, ihm zu folgen. "Dem Grund zu, die Richtung der Märchen,/ (. . .) wir zerren an den Strängen" (Franz Fühmann).
Zu den Eigenheiten der "Geräusche meines Landes" gehört es, dass sie keineswegs aufhören, wenn man genug von ihnen hat. Die Dichter denken in Allgemeinbegriffen, doch sie leben im Detail. Sie haben "Zeit wie Heu" (Elke Erb), sitzen wie in einem Warteraum, sind gereizt und zerstritten. "Zu wenig Freunde sind geblieben" (Sarah Kirsch). Manchmal gibt es ein Tauwetter, es ist kurz und darf auf keinen Fall verpasst werden. Alles hängt irgendwie mit der angehaltenen Zeit im "Ländchen" zusammen, das aber ist für die Strahlkraft der hier geschrieben Verse weit weniger bedeutsam als vermutet.
Die "Proben des Grenzfalls" beginnen ästhetisch, "im düstern kesselhaus (. . .)/ saß ein grüner fasan" (Hilbig). Machthaber kommen mit bunten Vögeln nicht klar, jedes ungehörige Wort wird zum Menetekel. Dichter sehen nun einmal voraus. "Zwischen den Himmeln. Sehe jeder, wo er bleibt" (Barbara Köhler). Die DDR - ein plötzlich zusammengesunkener Berg. "Es ging um die Sache, nun ist es um" (Elke Erb). Aber auch Streulicht bis zuletzt. Volker Braun, der widerrufende Erstunterzeichner des Biermann-Protests, trauert dem verlorenen "Volkseigentum" nach. Während Peter Hacks sich als ein "nicht jeder" gibt und "beim Glenfiddichtrinken hinterm Dachfirst die Epoche sinken" sieht.
Den Herausgebern geht es um repräsentative Beispiele, den Umriss, die Korrespondenz und Gegenrede untereinander. Sie zeigen, die DDR als poetische Lebensform ist eine Legende. Den Weg zu den einzelnen Namen, die immer mehr sind als nur Dichter aus der DDR, muss jeder selber finden. Wagenbach und Buchwald haben umsichtig und mit feiner Ironie neue Fährten gelegt.
100 Gedichte aus der DDR. Hg. und mit einem Nachwort von Christoph Buchwald und Klaus Wagenbach. Wagenbach Verlag, Berlin. 176 Seiten, 16,90 Euro.